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Brauchen Kinder Kuhmilch, um gesund gross zu werden?

Veganismus ist zwar noch ein Randphänomen, findet aber immer mehr Beachtung. Eine Ernährungsberaterin sagt, worauf Familien achten sollten.
11 Nov 2020
Bilder — Unsplash

Frau Honigmann, Anfang November fand in der Deutschschweiz der alljährliche «Tag der Pausenmilch» statt. Dort lernen Kinder (und ihre Eltern), wie essenziell wichtig Milchprodukte für die körperliche Entwicklung der Kinder seien. Empfohlen werden 3 Portionen Milch pro Tag. Was sagen Sie zu dieser Empfehlung?
Ich kann als Fachperson hinter dieser Empfehlung stehen. Diese drei Portionen pro Tag für ein Kind sind auch gar nicht so viel! Ein Glas Milch zum Zmorge, ein Esslöffel geriebener Käse am Mittag, und vielleicht ein Joghurt zum Nachtessen, damit ist der Bedarf eines Kindes schon abgedeckt.

Brauchen Kinder überhaupt Milch?
Ja, aber je nach Alter in unterschiedlichem Mass. Wir sind ja Säugetiere, und für eine Weile ist (Mutter)milch unser einziges Lebensmittel. Früher wurden Kinder rund vier Jahre lang gestillt, das ist eigentlich die biologische Veranlagung des Menschen. Nun sind wir in unserer Gesellschaft aber vom Langzeitstillen weggekommen. Für Kleinkinder ist Milch im Prozess der Beikosteinführung und des Essenlernens wichtig, weil die Kleinen meistens nur wenig von anderen Lebensmitteln essen. Je mehr feste Nahrung ein Kind zu sich nimmt, desto weniger wichtig wird die Milch.

«Je mehr feste Nahrung ein Kind zu sich nimmt, desto weniger wichtig wird die Milch.»

Kuhmilch sei «vitamin- und kalziumreich». Vor allem das Kalzium für starke Knochen wird betont. Ist Milch der einzige oder zumindest der beste Kalziumlieferant?
Milch deckt einen grossen Teil unseres Kalzium- und Proteinbedarfs. Wenn wir auf Milch verzichten, braucht es einiges an Wissen, damit genug Kalzium aufgenommen wird. Als Alternative eignen sich beispielsweise pflanzliche Drinks, die mit Kalzium angereichert sind, beispielsweise auf Sojabasis. Aber auch Nüsse, Samen, Nussbutter, Sesammus (Tahini), Hülsenfrüchte und Gemüse – insbesondere die Kohlarten – liefern Kalzium. Ein Kind im Alter zwischen vier und sieben Jahren hat einen täglichen Kalziumbedarf von rund 750 Milligramm. Das schafft es kaum, über Gemüse und Nüsse aufzunehmen, es braucht also gezielt angereicherte Produkte wie eben kalziumhaltige Pflanzenmilch und Mineralwasser.

Was sollte man dabei sonst berücksichtigen?
Es ist zu beachten, dass die Nährstoffe vom Körper nicht aus jedem Lebensmittel gleich gut aufgenommen werden können. Sesam beispielsweise hat sehr viel Kalzium, ist ja aber sehr leicht. Ein Löffel Sesamsamen auf dem Salat bringt uns da nicht weit, ausserdem wird beim Konsum von Sesamsamen in der Schale das Kalzium vom Körper fast nicht aufgenommen. Gemahlen in Form von Sesambutter kann das Kalzium viel besser und konzentrierter aufgenommen werden.

Sie haben Milch auch als wichtigen Eiweisslieferanten erwähnt. Wie sieht es bezüglich möglichem Ersatz für Eiweiss aus?
Eiweiss ist ein wichtiger Nährstoff in der Milch. Wenn eine Familie Milchprodukte weglassen will, sollte sie darauf achten, dass verschiedene pflanzliche Eiweisse kombiniert werden. Beispielsweise fehlt Hülsenfrüchten ein Eiweissbaustein, welche im Getreide drin ist. Interessanterweise wird das ja seit Jahrhunderten in verschiedenen Esskulturen so kombiniert, beispielsweise Mais mit Bohnen in der südamerikanischen oder Linsen mit Reis in der indischen Küche. Bei der vegetarischen Ernährung ist es einfach, die nötigen Eiweissmenge zu erreichen, beispielsweise ist eine Rösti mit Spiegelei oder ein Kartoffelgratin mit Milch oder Käse von der Eiweisswertigkeit besser als ein Stück Fleisch. Die vegetarische Ernährung ist grundsätzlich einfacher zu handhaben, da gibt es kaum Risiken einer Mangelernährung, wenn nicht einfach vegetarischer Junkfood konsumiert wird (lacht).

Wenn wir unseren Milchkonsum beispielsweise aus ethischen Gründen einschränken möchten: Worauf müssen wir achten, damit unsere Kinder keine Mängel davontragen?
Bei einer veganen Ernährung muss unbedingt mit B12 supplementiert und gut auf Eiweisse und Kalzium geachtet werden.

Welche problematischen Aspekte an Milch gibt es?
Für mich sind die negativen Aspekte sicher die aufwändige Produktion, also der ökologische Aspekt, wie auch die Fragen der Tierhaltung. Zudem vertragen gewisse Menschen keine Milch, sie haben eine Laktoseintoleranz oder eine Kuhmilcheiweissallergie. Es gibt auch Kinder, die zuviel Milch oder Milchprodukte konsumieren, und dann zu wenig von den anderen Lebensmitteln zu sich nehmen…

Was ist von der Behauptung zu halten, Milch begünstige gewissen Krebsarten und sei hormonaktiv?
Ich halte mich da an Paracelsus: «Alle Dinge sind Gift, und nichts ohne Gift – allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.». Es gibt beispielsweise Studien, die Milchkonsum mit Prostatakrebs bei Männern in Verbindung bringt, aber da sprechen wir nicht von drei Portionen Milch pro Tag, sondern von Männern, die täglich einen Liter Milch trinken oder 200 Gramm Käse essen. Die empfohlenen Portionen sind denn auch für Erwachsene nicht so gross: Die in der Schweiz empfohlene Menge ist enthalten in einer Tasse Milch, 30 Gramm Käse und einem Joghurt, andere Länder empfehlen sogar bloss zwei Portionen.

«Eine vegane Ernährung mit Kindern ist möglich, erfordert aber in der Familie eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Ernährung.»

Was ist mit Laktoseintoleranz? Wie viele Menschen sind davon betroffen, und wie äussert sie sich?
Dabei handelt es sich um eine Intoleranz gegen Milchzucker, welcher nicht vom Darm aufgenommen werden kann und stattdessen von Bakterien zersetzt wird. Typische Symptome sind Blähungen, Durchfall, Windabgang oder Verstopfung. Es gibt eine vererbte Variante der Laktoseintoleranz, meist kommt sie also in Familien gehäuft vor. Wenn ein Kind wenig Appetit, häufige Übelkeit oder Durchfall hat und eine Laktoseintoleranz in der Familie bekannt ist, empfehle ich, einen Test machen zu lassen. Je nach Kulturkreis kommt Laktoseintoleranz sehr unterschiedlich häufig vor: in gewissen Teilen Asiens und Afrika beträgt sie teilweise 90%, in Finnland nur rund 5%. In der Schweiz sind 20-25% der Bevölkerung laktoseintolerant. Über Laktoseintoleranz wird gerade viel geredet, es ist aber keine neue Krankheit: Meine Grossmutter hatte das beispielsweise auch, sie hat einfach keine Milch mehr getrunken – viele Menschen, die davon betroffen sind, regulieren sich selber, auch ohne Diagnose. Heute ist es allerdings viel einfacher damit umzugehen, da es viele laktosefreie Produkte gibt.

Und dann gibt es auch noch die Kuhmilcheiweissallergie, wie zeigt die sich?
Die Kuhmilcheiweissallergie hat schwerwiegendere Folgen: Das Immunsystem wehrt sich gegen die Eiweisse der Milch, Patienten klagen über Bauchweh, blutigen Stuhl, Kinder haben ein verlangsamtes Wachstum und erbrechen oft. Bei solchen Symptomen ist unbedingt eine ärztliche Abklärung und bei einer entsprechenden Diagnose der komplette Verzicht auf Kuhmilch nötig.

Aktuell liegt ja die vegane Ernährung im Trend, es gibt immer mehr vegane Restaurants, zunehmend bieten Produzenten vegane Fleisch- und Milchersatzprodukte an und sogar die Emmi hat eine vegane Joghurtlinie im Angebot. Kann man sich als Familie guten Gewissens vegan ernähren, oder wird es zwangsläufig Mängel geben?
Es ist sicher möglich, braucht aber in der Familie eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Ernährung. Am wichtigsten ist sicher, das Vitamin B12 als Supplement zu geben. Ausserdem muss man gut darauf achten, dass das Kind genug isst, weil die energiedichte pflanzlicher Nahrung eher gering ist. Schauen Sie also, dass es genug Kalorien zu sich nimmt. Die meisten europäischen Fachgesellschaften für Ernährung raten von veganer Ernährung in sensiblen Lebensabschnitten (Schwangerschaft, Stillzeit, für Säuglinge und Kleinkinder) ab, da das Risiko für Mangelzustände erhöht ist. Die Amerikanische Academy of Nutrition and Dietetics sieht das anders, sie nennt die vegetarische und vegane Ernährung für alle Lebensabschnitte empfehlenswert, sofern sie aufmerksam umgesetzt wird.

«Es gibt heute auch viele sehr stark verarbeitete vegane Produkte.»

Was es auch zu bedenken gibt: Nicht alle dieser Ersatzprodukte sind gesund und sinnvoll, es gibt heute auch viele sehr stark verarbeitete vegane Produkte im Angebot. Es ist also für alle eine Herausforderung, sich gesund zu ernähren, egal welche  Ernährungsform wir wählen.

Haben Sie denn selber schon Mangelernährungen aufgrund veganer Ernährung bei Kindern erlebt?
Ich habe Fälle von Säuglingen im ersten Lebensjahr erlebt, bei welchen die Muttermilch mit pflanzlicher Milch ersetzt wurde, die massiv unterernährt waren. Gerade, wenn auch kein B12 gegeben wurde, ist das dramatisch, weil das bleibende neurologische Schäden verursacht. Ich habe aber auch ganz viele gut entwickelte vegan ernährte Kinder erlebt!

Wie stehen sie denn persönlich zur veganen Ernährung bei Kindern oder Schwangeren?
Ich persönlich rate meinen KlientInnen nicht davon ab und akzeptiere es, wenn jemand davon überzeugt ist. Für mich ist aber eine konsequente vegane Ernährung bei Kindern auch mit viel Verzicht verbunden, die ein Kind einschränkt, an einem Geburtstagsfest beispielsweise oder auf einem Schulausflug. Aber wenn sich jemand beispielsweise koscher oder halal ernährt, geht das ja auch. Ich denke einfach, es braucht hier ein Bewusstsein, dass es es sich bei der veganen Ernährung um ein Überstülpen der eigenen Sichtweise auf ein Kind handelt und die ständige Auseinandersetzung damit wichtig ist, gerade wenn die Kinder älter werden.

Was gilt es in der Schwangerschaft und Stillzeit zu beachten?
Wie schon erwähnt gilt es auch hier, B12 zu ergänzen sowie auf genügend Eiweiss, Kalorien und Kalzium zu achten – das braucht viel Aufmerksamkeit. Jede Hauptmahlzeit muss einen oder mehrere Eiweisslieferanten beinhalten – einmal Tofu pro Tag reicht also nicht! In der Schwangerschaft ist ein guter Parameter sicher die Gewichtszunahme, denn manchmal ist das Volumen an Nahrung vielleicht gegeben, aber der Kaloriengehalt nicht. Zum Gemüse sollte also beispielsweise Tahini kommen und zum Zvieri nicht nur ein Apfel, sondern auch Nüsse.

«Ich habe auch ganz viele gut entwickelte vegan ernährte Kinder erlebt.»

Was müsste man substituieren, d.h. beispielsweise den Kindern in Vitaminpräparaten zusätzlich verabreichen?
Abgesehen von B12 kommt im Winter Vitamin D dazu– wie bei allen Kleinkindern, egal welche Ernährung sie kriegen. In der Stillzeit und für Kinder empfehle ich ausserdem, die DHA-Fettsäure aus der Omega-3-Gruppe zu supplementieren, sie steuert die Gehirnentwicklung. Dafür gibt es vegane Supplemente auf Algenbasis. Wichtig für alle Ernährungsformen: Verwenden Sie jodiertes Salz statt Meersalz!

Wo kann man sich als Familie vorurteilsfrei zu diesem Thema informieren?
Bei einer Ernährungsberaterin, einem Ernährungsberater, beispielsweise! Auf der Website des Swissveg (Interessenvertretung vegetarisch und vegan lebender Menschen in der Schweiz) gibt es eine Liste von Fachpersonen. Oder mit dem Buch «Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost». Ebenso empfehle ich das Papier der Schweizerischen Pädiatrischen Gesellschaft, welches kürzlich erschienen ist: «Handlungsanweisungen vegetarische und vegane Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter». Dies kann beispielsweise gut als Grundlage für ein Gespräch mit einem Kinderarzt, einer Kinderärztin verwendet werden, die dem Thema Veganismus gegenüber nicht so aufgeschlossen ist.

Silvia Honigmann

Silvia Honigmann ist Ernährungsberaterin, Stillberaterin und Dozentin im Studiengang Ernährung und Diätetik der Berner Fachhochschule Gesundheit. Sie ist Mutter und Grossmutter, und hat sich selber 20 Jahre lang vegetarisch ernährt, jetzt isst sie flexitarisch. Ihre Kinder sind vegetarisch aufgewachsen, eines davon ernährt sich immer noch so.

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12. November 2020
Liebe Kleinstadt! Es ist ganz wunderbar und bemerkenswert, dass ihr diesen fundierten und dem Veganismus positiv gestellten Bericht veröffentlicht. Ich gratuliere Eva und Sarah zum "Wandel" und freue mich für euch! Auch Frau Honigmann steht dem Vegansein offen gegenüber, was (leider) in ihrer Branche nicht ganz selbstverständlich ist! Was mir persönlich in diesem Bericht fehlt, ist das eigentlich grösste und wichtigste Thema im Veganismus: die Ethik. Ich lebe mit meiner Frau und unseren beiden Kindern (4- und 1-jährig) seit fünf Jahren vegan - gesund und selbstverständlich mit gut geplanter Ernährung - und für uns ist es unverständlich, dass jährlich über 70 Milliarden (!) Landtiere gezüchtet werden, ihr viel zu kurzes Leben lang leiden und für unseren Verzehr ausgenutzt und getötet werden. Das erscheint mir viel eher eine Ideologie, als der Verzicht auf tierische Produkte. Unsere Kinder dürfen wenn sie älter sind, dann selber entscheiden, ob sie Teil dieser (Aus)Nutzung sein wollen oder nicht. Wir gehen aber lieber mal davon aus, dass sie das lieber nicht möchten. (Und: Es ist nicht alles gut, was die Menschheit schon immer gemacht hat.) Lieber Gruss Tinu PS.: Wie Frau Honigmann auch sagt, JEDE Ernährungsart sollte gut geplant sein. Es gibt viele ungesund und omnivor ernährte Kids, die einen B12- und Eisenmangel haben oder/und übergewichtig sind.