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Die Familiensprechstunde – Teil 1

Wenn man in Erziehungsthemen nicht weiterkommt, kann ein Besuch bei einer Fachperson helfen. Wir fragen – drei Familiencoaches antworten.
21 Nov 2018

Ein Kind hat grosse Mühe mit Übergängen – jeder Orts- und Aktivitätswechsel führt zu Krisen, die Eltern sind mit den Nerven am Ende. In einer anderen Familie sind sich die Eltern in Erziehungsfragen häufig nicht einig und geraten immer wieder in Konflikt darüber. In einem dritten Beispiel erzählen Eltern, dass ihr Kind sie regelmässig anlügt. Mit solchen oder ähnlichen Situationen kämpfen viele Familien früher oder später – Situationen, die immer wieder Spannungen verursachen und die schliesslich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern belasten. Manchmal hilft es, das eigene Verhalten zu hinterfragen, einen guten Ratgeber zu lesen oder ein Gespräch mit Freunden zu führen, aber nicht immer führt das zu einer echten Verbesserung. Dann kann ein Besuch bei einer Fachperson hilfreich sein. Doch was erwartet einen dort? Im Rahmen unserer Serie zu respektvoller Erziehung (bisher erschienen: ein Interview mit Janet Lansbury) stellen wir euch FamilienberaterInnen vor, denen Respekt und Wertschätzung den Kindern gegenüber wichtig sind. Wir haben sie gebeten, ihre Arbeitsweise anhand eines Fallbeispiels vorzustellen und aufzuzeigen, wie sie die Eltern in einer solchen Situation beraten würden. Das ist die erste Antwort, morgen wird dieselbe Frage von der nächsten Expertin beantwortet.

Eine Mutter kämpft seit Jahren damit, dass ihr Sohn (7) morgens Mühe hat, das Haus zu verlassen. Jeden Morgen zögert er seine Aufgaben (Anziehen, Zähne putzen, jetzt, wo er älter ist, sein Bett machen) heraus, häufig vergisst er sich im Spiel, will noch «schnell» etwas abschliessen oder beklagt sich über Dinge, die in dem Moment nicht änderbar sind. Oft endet es damit, dass sie ihn anschreit, jetzt endlich vorwärts zu machen. Sie haben bereits mehrmals versucht, die Uhr einzusetzen (mit Bildern, wann was erledigt sein muss), mit geringem Erfolg.

Anina Jurt und Barbara Klingenbeck, Coaches, Bern

«Wenn wir in solchen emotionsgeladenen Situationen mit unserem Kind einen Moment innehalten, können wir beobachten, dass oft unsere stressvollen Gedanken und Erwartungen der Grund sind, dass wir uns schlecht fühlen. Dadurch wird der Konflikt in dieser schon schwierigen Situation mit dem Kind verstärkt. Wir erleben die Welt durch unsere Gefühle, Gedanken und Überzeugungen. Negative Gedanken und Überzeugungen erzeugen oftmals Stress, blockieren uns und verschleiern unseren Blick auf die Realität und auf die Ressourcen, die eigentlich zur Verfügung wären.

Unser Coachingansatz basiert auf der Methode IBSR (Inquiry-Based Stress Reduction). Mit dieser Methode überprüfen wir anhand einer Fragetechnik die Ursache unseres Stresses, der Wut, der Trauer etc. Oft handelt es sich dabei um Gedanken und Überzeugungen, die nicht mit der Realität übereinstimmen. Anstatt unser Kind verändern zu wollen, setzen wir also bei uns selber an und versuchen, unsere eigene Wahrnehmung in Bezug auf eine bestimmte Situation zu verändern.

«Anstatt unser Kind verändern zu wollen, setzen wir also bei uns selber an und versuchen, unsere eigene Wahrnehmung in Bezug auf eine bestimmte Situation zu korrigieren.»

Im Beispiel werden offensichtlich die Ansprüche der Mutter an ihren Sohn nicht erfüllt. In der Begleitung mit IBSR würden wir zuerst die stressvollen Gedanken auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. ‹Mein Sohn sollte seine Zeit besser einteilen können› oder: ‹Mein Sohn sollte nicht so verträumt sein›, ‹Mein Sohn sollte die Wichtigkeit, pünktlich in der Schule zu sein, verstehen.› Bin ich absolut sicher, dass das wahr ist? Wir würden im Coaching in einem weiteren Schritt herausfinden, wie es der Mutter geht, wenn sie diese Überzeugungen hat, und wie es sich anfühlen würde, wenn sie diesen Gedanken in derselben Situation nicht hätte. Es ist ein Prozess der Selbstuntersuchung und Reflexion. Wenn sich die Sicht der Mutter auf die Situation ändert, entsteht bei ihr Klarheit und oftmals neue kreative Ideen, welche im Alltag zusammen mit dem Kind ausprobiert werden können. Neue Handlungsweisen und ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Mutter und Kind werden möglich. Kinder sind sehr empfänglich für unsere Emotionen und sie reagieren schnell ganz anders auf uns, wenn wir ruhig und klar sind. Das gibt eine neue Basis für Lösungen.

«Kinder sind sehr empfänglich für unsere Emotionen und sie reagieren schnell ganz anders auf uns, wenn wir ruhig und klar sind. Das gibt eine neue Basis für Lösungen.»

Oft haben die Kinder selber auch ganz tolle Ideen für Lösungen. So kann man in einer ruhigen Moment auch mal fragen. ‹Hey, wie wollen wir das machen am Morgen damit wir keinen Streit mehr haben müssen. Hast du eine Idee wie du deine Sachen machen kannst und trotzdem pünktlich in die Schule kommst?› So sind wir wieder in einer Verbindung mit unserem Kind und trauen ihm auch etwas zu. Diese Wertschätzung dem Kind gegenüber kann sehr viel bewirken und löst den Kreis aus Forderung und Verweigerung auf.»

Als Coaches begleiten Anina Jurt (Bild links) und Barbara Klingenbeck Menschen zurück zu ihren eigenen Lösungen und Ressourcen und helfen ihnen, emotionalen Stress wie z.B. Angst, Wut, Trauer oder Unsicherheit zu lösen. IBSR (auch bekannt als The Work von Byron Katie) gilt als eine der effizientesten Methoden zur Lösung von Konflikten und Stress bei Beziehungsthemen.

 

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