Ash Brandin ist Lehrperson und unter dem Namen The Gamer Educator auf Instagram eine der klügsten und zugänglichsten Stimmen zum Thema Bildschirmzeit in Familien. Anstatt Angst zu schüren und vor Gefahren zu warnen, wirbt Ash Brandin für Neugier, Gleichberechtigung und Augenmass in der Diskussion über Spiele und soziale Medien. Ash hat selbst ein Kind und erklärt im Interview, warum es sich lohnt, Wertungen aus Gesprächen über Bildschirmzeit herauszunehmen. Ashs Buch «Power On: Managing Screen Time to Benefit the Whole Family» erscheint Ende August.
Ash Brandin, in einem Podcast mit Adam Grant haben Sie erwähnt, dass Gaming einfach ein normaler Teil Ihrer Kindheit war. Was meinten Sie damit?
Ich habe Geige gespielt — und ich habe Computerspiele gespielt. Für mich waren beide Hobbys gleichwertig. Es war einfach ein Teil meines täglichen Lebens. Technologie war für mich nicht mit einem moralischen Wert verbunden. Ich dachte, andere würden das genauso sehen — bis ich merkte, dass dem nicht so war. Ich hatte Glück. Es war gesellschaftlich nicht unbedingt die Norm.
Was meinen Sie damit, wenn Sie fordern, Technologie oder Bildschirmzeit als «neutral» zu betrachten?
Ich glaube, viele der Kämpfe, die Eltern heute in Bezug auf Bildschirmzeit austragen, haben kulturelle Wurzeln — und Technologie ist dabei ein zentrales Thema. Ich ziehe oft Parallelen zum Essen: Viele Eltern in meinem Alter — Millennials, jetzt etwa 40 — reflektieren, wie ihre eigene Beziehung zum Essen geprägt wurde. Vielleicht wollen sie heute ihren Kindern beibringen, dass kein Essen «besser» oder «schlechter» ist, sondern dass alle Lebensmittel ihren Platz haben — Chips genauso wie Brokkoli. Brokkoli hat vielleicht mehr Nährstoffe, aber moralisch ist der eine Snack nicht besser als der andere.
Und was hat Brokkoli mit Gaming zu tun?
Es ist dasselbe Prinzip wie bei einem neutralen Blick auf Nahrung: Keine Freizeitaktivität ist moralisch schlechter als eine andere. Gaming ist moralisch weder besser noch schlechter als Sport zu treiben. Wenn ein Kind sagt: «Ich spiele gern Roblox», dann hat das für mich denselben Wert, wie wenn es sagt: «Ich spiele gern Eishockey.» Das heisst nicht, dass es für beide Aktivitäten gleich viel Zeit aufwenden muss. Aber beide sind gleichwertige Formen der Freizeitgestaltung.

Wann begann sich dieser neutrale Blick auf Technologie zu verändern — wann setzte die «moralische Panik» ein?
In den USA begann das etwa in den 1990ern. 1999 fand das Columbine-Schulmassaker statt. Im Jahr 2000 wurde eine grundlegende Studie veröffentlicht, die versuchte, Videospiele mit aggressivem Verhalten zu verknüpfen. Die Methodologie war fragwürdig, aber die Studie erhielt breite Aufmerksamkeit. Plötzlich lag der Fokus auf den Auswirkungen von Medien, einschliesslich Spielen, Musik und Filmen. Seitdem gibt es eine Art anhaltende moralische Panik. Heute geht es um Smartphones und soziale Medien — aber das Grundmuster bleibt gleich: Wir suchen einfache Erklärungen für komplexe Probleme.
Was meinen Sie damit?
Wenn es unseren Kindern schlecht geht — sie machen die Hausaufgaben nicht, sie sind reizbar — suchen wir nach Ursachen. Das ist menschlich. Aber es erscheint leichter, die Bildschirme verantwortlich zu machen, als sich mit strukturellen Problemen, unserem eigenen Verhalten oder den Bedürfnissen der Kinder auseinanderzusetzen.
Aber: Bildschirme haben doch eine besondere Anziehungskraft — sie sind anders als etwa Lego.
Absolut. Aber nochmals: Ist Brokkoli so verlockend wie Chips? Nein. Warum? Weil wir Chips oft als etwas Besonderes behandeln. Wenn ich ständig sage: «Nicht zu viele Chips!», dann mache ich sie besonders — und mein Kind konzentriert sich auf sie. Dasselbe gilt für Bildschirme. Wenn ich sage: «Du kannst eine Folge schauen, dann gehen wir raus», dann ist es einfach Teil des Tages — wie Duschen oder Abendessen. Und ich sage nicht: «Wir müssen rausgehen, um den Schaden wettzumachen, den wir durch Fernsehen angerichtet haben.» Ich belaste es nicht mit Schuldgefühlen.
«Wenn Bildschirmzeit ein normaler Teil des Tagesablaufs ist — weder Belohnung noch Strafe — verliert sie ihre Macht als «verbotene Frucht.»
Aber Chips, wie auch Spiele und soziale Medien, sind bewusst so gestaltet, dass wir sie weiter konsumieren wollen. «Normale» Aktivitäten können da nicht mithalten. Ist es da nicht wichtig und richtig, sie anders zu behandeln?
Chips sind nicht so nährstoffreich wie Brokkoli, und sie sind so konzipiert, dass wir Lust haben, sie zu essen. Technologie hat dazu natürlich eine Parallele. Ihre Frage setzt voraus, dass ein anderer Umgang automatisch auch eine andere Moral bedeutet — und das stimmt nicht. Brokkoli und Chips können denselben moralischen Wert als Nahrung haben; Eishockey und Videospiele denselben moralischen Wert als Freizeitbeschäftigung. Alles hat seinen Zweck. Das heisst nicht, dass wir alles im gleichen Ausmass erlauben. Grenzen zu setzen erfordert nicht, dass wir Dinge moralisch unterschiedlich bewerten.
Wie sehen gesunde Grenzen aus — ohne Bildschirmzeit als «schlechtere» Aktivität darzustellen als etwa Fussball?
Wir setzen für viele Aktivitäten Grenzen — auch wenn wir es nicht bemerken. Wenn Ihr Kind um 11 Uhr Fussball spielen will, aber gerade Schule ist, schimpfen Sie nicht und werfen ihm vor, «fussballsüchtig» zu sein. Sie sagen einfach: «Jetzt nicht.» Dasselbe gilt für Bildschirmzeit: Wir können entscheiden, wann und wie lange — ohne moralisches Urteil.
Sind feste Zeitpläne hilfreich oder kontraproduktiv?
Feste Zeitpläne sind hilfreich, wenn sie verlässlich sind. Wenn ein Kind weiss: «Ich kann jeden Tag 30 Minuten spielen», muss es nicht ständig darüber nachdenken. Das reduziert Druck.
Also ist Vorhersehbarkeit der Schlüssel?
Genau. Wenn Bildschirmzeit ein normaler Teil des Tagesablaufs ist — weder Belohnung noch Strafe — verliert sie ihre Macht als «verbotene Frucht».

Das klingt machbar bei jüngeren Kindern. Aber was ist mit Teenagern, die schon ihr eigenes Smartphone haben? Eltern können die Nutzungszeit doch nicht mehr kontrollieren.
Doch, können sie. Betreuungspersonen können — teilweise minutengenau — steuern, wie viel Zeit für bestimmte Apps oder das Gerät insgesamt erlaubt ist. Die meisten Geräte, einschliesslich Smartphones, können von Erwachsenen so eingestellt werden, dass es eine «Schlafenszeit» gibt, dass nur bestimmte Apps verfügbar sind, dass Käufe unterbunden werden, dass Benachrichtigungen bei neuen Apps eingehen oder sogar, welche Websites im Browser zugänglich sind.
Also lautet die Antwort, dass ich die Geräte meiner Kinder mikromanagen soll?
Das heisst nicht, dass ich denke, Mikromanagement sei die Lösung. Aber es stimmt nicht, dass die einzigen beiden Optionen Abstinenz oder völliger Kontrollverlust sind. Denken Sie an den Zugang zu einem Velo oder Auto. Ihr Kind bekommt ein Fahrrad, sie zeigen ihm, wie man fährt, sie fahren gemeinsam, irgendwann fährt das Kind mit Freunden, dann allein in der Nachbarschaft, dann erweitern Sie den Radius, bis es scheinbar «vollkommen frei» ist. Aber auch dann gilt: Wir sagen immer noch, wann es zu Hause sein soll, oder bitten um einen Anruf, wenn es woanders hingeht als geplant. Wenn es mit dem nach Einbruch der Dunkelheit heimkommt, setzen wir neue Regeln fest. Mit Technik kann es genauso sein.
Viele Eltern fürchten, dass Bildschirme süchtig machen. Selbst wir Erwachsene kämpfen oft mit unserer eigenen Bildschirmzeit. Ist diese Angst nicht berechtigt?
Es gibt Studien über problematische Mediennutzung. Die WHO und das DSM-5 haben Kriterien definiert — ähnlich wie bei anderen Süchten. Es geht um exzessiven Gebrauch, Vernachlässigung sozialer Kontakte oder Pflichten. Aber: Nur weil wir etwas oft tun, heisst das nicht, dass wir süchtig sind. Ich bin keine Expertin für Sucht, also spreche ich nur für mich persönlich. Wenn ich merke, dass ich ständig am Handy bin, frage ich mich: Was brauche ich gerade? Bin ich müde, einsam, überfordert? Diese Fragen helfen mehr als Schuldgefühle.
«Wenn ich merke, dass ich ständig am Handy bin, frage ich mich: Was brauche ich gerade? Bin ich müde, einsam, überfordert? Diese Fragen helfen mehr als Schuldgefühle.»
Und was ist mit Dopamin? Ist der Dopaminschub, den heutige Technologien und Konsummöglichkeiten auslösen, nicht gefährlich für Kinder?
Dopamin ist ein Neurotransmitter — kein Feind. Kinder mit ADHS haben zum Beispiel einen Dopaminmangel. Sie suchen aktiv nach Dingen, die ihnen ein gutes Gefühl geben. Das ist Biologie, kein moralisches Versagen. Wenn wir ihnen kategorisch Bildschirme verweigern, nur weil diese Dopamin freisetzen, ist das wie Insulin einem Kind mit Diabetes zu verweigern. Die Frage ist: Warum greift mein Kind zum Bildschirm? Was gibt er ihm? Und wie können wir gemeinsam Strategien finden, diese Bedürfnisse auch auf andere Weise zu erfüllen?
Wenn ein Kind ein neues Spiel ausprobieren möchte — wie kann ein Elternteil beurteilen, ob es geeignet ist?
Gute Frage! Zuerst: Altersfreigaben sind oft nicht sehr hilfreich. Ein Spiel ab 12 kann in einer Familie für ein zehnjähriges Kind okay sein — und in einer anderen nicht einmal für ein zwölfjähriges. Es hängt vom Inhalt ab: Sprache, Gewalt, Werbung, Online-Interaktionen.
Wenn Altersfreigaben nicht zuverlässig sind: Wo finde ich als Elternteil Informationen über Spiele?
Ich nutze oft Common Sense Media. Dort gibt es Rezensionen zu Spielen, Apps, Filmen, Büchern — mit Beiträgen von Expert*innen, Eltern und Kindern. Ich lese in der Regel mehrere Rezensionen, um ein vollständiges Bild zu bekommen. Man kann auch nach Kriterien wie «Sprache», «Gewalt» oder «Kommerzialisierung» filtern. Es gibt auch andere Wege.
Zum Beispiel?
Das klingt vielleicht überraschend, aber: Probieren Sie das Spiel selbst aus! Sie merken schnell, ob es für Ihr Kind geeignet ist und wo mögliche Fallstricke liegen.

Ehrlich gesagt habe ich keine Lust, selbst zu gamen …
Dann schauen Sie ein Let’s Play auf YouTube — suchen Sie z. B. «Fortnite First 10 Minutes» oder «Gameplay Review XY». So bekommen Sie schnell ein Gefühl dafür, ob es Werbung, In-App-Käufe, Online-Interaktionen usw. gibt.
Um ehrlich zu sein: Das klingt nach viel Arbeit. Noch mehr Mental Load!
Ja. Deshalb sagen viele Eltern entweder pauschal Nein — oder zu schnell Ja. Wenn Sie gerade keine Zeit haben, seien Sie ehrlich: «Ich brauche Zeit, um es mir anzuschauen. Wenn du sofort eine Antwort willst, ist es Nein. Wenn du mir eine Woche gibst, sehe ich es mir an.» Aber halten Sie dieses Versprechen und überprüfen Sie es wirklich. Das schafft Vertrauen.
Auf Instagram schreiben Sie: «Bildschirme helfen der ganzen Familie.» Wie das?
In den USA — und vielleicht auch bei Ihnen — sind viele Unterstützungsstrukturen verschwunden oder gab es nie: keine sicheren öffentlichen Räume für Kinder, keine kostenlose Kinderbetreuung, kein Elternurlaub. Eltern sind oft auf sich allein gestellt. Ein Bildschirm ist nicht das Problem — er ist eine Krücke. Vielleicht brauche ich 30 Minuten, um zu kochen, durchzuatmen, den Tag zu überstehen. Wenn mein Kind in dieser Zeit etwas schaut oder spielt — und ich danach präsenter und ruhiger bin — profitiert die ganze Familie.
«Sich über Bildschirmzeit sorgen zu können, ist ein Privileg.»
Also kompensieren Bildschirme strukturelle Defizite?
Bis zu einem gewissen Grad, ja. Aus dieser Perspektive wird klar: Sich über Bildschirmzeit sorgen zu können, ist ein Privileg. Deshalb setze ich mich dafür ein, Bildschirme neutral zu betrachten. Wenn wir ständig denken: «Das ist schlecht, das ist falsch», können wir ihre Vorteile gar nicht sehen — und geben uns nur selbst die Schuld.
Die 30 Minuten beim Kochen sind nicht das Problem. Aber laut der American Academy of Child and Adolescent Psychiatry verbringen amerikanische Kinder zwischen 8 und 12 Jahren täglich 4 bis 6 Stunden an Bildschirmen. Wie sollten wir als Gesellschaft darauf reagieren — ohne moralische Panik?
Schon die Frage selbst führt leicht zur moralischen Panik, weil wir sofort annehmen, dass 4–6 Stunden bedeuten, ein Kind sei praktisch unbeaufsichtigt. Aber in Wirklichkeit sollte man sich fragen: Womit wird diese Zeit verbracht? Sind Hausaufgaben darin enthalten? Schulzeit? Bücherlesen am Tablet? Wenn wir wirklich so besorgt über die Zeit am Gerät sind, müssen wir die systemischen Ungleichheiten angehen, die überhaupt erst zu dieser Überbeanspruchung führen.
Letzte Frage: Was könnten wir unsere Kinder am Ende des Tages fragen — statt «Wie lange warst du am iPad?»
Tolle Frage! Statt: «Wie lange warst du am Bildschirm?» könnten wir fragen: Was hast du heute gespielt? Was war herausfordernd? Was hat dich überrascht? Was hat besonders Spass gemacht? Hast du etwas Neues gelernt? Und dann nachhaken. Wenn sie sagen, sie haben mit Freunden gespielt, fragen: «Welche Rolle hattest du? Wie habt ihr entschieden, was ihr macht?» Oder: «Was hast du getan, als du gescheitert bist?» So erfahren wir, was Kinder beim Spielen tatsächlich tun — Probleme lösen, zusammenarbeiten, durchhalten. Und die Kinder merken: Ich kann mit meinen Eltern darüber sprechen. Auch wenn nicht alles perfekt läuft.
Ash Brandin, alias The Gamer Educator, ist Lehrperson und auf Instagram eine erfrischende Stimme, die Familien dabei unterstützt, Bildschirmzeit mit Ausgewogenheit, Neugier und Mitgefühl anzugehen. Ashs Buch «Power On: Managing Screen Time to Benefit the Whole Family» erscheint am 26. August 2025, z.B. hier online vorbestellen.