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«Geld versickert dort, wo ein realistisches Budget fehlt»

Wo können Familien mit kleinem Budget Geld sparen – und wo lauern Gefahren? Die Präsidentin der Budgetberatung gibt Auskunft.
28 Jan 2020

Andrea Schmid-Fischer* ist die oberste Instanz in Sachen Budgetberatung in der Schweiz. Wir haben nachgefragt, was sie Familien mit kleinen Budgets empfiehlt.

Frau Schmid-Fischer, wo haben Familien generell das grösste Sparpotential? 
Geld versickert in der Regel dort, wo kein realistisches Budget vorhanden ist, das auch umgesetzt wird. Werden finanzielle Entscheide aus dem Bauch heraus gefällt oder weil der Kontostand vorübergehend erfreulich aussieht, so wird meistens Geld zweckentfremdet. Flattern dann die unregelmässig anfallenden Rechnungen wie beispielsweise die Radio- und TV-Gebühren oder Motorfahrzeugsteuern ins Haus, so entstehen schnell rollende Zahlungsengpässe. Grundsätzlich muss man aber das Sparpotenzial immer individuell bestimmen. Ein massgeschneidertes Budget zeigt, ob und wo Geld eingespart werden kann.

Wo sehen Sie, dass Familien am meisten Geld «verlieren», das eigentlich relativ einfach eingespart werden könnte?
Wo genau Geld «verloren» geht, ist von Familie zu Familie unterschiedlich, da sie unterschiedliche Werte und Prioritäten haben. Klassiker sind aus der Not heraus geleaste Autos, hohe Kommunikationskosten, persönliche Auslagen wie Kleider, Ausgang, Schuhe und Kosmetik. Aber auch die externe Verpflegung am Arbeitsplatz kann schnell ganz schön ins Geld gehen, so dass es nachher bei existenzielleren Posten fehlt, zum Beispiel bei den Franchisen und Selbstbehalten der Krankenkasse.

Gibt es Vergünstigungen oder Rabatte für Familien, die manchmal vergessen gehen?
Wichtig ist sicher,  dass alle Ansprüche geltend gemacht werden, wie beispielsweise die Prämienverbilligung, Geburten-, Kinder-, Ausbildungs- und Sozialzulagen. Achtung vor hohen Franchisen! Wer kein finanzielles Polster hat, nimmt dafür meistens ein zu hohes Risiko in Kauf. Je nach Region gibt es weitere Möglichkeiten, sich finanziell zu entlasten. Die Mitglieder des Dachverbands Budgetberatung Schweiz bieten Budgetberatungen an, die diese Fragen in die Gesamtberatung miteinbeziehen.

«Die Verkaufspsychologie zielt darauf ab, dass gekauft wird und Bedürfnisse geweckt werden.»

Ebenfalls wichtig ist: Günstig ist nicht immer billiger. Die Verkaufspsychologie zielt darauf ab, dass gekauft wird und Bedürfnisse geweckt werden. Drei für zwei ist zwar schön. Aber was, wenn ich in Wirklichkeit nur eines brauche? Eine Einkaufsliste hilft. Auch bei grösseren Anschaffungen kann es sich lohnen, eine Prioritätenliste zu erstellen und zuerst im Umfeld, auf Tauschbörsen – manchmal sogar im Sperrgut nach dem gewünschten Objekt Ausschau zu halten. Oder wieso nicht mal ein Gratisinserat im Supermarkt machen? Viele Menschen verschenken lieber etwas, als es in den Müll zu werfen.

Wo sehen Familien den grössten Nutzen einer Budgetberatung?
Eine Budgetberatung verschafft Klarheit über die Situation und zeigt Möglichkeiten bezüglich Sparpotenzial und Anspruch auf Leistungen auf. Oft bestätigt eine Budgetberatung die eigene Einschätzung und so entsteht Sicherheit. Nicht zuletzt ist ein realistisches Budget wichtig für die Umsetzung und Kontrolle. Damit Geld dahin fliesst, wo es hinfliessen soll, und eben nicht zweckentfremdet wird. Letzteres kann ganz schön belasten. Nicht zu unterschätzen ist auch die psychische Entlastung von einzelnen Familienmitgliedern und Paaren, wenn etwas Ruhe bei der Handhabung der Finanzen aufkommt.

Ein Budget erstellen ist ja das eine, es umzusetzen noch einmal etwas ganz anderes. Was empfehlen Sie den etwas weniger disziplinierten Menschen, wie das am besten klappt?
Es gibt viele Möglichkeiten, Geld so zu steuern, dass die Umsetzung gelingt. Über Haushaltbücher, Excel-Tabellen, unsere Budget-App, Geld in Kuverts abfüllen, Beträge wöchentlich abheben oder anderes – man sollte sich selbst ernst nehmen und eine Methode wählen, die einem liegt, im besten Fall sogar Spass macht. So kann es sein, dass innerhalb einer Partnerschaft beide eine andere Methode anwenden. Hauptsache, das Budget wird eingehalten. Was sich für viele Menschen bewährt: Daueraufträge auslösen, Rückstellungen auf ein zweites Konto schieben und auf dem Lohnkonto lediglich die Beträge für den Haushalt, die persönlichen Auslagen und einen kleinen Puffer für Unvorhergesehenes belassen. Wer dann zusätzlich die Beträge für die auf dem Lohnkonto liegendenden Posten wöchentlich abhebt, hat meistens die Geldflüsse gut im Griff.

«Paaren fällt es oft schwer, den Lebensstandards nach der Geburt der Kinder herabzusetzen.»

Wem würden Sie eine Budgetberatung empfehlen?
Grundsätzlich ist eine Budgetberatung immer empfehlenswert. Berühmtheiten machen es vor: Nur weil viel Geld da ist, heisst das noch lange nicht, dass jemand nicht in einer Schuldenfalle landet. Die Erfahrung zeigt: Wer seinen Lebensstandard nicht auf einem für die eigene Situation passenden Niveau einfriert, dem wird auch ein stetig steigendes Einkommen in den Händen zerrinnen. Viele Paare ohne Kinder haben auch bei tiefen Einkommen gemeinsam viel finanziellen Spielraum. Werden die Einkommen jedoch bis an die Grenzen gelebt, wird einerseits die Chance verpasst, sich ein Polster für die Kinderphase zuzulegen. Andererseits fällt es Paaren oft schwer, den Lebensstandard nach der Geburt der Kinder herabzusetzen – oder sie fangen erst viel zu spät damit an. Doch das Leben zeigt: Einkommen steigen nicht einfach stetig mit zunehmendem Alter. Realistisch ist, in guten Zeiten etwas für schlechte Zeiten zurückzulegen und zu wissen, dass sich punkto Einkommen über die Jahre mehrmals die Richtung ändern kann.

Wo zeigen sich die Probleme im Leben mit einem tiefen Einkommen am stärksten?
Es gibt eine untere Grenze. Zuwenig ist und bleibt zu wenig. Selbst bei bester Verwaltung des Geldes. Wenn Sie bei den Budgetbeispielen des Dachverbands Budgetberatung Schweiz jeweils die untersten Einkommen anschauen, wird das schnell plausibel. Fakt ist, dass Familien in bescheiden Verhältnissen organisatorisch, administrativ, punkto Konsumkompetenzen und Resilienz mehr gefordert sind als Familien des mittleren und oberen Mittelstandes.

«Es gibt eine untere Grenze. Zuwenig ist und bleibt zu wenig. Selbst bei bester Verwaltung des Geldes.»

Die je nach Region hohen Mieten und Steuern beispielsweise sind eine grosse Belastung für die tiefen Einkommen. Der Dachverband empfiehlt, höchstens ein Viertel des Nettoeinkommens für die Miete auszugeben. Die passende Wohnung zu finden, ohne dass dafür hohe Mobilitätskosten in Kauf genommen werden müssen, ist oft eine grosse Herausforderung.

Working-Poor-Familien leben mit dem steten Risiko, ihre Rechnungen nicht rechtzeitig bezahlen zu können. Sind davon Strom-, Handyrechnungen, Krankenkassenprämien oder Mieten betroffen, ist klar, das hier schnell ein hoher Druck entsteht. Diesen Druck auszuhalten und damit zu leben, ist eine grosse Herausforderung und wirft natürlich die Frage auf, wie hoch ein existenzsicherndes Einkommen sein muss.

«Die meisten Familien ziehen es vor, sich nicht bei der Sozialhilfe anzumelden.»

Was ist mit Familien, deren Einkommen an der Grenze liegt für einen Anspruch auf Sozialhilfe?
An der Grenze zur Sozialhilfe entsteht ein Schwelleneffekt. Das heisst, wenn die Einnahmen der Familie höher sind als die Eintrittsschwelle zur Sozialhilfe, kann sie unter dem Strich schlechter fahren als die Familie, die einen Anspruch hat.  Trotzdem zeigt der Beratungsalltag, dass es die meisten Familien vorziehen, sich nicht bei der Sozialhilfe anzumelden.

Wann kann eine Familie Antrag stellen auf Sozialhilfe? Und wie muss sie vorgehen?
Es ist nicht möglich, die konkrete Eintrittsschwelle zur Sozialhilfe in einer absoluten Zahl zu nennen. Zu gross sind die Unterschiede bezüglich Lebenssituation der Betroffenen und Handhabung der Sozialhilfe in einzelnen Gemeinden. Wer Klarheit will, kann sich bei den sozialen Diensten am Wohnsitz erkundigen. Sozialhilfe muss angemeldet und geprüft werden. Die Initiative liegt bei den betroffenen Personen.

Wie sieht es aus mit Familien, die «freiwillig» mit einem kleineren Budget leben (d.h. sie hätten die Möglichkeit, mehr zu arbeiten/verdienen, entscheiden sich aber dagegen)?
Es ist so, dass sicher mehr Teilzeitmodelle gelebt werden. Das muss sich Familie in der Tat leisten und organisieren können. Oft wird die Rechnung jedoch ausschliesslich für die Gegenwart gemacht. Welche Folgen das bei den Sozialversicherungen und bei der Altersvorsorge hat, geht manchmal vergessen. Empfehlenswert ist für solche Situationen, die langfristigen Konsequenzen, sowohl in der Ehe wie auch im Konkubinat, zu bedenken und sich allenfalls beraten zu lassen.

Was sind die wichtigsten konkreten Alltagstipps für Familien, die mit einem knappen Budget rechnen müssen?
Oft liegt die subjektive Wahrheit im Auges des Betrachters bzw. der Betrachterin. Darum: Wenig ist nicht nur ein Mangel, sondern auch eine Ressource. Ich hoffe nicht, dass das jetzt in einigen Ohren wie blanker Hohn klingt. Darum illustriere ich es mit einer Geschichte aus dem eigenen Leben. Unsere ersten Christbaumkugeln waren vor über 25 Jahren aus Pappmaché. Kostenpunkt: eine Schachtel Kleister und drei Rollen goldener Zwirn. Der Rest war im Haushalt vorhanden – nämlich altes Zeitungspapier und farbige Papierresten. Und die Bastelerfahrung wertvoll. Als ich die schönen Kugeln eines Tages zerfleddert wegwerfen musste, hat mich das gar nicht gefreut. Oder eine Sommeridee: Warum nicht Eis zuhause selbst herstellen und Eisdiele spielen? Es gibt viele Möglichkeiten, trotz knappen finanziellen Ressourcen viel Spass als Familie zu haben.

«Wenig ist nicht nur ein Mangel, sondern auch eine Ressource.»

Auch bei der Ernährung bedeutet wenig Geld nicht per se, schlecht zu essen.  Unser Tipp: Das Haushaltgeld durch 4,3 Wochen teilen (der Monat hat mehr als 28 Tage), für den Grosseinkauf ¾ des Betrags einsetzten, ¼ für Frischprodukte wie Gemüse und Salat zurückbehalten. Zusätzlich einen Menüplan erstellen und nach Liste einkaufen, um so Lockvogelangeboten zu widerstehen.

Welche Ressourcen zum Thema Budgetierung für Familien empfehlen Sie?
Selbstverständlich empfehle ich unsere Webseite, unsere soeben überarbeitete Budget-App und eine Beratung bei einem unserer Mitglieder. Ebenso kann ich die gedruckten Ratgeber «mama», «baby» und «familiy» von LetsFamily.ch empfehlen, die man bei der Geburt erhält. Sie sind in Zusammenarbeit mit uns entstanden und gehen auf die wichtigsten Fragen ein. Weiter hat die Beobachter Edition viele gute Bücher zum Thema Familie und Geld herausgegeben, diese sind oft auch in den Bibliotheken verfügbar.

Die Budgetberatung Schweiz ist ein gemeinnütziger Verein und deshalb fortlaufend auf Unterstützung angewiesen. Es gibt Passivmitgliedschaften für 50 Franken pro Jahr oder die Möglichkeit, direkt in der Budget-App zu spenden.

Andrea Schmid-Fischer

Andrea Schmid-Fischer (53) ist Präsidentin des Dachverbands Budgetberatung Schweiz und Budgetberaterin der Frauenzentrale Luzern. Sie ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

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