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Elternstress: Mit Kleinkind im öffentlichen Verkehr

Als Eltern kleiner Kinder ist man im Schweizer ÖV häufig Ziel von Missbilligung und besserwisserischen Kommentaren. Es ginge auch anders.
19 Jan 2022
Bilder — Shutterstock (1), Sarah Pfäffli

Als meine Kinder im Kita- und Kindergartenalter waren, war der ÖV ein Gräuel für mich. Ich fühlte mich konstant beobachtet. Immer unter Argusaugen von Mitreisenden, die entweder einfach nur dorthin starrten, wo es am lautesten war, Unterhaltung während ihrer Fahrt suchten oder vielleicht sogar gerne kommentierten, was Kinder so alles anstellen. Und je nach Tagesform fühlte ich mich als Elternteil persönlich angegriffen.

Natürlich sind straffe Zeitpläne der Pendler und Stosszeiten nicht unbedingt die beiden Gegner, die man sich als Elternteil aussucht, um mit Kindern oder vielleicht auch noch mit Kinderwagen einen Ausflug mit dem ÖV zu machen. Manchmal aber geht es nicht anders, ganz einfach.

Die Botschaft ist klar: Kinder stören hier.

Und so läuft das gemeinsame Befördern von Eltern mit ihren Kindern und Mitpassagieren nicht immer harmonisch. Denn – Überraschung: Nicht nur zu Hause, sondern auch in Bus und Tram sind Kinder gerne mal laut. Wenn’s gut läuft, dann wird gesungen, gelacht und es werden laut Witze erzählt. Wenn’s gut läuft, dann schmunzeln auch die Mitpassagiere und gehen stillschweigend bis manchmal freudig ihrer Beschäftigung nach.

Wenn’s weniger gut läuft, zeigen die Kinder mit den Fingern auf Leute, verschmutzen die Sitze, berühren Sitzlehnen oder Fensterscheiben mit dem Mund oder quengeln laut. Eine Frau fühlte sich sogar einmal dadurch provoziert, dass mein Kind seine Füsse baumeln liess – tok, tok, tok, immer wieder knallten sie gegen das Plastik unterm Sitz. Kinderfüsse, die wegen der kürzeren Beine ebenfalls noch nicht in die Erwachsenennorm passen. Kinder und ihre Eltern mutieren in den «Augen der Anderen» dann zum Störfaktor.

«Das arme Kind!»

Kommentare wie «Können Sie Ihre Kinder nicht still halten? Ich hatte einen anstrengenden Tag!» oder «Der Kinderwagen passt hier wirklich nicht mehr rein» reihen sich ein in missmutige Blicken, klassisches Augenrollen und auch mal neue Sitzplatzwahl, falls die Kinder zu nah kommen. Die Botschaft ist klar: Kinder stören hier.

Erst im Nachhinein kam mir in den Sinn, dass ja jemand hätte aufstehen können, um mir und meinem schreienden Kind einen Sitzplatz anzubieten.

Eine Frau hat mir als neuer Mutter mit einem 6 Wochen alten, schreienden Baby sogar schon direkt gesagt, mein Kind sei ein «armes Kind», weil ich es – stehend – in einem vollen Bus nicht aus dem Kinderwagen genommen hatte, sondern lediglich versucht hatte, es «von aussen» zu beruhigen. Als ich dann ziemlich aufgelöst in die Mütter-Väter-Beratung kam, sagte meine Beraterin zu mir: «Und wissen Sie, wenn Sie das Kind aus dem Wagen genommen hätten, wäre der nächste Kommentar gekommen, wie unverantwortlich es denn sei, ein Baby in einem vollen Bus aus dem Wagen zu nehmen.»

Erst im Nachhinein kam mir in den Sinn, dass ja jemand hätte aufstehen können, um mir und meinem schreienden Kind einen Sitzplatz anzubieten.

Aber himmelseidank gibt es auch die positiven Erinnerungen. Ich werde beispielsweise nie vergessen, wie ich mich während der ganzen Fahrt im vollen Bus von zwei älteren Damen beobachtet gefühlt habe. Meine lauten Kinder, mein häufiges Ermahnen, sie sollten sich doch «erwachsen Benehmen». Und als die Damen dann ausstiegen der Kommentar: «Sie machen das ganz gut, wirklich. Sie sind eine tolle Mutter.» Mir wurde richtig warm ums Herz und meine Augen wurden ganz feucht.

Das Recht des Stärkeren

Gerade bei Zugreisen prallen Welten aufeinander: So müssen die einen auf ihren Platz für den Kinderwagen pochen, andere müssen für den Transport ihres Velos bezahlen. Der Unterschied liegt laut SBB darin, dass man auf das Velo nicht zwingend angewiesen ist und man es transportieren lassen kann, auf einen Rollstuhl oder einen Kinderwagen ist man hingegen angewiesen. Die Mitnahme eines Kinderwagens ist deshalb auch kostenlos. Im Kampf um den knappen Platz hilft diese Argumentation und Bestätigung im konkreten Fall wenig. Da gilt das Recht des Stärkeren oder der Schnelleren. Auch Zugfahrten sind deshalb oft eine Stresssituation für Eltern kleiner Kinder. Nicht nur, aber besonders beim Ein- oder Aussteigen. Und dann auch unterwegs: Wie halten wir das Kind während der Stunde bei Laune? Wie verhindern wir, dass es weint? Wo können wir im Zweifelsfall wickeln? (Unterdessen gibt’s glücklicherweise Wickeltische in den Fernverkehrszügen, so dass wir hoffentlich nie mehr so einen beschämenden Artikel inkl. Folgestorys lesen müssen.)

Ja, sie können quengeln, und ja, sie können nerven. Aber statt von aussen nochmal eins draufzugeben, fährt es sich oft einfacher, wenn man die Eltern unterstützt.

Auffällig ist auch, dass Kinder in anderen Ländern selbstverständlicher zur Gesellschaft zu gehören scheinen und dementsprechend weniger als Störfaktor gesehen werden, sondern integriert werden. Etwa in Italien, wo unsere Bambini nicht nur in Restaurants, sondern auch in Zügen herzlich willkommen sind. Können wir uns daran ein Beispiel nehmen?

Eine nette Geste wirkt Wunder

Denn: Ja, sie können quengeln, und ja, sie können nerven. Aber statt von aussen nochmal eins draufzugeben, fährt es sich oft einfacher, wenn man die Eltern unterstützt.  Vielleicht hilft es, sich zu erinnern, dass wir alle mal mehr oder weniger quengelnde Kinder waren und dass Eltern-Sein ein Non-Stopp-Job ist, der nicht noch zusätzliche Herausforderungen in Form von Blicken und/oder Kommentaren durch Fremde braucht. Die Anspannung ist eh schon riesig – auch wenn es nach aussen vielleicht nicht immer so aussieht. Ein kleines Lob oder Hilfsangebot kann einem Elternteil den Tag retten.

Ein kleines Lob oder Hilfsangebot kann einem Elternteil den Tag retten.

Hier einige Beispiele:

  • Einfach mal nachfragen, ob man beim Ein- und Aussteigen aus dem Zug oder Tram behilflich sein kann. Dies gilt besonders an Fernbahnhöfen und/oder wenn jemand ein Kleinkind plus ein Baby plus Gepäck und eventuell einen Kinderwagen dabei hat.
  • Nicht starren, wenn kleine Kinder sich auf den Boden schmeissen, weil es keine Süssigkeiten gibt, oder wenn Babys schreien, während die Mutter sie im Stress in den Kinderwagen stecken muss, um danach auszusteigen. Ein kurzes «Das ist die Sprache der Kinder» oder «Sie machen das so toll» wirkt Wunder.

Diese Erfahrungen niederzuschreiben hat in mir nochmal aufgewühlt, wie unangenehm es mir war, als meine Kinder in besagtem Alter waren. Und wie gross die Erleichterung ist, dass sie sich nun meistens benehmen. Für Eltern jüngerer Kinder gilt: Versucht, euch nicht beirren zu lassen. Es wird einfacher. Und an die Mitreisenden: nicht zu streng sein. Das Leben darf auch mal laut sein.

Wie sind eure Erfahrungen zum Reisen mit Kindern im ÖV? Geht das lediglich Müttern so, oder machen Väter auch solche Erfahrungen?

Alexandra Berchtold

Die Autorin ist Mutter zweier Schulkinder arbeitet ausserdem als Analystin und Yogalehrerin. 

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