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Daheim im senkrechten Dorf

Die Familie Messerli Lokaj lebt im 12. Stock eines Wohnblocks in Bern Bethlehem. Und würde nirgends lieber wohnen: Berns Westen biete viel.
10 Mai 2017
Bilder — Ulrike Meutzner

«Kommt, wir gehen grad auf den Balkon, so habt ihr einen Überblick, wo ihr seid.» Mit diesen Worten werden wir von Sarah Messerli, 37, Heilpädagogin und dreifache Mutter, empfangen, als wir im 12. Stock der Melchiorstrasse 21 aus dem Lift steigen. Dem Lift rechts wohlgemerkt, der hält nämlich auf jenen Etagen mit gerader Zahl. «Ihr könnt auch den anderen Lift nehmen, bis ins Drizähni fahren und dann wieder einen Stock runter laufen», brummte uns zuvor ein Teenie mit Kopfhörer und Kaugummi entgegen. 30 Sekunden dauert die Fahrt zur 6-Zimmerwohnung der fünfköpfigen Familie, wo uns bald auch Nexhat, 36, Sarahs Mann und Hauswart des gesamten Blocks, mit der 1½-jährigen Tochter Mira auf dem Arm begrüsst.

Bäm. Da sind wir, 3027 Bern Bethlehem, inmitten der hohen Wohnblöcke. Ghetto und so, ihr wisst schon. Dazu später mehr.

Über den Dächern, unter dem Himmel

Wir stehen also auf dem Balkon, wer nicht schwindelfrei ist, dem schlottern die Knie, «du musst einfach geradeaus schauen und nicht zu nah ans Geländer gehn», sagt Sarah. Dort unten stehen die Einfamilienhäuschen der Siedlungsgenossenschaft Bethlehemacker. Ein lustiges Bild. Die kleinen Häuschen waren bis 2015 ausschliesslich von Schweizern bewohnt, neu werden in den Reihenfamilienhäuschen auch Mieterinnen und Mieter mit einer anderen Staatsbürgerschaft einquartiert. Die Siedlungsgenossenschaft achtet auf eine gute Durchmischung. A propos: In den Schulen des Westens lernen Kinder und Jugendliche mit ungefähr 50 verschiedenen Nationalitäten gemeinsam. Entsprechend anspruchsvoll gestalten sich manche Unterrichtsstunden, «das ist für alle eine grosse Herausforderung. Ich wünschte, in die Schulen hier würde extra noch mehr investiert: an Geld, Herz und Gewissenhaftigkeit. Einige Kinder kommen gut voran, für andere ist der Schulalltag ein täglicher Kampf», sagt Sarah. Die Heilpädagogin spricht aus Erfahrung.

Der Balkonblick schweift weiter: Tscharnergut, Schwabgut, Fellergut, Untermatt, Kleefeld und der Stöckacker, zur Rechten dann der Holenacker, der Gäbelbach und Brünnen mit dem Westside. Im Osten die Kuppel des Bundeshauses, geradeaus der Gurten – und in weiter Ferne: die weisse Alpenkette. «Nid schlächt, gäu!», meint Nexhat stolz, und ja, hier oben fühlt man sich fast ein Stück freier und leichter als woanders. «Unser Block ist wie ein Dorf gegen den Himmel: Wir kennen hier Krethi und Plethi, und vor allem auch jeden Winkel. Man ist nie alleine, ausser man zieht sich zurück. Es ist unsere Heimat.»

Warum immer dieses Ghetto?

Der 8-jährige Sami ist unten auf dem Rasen und kickt mit seinen Kollegen Bälle, «sein Traum ist es, einmal bei YB zu spielen», sagt Nexhat. Linda, mit knapp 11 die älteste der drei Geschwister, schaut zur kleinen Mira, während wir am Küchentisch sitzen, Kaffee trinken, Mandeln und Datteln essen. Und uns fragen, warum an Bern West teilweise immer noch das Ghetto-Etikett haftet. « Seit Jahrzehnten kommt dieser Vergleich, uns beleidigt das!» Sarah, von Natur aus temperamentvoll und engagiert, wirkt empört und liest die offizielle Umschreibung des Begriffs vor: «Ghetto: Ein abgetrennter Wohnbezirk einer Stadt, in der eine bestimmte Gruppe von Menschen lebt. Die kulturelle Vielfalt hier ist das pure Gegenteil! Ausserdem gibt es wunderschöne und bezahlbare Wohnungen – für unsere 6-Zimmerwohnung bezahlen wir knapp 2000 Franken Miete, inklusive Parkplatz – eine gute Infrastruktur und Strassen und Plätze sind so sauber wie anderswo.» Die Kriminalitätsrate sei nicht höher als in anderen Berner Quartieren, hat Martin Schudel, Chef der Polizei Bern Süd, den Medien schon mehrfach bestätigt. Allerdings müssten sie wegen häuslicher Gewalt im Berner Westen eher häufiger ausrücken, «was auch kulturell bedingt ist», sagt ein Polizist vom Stützpunkt Bern West auf telefonische Nachfrage. «Diesbezüglich sind längst Präventionsmassnahmen sowie Aufklärungs- und Integrationsarbeit von verschiedenen Fachstellen am Laufen.»

Meine Strasse, mein Zuhause, mein Block

Die Emotionen gehen hoch, wenn Sarah und Nexhat über ihr Quartier sprechen. Sarah ist hier verwurzelt, fühlt sich wohl, präsidiert sogar den Quartierverein Bethlehemacker. Nexhat kam zu Beginn der 90er-Jahre mit der Familie aus dem Kosovo nach Bern, sein Vater war einer der ersten Gastarbeiter aus dem kriegsgeschädigten Ex-Jugoslawien. Seither wohnt er in diesem Block und fühlt sich gut integriert. Dass er hier nun Hauswart ist – ein Vollzeitjob auf 20 Stockwerken – mache ihn sehr stolz, sei zu Beginn aber alles andere als einfach gewesen, auch aufgrund seiner Herkunft.

Das Durchhalten hat sich gelohnt. Nexhat ist beliebt, an Weihnachten wird die Familie mit Panettone, Wein und anderen Leckereien beschenkt. «Ich bin sehr dankbar. Meine Arbeit ermöglicht mir, die Mittagspausen mit den Kindern zu verbringen», sagt er in breitem Berndeutsch und lächelt zufrieden. Kochen tue oft Sarahs Mutter, die im 16. Stock wohnt. Sie macht auch die Hausaufgaben mit Sami und Linda, «das entlastet uns enorm». Sarah arbeitet 70 Prozent als Heilpädagogin an zwei verschiedenen Schulen, klar, auch weil es das Familienbudget verlangt. «Aber ich könnte nicht ohne meine Arbeit sein, mir würde die Decke auf den Kopf fallen.» Pausen, Freizeit? «Es läuft ständig was. Abends vor dem Einschlafen will ich manchmal nur noch ein bisschen auf dem Smartphone rumtippen.» Eine Auszeit nimmt sich die Familie jeweils im Sommer, dann fahren sie für einige Wochen nach Südfrankreich ans Meer zum Campieren.

Schwarzer Gürtel, farbiger Alltag

Linda bringt die kleine Mira in die Küche und meint, sie wolle jetzt noch ein bisschen raus, ihre Kolleginnen hätten gefragt. «Isch guet?» Ja, man sehe sich nachher, wenn wir alle zusammen aufs Dach steigen. Gesagt, getan. Diese Aussicht wieder, fantastisch, und so grün rundum! U drbii git’s hie so schöni Sache, zum Bischpiu d’Sunnenungergäng. I ha mi das no nie trout z’säge, aber i luege die fasch gäng. Ja, auch Kuno Lauener wohnt ganz in der Nähe. Mit «3027», dem die Zeile entstammt, hat er dem Quartier gar einen Song gewidmet. «Wer hier aufwächst, sieht die Welt wahrscheinlich mit anderen Augen und muss lernen, sich durchzusetzen, sich Gehör zu verschaffen», sagt Sarah, und redet dabei vom «schwarzen Gürtel», denn der Umgang unter Kindern und Jugendlichen ist wohl rauher, direkter als anderswo. Und doch sei es der farbigste Wohnort, den sie sich vorstellen können. Auf dem Weg ins nahe Einkaufszentrum müsse man immer genug Zeit einplanen weil, eben: 400 Nachbarn aus dem Block und noch viele mehr aus den umliegenden Häusern. Hier, inmitten der Bethlehem-Wohnblöcke: Die Kinder treffen, mögen und hauen sich, lachen und weinen zusammen, spielen Fussball und Fangis, kommen von der Klavierstunde oder von der Kita nach Hause, liegen auf dem Rasen und schauen in den Himmel, helfen Grossmutter Ima bei der Gartenarbeit, stehen vor dem Block herum oder spazieren durchs Quartier und träumen «von mehr Velos und weniger Outos».

Ab nach Bern West mit dem Tram Nr. 8 ab Bahnhof Bern Richtung Bern Brünnen. Zu entdecken und besuchen gibts einiges, zum Beispiel:

  • Das Quartierfest am 24. Juni 2017 im Bethlehemacker. Website

Station Europaplatz Bahnhof

  • Viel gelesen, aber noch nie dort gewesen? Das Haus der Religionen am Europaplatz bietet zum Beispiel ayurvedisches Mittagessen, Kaffee und Kuchen oder Brunch am Samstag – garantiert familienfreundlich.

Station Bethlehem Säge

  • Ein Katzensprung zum Freibad Weyermannshaus, zum Heilsarmee-Brocki mit allerlei Fundstücken und dem selbstgewählten Slogan «gut für alle» – passt immer!
  • Dekoplus an der Bethlehemstrasse 40, eine Fundgrube für Stöberer!

Station Bethlehem Kirche

  • Café mondial – Café, claro Laden, Info-Point und Ort der Begegnung. Gemütliche Ambiance vis-à-vis vom Kirchturm Bethlehem.

Station Tscharnergut

  • Café Tscharni im Quartierzentrum, beliebter Treffpunkt verschiedenster Quartierbewohner, vis-à-vis der Regionalbibliothek
  • Mitten auf dem Dorfplatz des Tscharnerguts der Glockenturm
  • Den Platz überqueren, bis zur Fellerstrasse 28. Dort ist Nemrut, der Ort für Pizzas und Kebabs, die besten der Stadt.
  • In der Weihnachtszeit durch den Maiglöggliweg spazieren, der im Dezember zum Adventskalender wird.

Station Holenacker

  • Die dreitägige Chilbi, welche der FC Bethlehem jährlich veranstaltet.

Station Brünnen Westside

  • Einfach den Spaziergang mit Shoppingtour und Sushi oder Spaghetti kombinieren (am besten unter der Woche, am Wochenende ist dort die Hölle los). Tipp: Grossvater oder Götti auch gleich mitschleppen und eine Massage im Bernaqua buchen, während er auf die Kinder aufpasst.
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11. Mai 2017
John und Ruth
Ein gut geschriebener Text -bravo! Informativ für alle die diesen Stadtteil (noch) nicht kennen. Eine schöne Auffrischung für alle die schon mal oder wieder dort gewohnt haben.