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Ich bin die Tutti-Mutti

Wie mir die Gratisplattform Tutti.ch nicht nur zahlreiche schöne Dinge, sondern auch einen neuen Glauben in das Gute im Menschen bescherte.
22 Mai 2018
Bild — Ivo Saglietti*

Vorab: Dies ist keine bezahlte Werbung, auch wenn sich der Text stellenweise so lesen mag. Eigentlich ist es auch egal, wie die Plattform heisst, es könnte auch irgend eine andere Website sein, es geht um viel mehr als um eine Marke und eine App. Es geht um nichts weniger als um meinen Glauben ins Gute im Menschen. Aber von Anfang an.

Als Mutter ist man plötzlich konstant in der Organisation und Logistik tätig. Ständig müssen Regenkleider in der richtigen Grösse angeschafft, löchrige Hosen ersetzt, Winterkleider gekauft, Babysachen wieder abgeschafft werden, weil: der Platz, das Chaos. (Und ja, ich kenne keine Familie, bei welcher der Vater für diese Aufgaben zuständig wäre, Gegenbeispiele aber bitte gern im Kommentar melden.) Und dabei sind einerseits Brockis und Börsen, aber eben auch Facebookgruppen und Apps eine Riesenhilfe. Meine Kinder laufen zum grössten Teil in Secondhand-Ausrüstung herum, die teilweise in erstaunlich guter Qualität verfügbar ist. Dies ist nicht nur ein Auswuchs meines Schnäppchenjägerinnentums, sondern auch ein Nachhaltigkeitsziel von mir – nur noch nachhaltig produzierte oder bereits getragene Kleidung kaufen.

Inzwischen haben wir sogar ein Verb dafür, «tutten» respektive «vertutten».

Mit der Tutti-App geht das besonders praktisch: Mal schnell eine Suche nach «Regenhose 104» starten, und wenn nichts in der Nähe dabei ist, halt Suchabo laufen lassen, vielleicht taucht morgen etwas auf. Die Ausbeute ist dabei erstaunlich gut, es scheint sooo viele nicht mehr benutzte Kindersachen zu geben, wir leben einfach wirklich im Überfluss! So habe ich schon grossartige Schnäppchen gemacht, wie die nie getragenenen Veja-Turnschuhe für 20 Franken (siehe Bildergalerie unten); aber auch Dinge gefunden, die sonst hier nicht verfügbar sind, wie das schöne Velositzli von Thule Yepp, in das ich mich in Kopenhagen verguckte, oder das vergriffene Kinderbuch. Brunas stilvolle Wohnung verdankt sie meiner Tutti-Manie. Gar nicht zu reden von all den Dingen, die wir schon alle via Tutti losgeworden sind, sogar der explizit als defekt ausgeschriebene Milchschäumer fand reissenden Absatz, wohl wegen irgend eines sonst nicht verfügbaren Ersatzteils. Inzwischen haben wir sogar ein Verb dafür, «das habe ich getuttet» resp. «vertuttet», heisst: via Tutti ge- oder verkauft.

Natürlich gibt es Fallstricke. Die Tutti-App verleitet auch zu unnötigen Käufen, man muss sich sehr im Griff haben, um nicht ein Schnäppchen um des Schnäppchens willen zu machen. Ein bisschen wird es zur Sucht, weil es ja so einfach geht. Deshalb muss ich mich selber immer mahnen: Brauche ich das nun wirklich? Und natürlich gibt es ganz viel Müll und Schrott auf Tutti (mit Schaudern erinnere ich mich an die leider nicht mehr verfügbare Instagram-Serie «Tutti of the day» von der Fotografin Joëlle Lehmann). Zudem man darf nicht vergessen, dass ein weiter Anfahrtsweg auch seinen Preis hat – wer ein Schnäppchen macht, aber dafür 100 Kilometer fährt, möge daran denken: Zeit ist auch Geld, oder – gerade für berufstätige Eltern  – oft sogar wertvoller als Geld.

Wer ein Schnäppchen macht, aber dafür 100 Kilometer fährt, möge daran denken: Zeit ist auch Geld, oder sogar wertvoller als Geld.

Aber letztlich geht es ja nicht nur um die Schnäppchen (obwohl die schon irgend einen niederen Instinkt befriedigen). Das Beste am Handeln via Tutti ist: Die Leute sind unglaublich zuverlässig, freundlich und zuvorkommend. Schon x-fach habe ich – auch grössere – Geldbeträge vorgängig überwiesen, ohne irgendwelche Abklärungen über den Verkäufer, die Verkäuferin getätigt zu haben. Immer kam die Ware an, noch nie wurde ich über den Tisch gezogen, noch fast nie war etwas in einem schlechteren Zustand als vorgegeben (ausser das kaputte Velolicht, grmpf); oft genug machen sich die Leute sogar die Mühe, ein Kärtchen zu schreiben. Es ist erstaunlich, eigentlich wäre es ja ein Leichtes, hier zu betrügen, nicht einmal den Anreiz positiver Bewertungen wie z.B. auf Ricardo gibt es.

Bei persönlicher Abholung trifft man meistens superfreundliche Leute an, die sich freuen, wenn ihre Dinge in neue Hände kommen. Als ich einmal blindlings ein Kindervelo im Luzernischen kaufte (das ist eine andere Geschichte), suchte ich in der Kategorie «Sonstige Stellen» auf Tutti jemanden, der es für mich abholt. Sofort kamen ganz viele Angebote. Ein freundlicher junger Mann anerbot sich via Whatsapp, das Ding für gerade mal 25 Franken nach Bern zu transportieren. Er schoss für mich sogar den Kaufpreis vor. Ich konnte es kaum glauben.

Die Welt scheint immer schlechter zu werden. Aber auf Tutti gibt es sie noch, die ehrlichen Menschen.

Rührend war auch das Paar aus Zürich, das für unser altes Küchenbüffet extra aus Zürich anreiste und uns nach erfolgter eigenhändiger Renovation stolze Nachher-Fotos schickte (das Möbelstück ist jetzt nicht mehr schäbig, sondern im shabby-look). Oder die junge Frau, die mir einen Strauss Blumen brachte, weil sie sich so über meine 50er-Jahre-Küchenstühle freute.

Die Welt scheint immer schlechter zu werden, aber auf Tutti gibt es sie noch, die ehrlichen, freundlichen Menschen.

*Bild aus: Bruno Munari, «Il dizionario dei gesti italiani», Adnkronos Libri, Bergamo 1994

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22. Mai 2018
Nadia
@Sarah: Ja, das haben sie. Aber nicht wegen den verschiedenen Einkäufern und Stilberaterinnen. Sie haben einfach sehr unterschiedliche Geschmäcker. Die wir auch berücksichtigen, solange es budgetmässig im Rahmen liegt.
22. Mai 2018
Sarah
Ha! Das ist ja grossartig! Würde mich noch wundernehmen, ob dann eure beiden Kinder unterschiedliche Styles haben? ;-)
22. Mai 2018
Nadia
Hier! Bei uns ist der Mann zuständig für die Kleider von Kind 1, ich für die Kleider von Kind 2. Kenne eine Familie aus dem Breitsch (3 Kinder), da ist das Kleider-Ressort ganz in Männerhand.