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Die erste Musik des Lebens

Der Plattenonkel empfiehlt, Teil 1: Die «Soothing Sounds for Baby», ersonnen vom Komponisten und Instrumentenerfinder Raymond Scott.
16 Feb 2017
Bild — Yvo Casagrande

Welche Musik soll ich hören, jetzt, wo ein Kleinkind im Haus ist? Nun, zunächst mal gar keine, weil jedes Geräusch hypersensitiv wahrgenommen wird: Das Geräusch von vorbeifahrenden Autos, Kinderrufe vom Spielplatz und natürlich das Schreien des eigenen Babys. Aber: Der eigene Musikgeschmack muss nicht infantilisiert werden und gleich den « Schwiizergoofe» Platz machen. Genau jene Musik, die sowohl mir und dem Kleinkind (nun, mutmasslich) gefallen oder gefielen, soll hier vorgestellt werden. Wo aber beginnen? Beispielsweise bei dieser funktionalen und ziemlich irrsinnigen Musik.

Raymond Scott mit Instrumentenmonster. Bild – Pressefoto

Raymond Scott hat sie ersonnen, die Sounds, die unter dem Titel «Soothing Sounds for Baby» noch immer obskure Fankreise ziehen. Nach Musik für sein Quintett, Werbejingles und halsbrecherischen Tracks wie «Powerhouse», die zum Soundtrack der «Looney Tunes»-Filme wurden, baute der 1908 geborene Komponist elektronische Instrumente.

Auf Fotos aus den Fünfzigern- und Sechzigern ist er mit seinen hausgrossen Instrumentenmonstern zu sehen. Und was für Geräusche, Sounds und Bleeps er diesen entlockte, ist auf den in drei Altersstufen unterteilten Alben namens «Soothing Sounds for Baby» aus dem Jahr 1964 zu hören. Der Untertitel? «An indispensable aid to mother during the feeding, teething, play, sleep and fretful periods». Kürzer: «An infant’s friend in sound». Also eigentlich: Das Wundermittel schlechthin für Babys bis 18 Monate.

Nur, so einfach ist es nicht, weil Raymond Scott hat einige böse Nervensägen fabriziert. Das achtminütige «Tic Toc» ätzt auch in einschlägig geschulten Erwachsenenohren, der «Toy Typewriter» klingt nach abstrakter Beat-Architektur, während der «Playful Drummer» verpeilt die verschiedenen Noises aus der Maschine klickt.

Abgesehen von diesen drei Forschungen ist hier eine frühe elektronische Musik zu hören, die beruhigend, doch nicht un-unheimlich wirken kann, die vor allem aber genügend Imaginationsraum lässt und also neugierig macht auf mehr Robotersounds.

Die wichtigste Frage bleibt aber: Wie wirkt diese «Bébémusik» auf das Kind? Nicht schlecht, die Alben werden bei uns daheim auf Wunsch der Tochter immer noch aufgelegt. Exakter war dieser Vater, der auf seinem Blog das Experiment durchgeführt hat. Jedenfalls: Raymond Scotts «Soothing Sounds for Baby» ziehe ich jeder Baby-Soundapp vor.

Label: www.basta.nl (mit Webshop)

*Benedikt Sartorius lebt als freischaffender Kulturjournalist in Bern, unterhält auf seiner Website einen Musikblog und verschickt wöchentlich den Popletter «Listen Up!». Auf Kleinstadt.ch stellt er in seiner «Plattenonkel»-Reihe einmal pro Monat neue Abenteuer in Sound vor.

Musikblog — www.benediktsartorius.ch/blog
Popletter — Listen Up!

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