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HIV-positiv – und Mutter

Katharina erfuhr in der Schwangerschaft, dass sie HIV positiv ist. Wie sie lernte, ihre Geschichte zu akzeptieren.
1 Dez 2018
Bild — Unsplash

Die Liebe.

Ein kaum merkliches, nachdenkliches Lächeln huscht über Katharinas Gesicht, als sie sagt: «Ich war verliebt in diesen Mann.» Wer kennt sie nicht, die starken Emotionen, die aufflammen, wenn man sich zu einem Menschen hingezogen fühlt? Wenn man fasziniert, überglücklich und gebannt ist? Und immer auch ein bisschen geblendet. Wer kennt schon die Liebe nicht?

«Es war kompliziert, wir führten eine Distanzbeziehung, konnten uns oft nur am Wochenende sehen. Das Ganze war nicht einfach.» In den 90er-Jahren, als noch nicht alle ein Handy hatten, war es entsprechend schwieriger, den Kontakt zu halten. Katharina erzählt mit einer sanften, angenehmen Stimme ihre Geschichte. Eine Geschichte, die von Liebe, Trauer und Schweigen, von Akzeptanz und Treue handelt.

Die Diagnose.

Übel und komisch sei ihr gewesen. Schweissausbrüche, Magenkrämpfe und Schwindel wechselten sich ab. 35 Jahre alt war Katharina damals, 1998. Die Ärzte sagten ihr, es sei alles in Ordnung. «‹Wechseljahre›, sagte der eine Arzt, ein anderer meinte, ich sei wohl etwas verstopft.» Nach rund einem Monat fühlte sich die junge Frau nicht besser und ging zur Untersuchung zum Frauenarzt. «Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich schwanger sei. Das war eine grosse Überraschung, damit hatte ich nicht gerechnet.» Der Mann jedoch, den sie liebte, wollte das nicht glauben. Das könne nicht sein, er sei bestimmt nicht der Vater. Katharina erzählt, dass sie ihn danach nie mehr gesehen hat.

Zwei Wochen darauf rief der Arzt an, Katharina solle nach Bern kommen, es sei dringend. «Ich war verunsichert, hatte Angst, dass etwas mit dem Kind nicht stimmt.» Der Arzt empfing Katharina in seiner Praxis, meinte zur Assistentin, es könne etwas länger dauern. Er schloss die Tür hinter sich und sagte ihr dann: «Es tut mir sehr leid, Ihnen das sagen zu müssen. Ihr Blut wurde getestet, Sie sind HIV-positiv.»

Katharinas Welt geriet ins Wanken, drohte zusammenzubrechen. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf: Wie geht es dem Kind? Wie soll alles weitergehen, alleine und krank? Was mache ich nun? Wo ist wohl der Mann und weiss er, dass er auch betroffen ist? Wem sage ich es? Will ich überhaupt noch leben?

Die Familie.

Zuhause angekommen dachte sie daran, aus dem Fenster zu springen. Einfach springen, dann wäre alles vorbei. Eine ihrer fünf Schwestern rief an. «Sie hat gleich gemerkt, dass etwas los ist, und fuhr mit ihrem Mann und unseren Eltern sofort zu mir. Diesen Rückhalt spüre ich bis heute, dafür bin ich sehr dankbar.» Ihr Sohn wuchs während der ersten zwei Jahre bei ihren Eltern auf. Danach sorgte Katharina selber für ihr Kind, als alleinerziehende, berufstätige Frau mit Unterstützung aus dem privaten Umfeld und der Aids-Hilfe Bern. Die Behörden allerdings seien einfach nur auf ihre Bürokratie versessen.

Katharinas Verhältnis zu ihren Schwestern, ihrem Bruder und den Eltern ist bis heute ein gefestigtes. Mit den Schwestern mache sie hie und da Ausflüge, Wanderungen oder Spielabende. Wichtig ist ihr das gemütliche Beisammensein. Katharinas Sohn ist heute 15 Jahre alt, es geht ihm gut. Er will Bauzeichner lernen und macht fleissig Hausaufgaben. Ihr Sohn kam ohne HIV-Infektion zur Welt. «Ich musste in der Schwangerschaft täglich Medikamente schlucken, um die Viren zu unterdrücken. Mein Sohn kam per Kaiserschnitt zur Welt, wegen der Ansteckungsgefahr. Ihm wurden während der ersten Lebenswochen ebenfalls starke Medikamente verabreicht, ich durfte ihn auch nicht stillen.»

Damals wurde im Spital ihre Bettwäsche gar separat gewaschen. Manche Ärzte waren wenig vertraut mit dem Thema und hätten besonders ihre Eltern falsch informiert. Katharina fühlte sich in solchen Momenten wie eine Aussätzige. Dass sie HIV-positiv ist, wussten lange Zeit nur sehr, sehr wenige Menschen.

Das Schweigen.

«Ich habe immer gespürt, wem ich meine Krankheit anvertrauen wollte und wem lieber nicht. Das spürt man ganz deutlich. In ganz vielen Fällen habe ich lieber geschwiegen.» Zu oft habe sie mitbekommen, wie Menschen andere Menschen leichtfertig verurteilen, abstempeln, diskriminieren. «Dabei weiss man ja nie, welche Geschichte ein Mensch hat und mit sich herumträgt.»

Bei der Arbeit wussten ihre Vorgesetzten und einige wenige Arbeitskollegen von Katharinas Diagnose. Die Arbeit war ohnehin ein Rettungsanker und eine willkommene Ablenkung von den einsamen, traurigen Momenten in der Nacht. Denn schlafen, das konnte sie nicht mehr so gut. Und so ging Katharina lange Zeit sehr gerne zur Arbeit, nahm die ihr übertragene Verantwortung gewissenhaft wahr. Sie sagt: «Ich war ein Workaholic.»

In der Freizeit widmete die junge Mutter all ihre Kraft und Zeit ihrem kleinen Buben. «Wir haben ganz viel unternommen, waren oft draussen und machten viele Ausflüge. Ich habe einfach funktioniert, ich musste, und das war auch gut so.»

Die Erschöpfung.

Doch irgendwann, vor ein paar Jahren, war Schluss. Bei der Arbeit geschah ein unschöner Zwischenfall. Katharina fühlte sich nicht mehr willkommen, nicht mehr wohl und ihr Alltag nahm eine Wende. «Ich war plötzlich wie ausgebrannt, war oft müde, sehr müde. Bis heute hält das an. Gefühle, ob gute oder schlechte, habe ich keine mehr.»

Katharina sagt, sie verspüre weder Freude noch Trauer, das sei ihr irgendwo auf ihrem Weg abhandengekommen. Trotzdem ist ihr Gesichtsausdruck ein weicher, herzlicher. Ihre Gegenwart ist sehr angenehm und ihr Lachen scheint von tief innen zu kommen.

Das Akzeptieren.

Katharina traf auf Menschen, die ihr geholfen haben, mit der Diagnose und den Hürden im Alltag umzugehen. «Die Aids-Hilfe-Organisation bot stets Unterstützung, wenn es um rechtliche Fragen oder administrative Herausforderungen ging. Dort hat immer jemand ein offenes Ohr. Und was mir besonders gut tut ist, wenn ich meine Geschichte erzählen kann. Deshalb mache ich mit beim Projekt «Positiv sprechen» der Aids-Hilfe Bern. Mein Sohn kam auch einmal mit, auch er hat die Fragen der Schülerinnen und Schüler beantwortet und meinte danach, Mami, das war jetzt ein schöner Abend.» Das Akzeptieren der eigenen Geschichte sei ein ganz wesentlicher Schritt zu etwas mehr Ruhe und Frieden. «Das ist mein Schicksal, das ist mein Leben. Ich lerne, damit umzugehen.»

Dieser Text erschien zuerst auf der Website der Aids-Hilfe Bern.

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