Bisherige Kooperationen
Über uns Newsletter

«Gute Bildung erwerben Kinder nicht in der Schule»

Der Neurobiologe Gerald Hüther erklärt, wie Eltern ihren Kindern ermöglichen können, ihr Potenzial zu entfalten – unabhängig von der Schule.
9 Aug 2019
Fotos — Tabea Reusser

In den nächsten Tagen beginnt für viele Familien ein neues Kapitel: die Schule! Wir widmen dem Riesenthema eine Reihe von Artikeln. Dazu gehört das Porträt eines hingebungsvollen Kindergärtners (und Spitzenkochs), die Tipps für Rituale bei Übergängen – und nächste Woche wird noch der Erfahrungsbericht einer Mutter folgen, die sich mit dem Thema aus persönlicher Sicht intensiv auseinandergesetzt hat. Das Interview mit Gerald Hüther ist eine von vielen Perspektiven auf die facettenreichen Komplexe Schule, Bildung und Ausbildung.

Gerald Hüther (68) ist Biologe, Hirnforscher, Initiator und Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung. Er hat dem menschlichen Hirn unzählige Studien und Publikationen gewidmet. Zentrale Erkenntnis seiner Forschung: Wer seine intrinsische Motivation behält, gibt auch dem Gehirn die Chance, all seine Möglichkeiten zu entfalten.

Vergangenen November habe ich Gerald Hüther anlässlich eines Vortrags zum Thema «Bildung im Zeitalter der Digitalisierung» gehört. Menschen seien berührbare Wesen und nur in unvoreingenommener Begegnung – zum Beispiel zwischen Lehrperson und SchülerIn – finde das Kind den Raum, seine Freude am Lernen zu bewahren. «Das heutige Schulsystem aber unterdrückt diese Freude», führte Hüther aus, indem es die Kinder in ein normiertes Lernschema zwänge. Das regte mich zum Nachdenken an, und ich wollte mehr darüber erfahren.

Gerald Hüther, ich hab mich durch die Schule gewurstelt, war mehrheitlich motivationslos und das eigene Potenzial zu entfalten war kein grosses Thema. Meiner Tochter möchte ich eine positivere Schulerfahrung ermöglichen. Wie mache ich das?
Das Erteilen mehr oder weniger kluger Ratschläge halte ich generell für wenig sinnvoll, Eltern gegenüber erscheint es mir sogar als Anmassung. Denn diejenigen Personen, die ihr Kind so gut wie niemand anders kennen, sind ja seine eigenen Eltern. Deshalb sind sie auch die einzigen, die entscheiden können, wie sie mit dem Schulthema umgehen wollen. Nur wenige Eltern sehen eine Chance, die Schule zu verändern, die ihr Kind besucht. Eine neue Schule zu gründen, die ihre Erwartungen besser erfüllt, ist meist auch keine Option. Also bleibt für fast alle Eltern nur eine Möglichkeit übrig: Sie müssten sich selbst, also die eigenen Vorstellungen davon, hinterfragen und gegebenenfalls verändern, wie eine gute Schule für ihre Kinder beschaffen sein sollte.

«Leute, die enorm erfolgreich sind, werden uns ständig als leuchtende Beispiele vorgeführt. Aber den wenigsten gelingt es, diesen Erfolg über längere Zeit aufrechtzuerhalten.»

Und wie können Eltern dies konkret angehen?
Was, so könnten Sie sich fragen, ist mir für mein Kind wichtiger: eine Bildung, die ihm später im Leben hilft, sein Leben so zu gestalten, dass es glücklich wird? Oder eine Ausbildung, die es später im Leben braucht, um erfolgreich zu sein? Das ist nicht das Gleiche! Leute, die enorm erfolgreich sind, werden uns ja ständig als leuchtende Beispiele vorgeführt. Aber den wenigsten gelingt es, diesen Erfolg über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Die meisten stürzen irgendwann äusserst schmerzhaft ab, werden drogensüchtig, trinken zu viel Alkohol, arbeiten zu viel, reisen zu viel umher, leben in zerrütteten Familien oder irgendwann ganz allein.

Eltern müssen sich also entscheiden: Wenn ihr Kind erfolgreich werden soll, braucht es eine möglichst gute Ausbildung. Das ist die Aufgabe der Schule. Wenn ihr Kind glücklich werden soll, braucht es eine möglichst gute Bildung. Die erwirbt es aber nicht in der Schule, sondern im tagtäglichen Leben und vor allem im Zusammenleben mit ihnen. Statt ihrem Kind dabei zu helfen, die Schulausbildung erfolgreich zu absolvieren, könnten seine Eltern es auch dabei unterstützen, sein Leben so zu gestalten, dass es jetzt schon glücklich ist und es auch später im Leben bleibt. Dann freilich würde die Schule zu einer Einrichtung, in der es sich – neben der ausserhalb der Schule erworbenen Bildung für ein gelingendes Leben – dann eben auch noch all das aneignen kann, was es heutzutage braucht, um auch noch gut ausgebildet zu sein.

«Eltern können ihr Kind dabei unterstützen, sein Leben so zu gestalten, dass es jetzt schon glücklich ist und es auch später im Leben bleibt.»

Also hat die Potenzialentfaltung beim Kind mit einer Lebensgrundhaltung der Eltern zu tun?
Die Entfaltung von Potenzialen, also die Entfaltung der in einem Kind angelegten Talente und Begabungen, kann man nicht fördern, sondern nur ermöglichen. Schon diese kleine Unterscheidung macht deutlich, dass es immer von den inneren Einstellungen, den Grundüberzeugungen, der Haltung von den Eltern abhängt, ob sie ihr Kind entweder fördern, unterstützen, erziehen und ausbilden wollen oder ob sie ihm möglichst gute Möglichkeiten zur Entfaltung seiner Talente und Begabungen bieten wollen. Im ersteren Fall werden die Eltern eher versuchen, «Fässer zu füllen», also ihr Kind zum Objekt ihrer gutgemeinten Förderungs- und Unterstützungsmassnahmen machen und ihm so viel wie möglich beizubringen. Im letzteren Fall werden sie versuchen, ihm die spielerische Erprobung seiner Talente und Begabungen zu ermöglichen, es also in seiner Subjekthaftigkeit als Gestalter seiner eigenen Lernprozesse zu stärken.

Wo liegen denn die Chancen und Möglichkeiten der Eltern, dass sich ihre Kinder frei entfalten können – egal, wo sie zur Schule gehen?
Die liegen, wenn es in der Schule nicht geht, zwangsläufig immer ausserhalb der Schule. Also zu Hause im familiären Zusammenleben, draussen im Garten und der freien Natur, überall dort, wo Kinder spielerisch ausprobieren können, was alles und wie etwas geht.

Kinder sind Anpassungskünstler. Wie merken wir, wenn sie in der Schule nicht wohl sind, in ihrer Entfaltung blockiert werden und resignieren? Kann es irgendwann zu spät sein?
Wenn Kinder ihre angeborene Freude am Ausprobieren, am Lernen und Gestalten verlieren, stimmt etwas nicht. Dann wird es Zeit, nach den Gründen dafür zu suchen und sie abzustellen. Wenn Kinder die Erfahrung machen müssen, dass ihnen ihre Entdeckerfreude und Gestaltungslust nur Probleme macht, müssen sie lernen, beides zu unterdrücken. Deshalb ist es so wichtig, dass ein Kind neben dem Schulbesuch noch genügend Möglichkeiten findet, sich als begeisterter Entdecker und Gestalter zu erleben. Es ist äusserst schwer, die Lernlust von Kindern wiederzuerwecken, denen es gelungen ist, sie sehr wirksam und nachhaltig in sich selbst zu unterdrücken.

Das folgende Argument höre ich immer wieder: «Warum eine Extraschule? Das Leben ist auch kein Wunschkonzert. Man muss die Kinder auf die nun mal reale Welt vorbereiten, wenn sie sich später im Leben behaupten sollen.» Wie argumentieren Sie gegenüber diesen Kritikern oder Gegnern von alternativen Schul- und Lernmethoden?
Auf diese Argumentation reagiere ich normalerweise gar nicht. Deutlicher als mit diesen Worten kann mein Gegenüber  gar nicht zum Ausdruck bringen, welch Geistes Kind sie oder er ist. Ich fühle mich nicht berufen, diese Grundhaltung infrage zu stellen. Die dadurch in meinem Gegenüber ausgelösten Verteidigungs- und Gegenreaktionen machen das ganze Problem nur noch schlimmer.

Frühförderung und Freizeitprogramme, Überfluss und Konsumwut, Digitalisierung und Erfolgsdruck: Unsere Welt ist kompliziert geworden. Was brauchen Kinder (und Eltern) wirklich, um glücklich aufzuwachsen?
Wenn die beiden menschlichen Grundbedürfnisse gestillt werden können, ist alles gut: das nach Verbundenheit und Zugehörigkeit einerseits und das nach autonomen Gestaltungsmöglichkeiten und Freiheit andererseits. Wenn sie erleben müssen, dass sie von ihren Eltern, Erziehern oder Lehrern zum Objekt von deren Erwartungen und Absichten, Belehrungen und Bewertungen, Massnahmen und Anordnungen gemacht werden, ist das eine sehr schmerzhafte Erfahrung. Denn dann werden beide Grundbedürfnisse gleichzeitig verletzt. Das öffnet dann das Tor für die Suche nach Ersatzbefriedigungen. Verhindern liesse sich das nur, wenn ein Kind das sichere Gefühl hat, so wie es ist, also bedingungslos angenommen, oder noch deutlicher: geliebt zu werden.

«Wenn die beiden menschlichen Grundbedürfnisse gestillt werden können, ist alles gut.»

Ganz konkret: Was genau passiert mit unseren Kindern, wenn wir dauernd am Smartphone hängen? Uns hilft es ja manchmal, kurz auszuklinken …
Solange digitale Geräte als Werkzeuge eingesetzt werden, um damit etwas zu machen, was anders nur schwer oder gar nicht gelingt, ist alles gut. Problematisch wird es aber immer dann, wenn diese Geräte als Instrumente zur Affektregulation eingesetzt werden. Zur Ablenkung beispielsweise, oder weil es im realen Leben kaum noch etwas zu entdecken gibt, oder weil man keine richtigen Freunde findet und dafür ersatzweise Mitglied einer virtuellen Gemeinschaft wird. Wer digitale Geräte zur Affektregulation nutzt, hat dann kaum noch Gelegenheit im realen Leben zu lernen, wie ungestillte Bedürfnisse gestillt und affektive Zustände bewältigt werden können.

Mir gefällt das Bild vom inneren Kompass, der uns intuitiv und selbstsicher durchs Leben leitet. Nur: Wie findet man den, oder verliert ihn nicht aus den Augen? Und wie zeigen wir diesen Kompass unseren Kindern?
Wenn wir als Eltern selbst nichts haben, was uns im Leben wichtig ist, wofür wir da sein, worum wir uns kümmern wollen, werden unsere Kinder so eine innere Orientierung nur schwer aus sich selbst herausfinden können. Im Grunde genommen handelt es sich bei diesem «inneren Kompass» um ein inneres Bild, das wir im Gehirn verankern, das unserem Dasein einen Sinn verleiht und uns hilft, unseren Weg im Leben zu finden.

Wenn Sie jetzt, im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts, ein junger Vater wären, welches wäre Ihr konkreter Plan für Ihre Kinder?
Ich habe ja Enkelkinder und frage mich selbst oft genug, was ich für sie tun kann, damit sie ihre angeborene Freude am eigenen Entdecken und am gemeinsamen Gestalten nicht verlieren. Als Grossvater stelle ich fest, dass es mehr ist als das, was ich ehemals als Vater für möglich gehalten und gemacht habe. Der banale Grund dafür ist, dass ich für meine Enkelkinder keinen Plan im Kopf habe. Ich freue mich einfach nur darüber, dass sie alle so sind, wie sie sind. Wenn ich jetzt noch einmal ein junger Vater wäre, würde ich genau das versuchen.

Ist weniger immer mehr?
Von alldem, was uns hilft, unser Zusammenleben so zu gestalten, dass es uns glücklich macht, kann es nicht genug oder gar zu viel geben. Aber bei allem, was uns daran hindert, wäre weniger davon immer mehr.

*das Interview wurde schriftlich geführt.

Gerald Hüther

Der Neurobiologe ist Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung, emeritierter Professor und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und populärwissenschaftlicher Darstellungen.
(Fotoquelle)

Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.