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«Kinder brauchen Konflikte»

Die US-Autorin Heather Shumaker stellt Erziehungsmythen richtig – und gibt uns Instrumente zur Hand, wie wir mit Streit umgehen können.
17 Nov 2020
Bilder — Markus Spiske (Unsplash)

Dies ist Teil 2 unseres Interviews mit Heather Shumaker. In Teil 1 gings um körperliche Rauferein – und warum sie so wichtig und nützlich sind für Kinder. Hier könnt ihr diesen Part nachlesen.

Ich habe zwei Söhne, und ich muss zugeben, dass mich all die Konflikte jeden Tag ermüden. Ich hätte wirklich gerne mehr Frieden in unserem Alltag. Habe ich zu hohe Erwartungen an das Leben mit Kindern?
Heather Shumaker: Natürlich werden wir müde! Elternsein ist eine ermüdende Arbeit. Aber Kinder brauchen Konflikte, damit sie lernen, mit diesen Gefühlen umzugehen. Sie müssen lernen, Grenzen zu setzen und Grenzen anderer zu respektieren. Es ist nicht leicht, aber wenn sie immer wieder üben, erwerben sie diese Fähigkeiten, und es wird ihnen zur zweiten Natur. Wenn wir allerdings als Erwachsene der Konflikte überdrüssig werden, fangen wir an zu schreien oder sagen Dinge wie: «Ich habe genug! Ruhe jetzt! Geht auf eure Zimmer!», und das hilft nicht. Das starke Gefühl hinter dem Konflikt wird dadurch nicht verschwinden, es wird einfach begraben – und höchstwahrscheinlich werden wir uns zu einem späteren Zeitpunkt mit diesem starken Gefühl auseinandersetzen müssen. Konflikte sind ein natürlicher Teil des Kinderlebens.

Ich muss wohl meine Einstellung zu Konflikten ändern. Wie soll ich denn damit umgehen, wenn meine Kinder streiten?
Wenn man merkt, dass ein Kind von einem starken Gefühl überwältigt wird, könnte man beispielsweise sagen: «Du klingst wütend! Was können wir anstellen mit diesem starken Gefühl?» Vielleicht ist das Kind nicht in der Lage, dem anderen Kind zu sagen, was es in diesem Moment nicht mag, weil das Gefühl zu heftig ist. Also müssen wir einfach mit seinem Gefühl arbeiten. In meinem Buch gibt es viele Anregungen dazu.

«Konflikte sind ein natürlicher Teil des Kinderlebens.»

Werden die Konflikte abnehmen, wenn wir an den grossen Gefühlen – wie Sie sagen – «arbeiten»?
Selbst wenn wir diese grossen Gefühle kanalisieren können, werden die Konflikte in den meisten Fällen nicht sofort verschwinden. Aber sie werden leichter zu handhaben sein. Und die Kinder werden selbst die Fähigkeit erlangen, mit diesen Gefühlen umzugehen. Ich kenne zum Beispiel einen 4-Jährigen, der ständig Leute geschlagen und getreten hat. Das war kein Spiel, er war wütend, und dann hat er getreten. Aber seine Lehrerin zeigte ihm, dass es ein tolles Geräusch macht, wenn man Zeitungen zerreisst, und bot ihm immer diesen Ersatz an, wenn er wieder schlug und trat. Mit der Zeit kam er selber zum Punkt, an dem er jeweils sagte: «Ich brauche Zeitung!», sobald er den Drang verspürte, seine Mutter oder ein anderes Kind zu hauen. Er hatte also erkannt: «Ich bin wütend, ich kann keinen Menschen schlagen, und ich brauche ein Ersatzziel.» Das war eine erstaunliche emotionale Entwicklung für einen 4-Jährigen.

Ich dachte immer, dass das blosse Umlenken von Aggressionen diese sogar fördern oder verstärken kann. Ist das falsch?
Das höre ich immer wieder. Aber nehmen wir an: Wenn wir als Erwachsene wütend sind, hilft uns auch irgendeine Art von körperlicher Betätigung. Wir können rausgehen, uns bewegen. Gewisse Leute fangen in der Wut an, wie verrückt ihr Haus zu putzen – ich nicht (lacht). Erwachsene können ihre Emotionen durch körperliche Aktivität ausleben. Auch Kindern hilft das. Aber wir können sie nicht einfach allein nach draussen schicken, also müssen wir ihnen etwas im Haus geben, etwas in der Nähe, vielleicht ein Kissen, um die Wut rauszulassen. Draussen könnten sie ihr Kind beispielsweise einen Baum schlagen lassen. Das verschafft ihm körperliche Erleichterung. Wenn kleine Kinder diese starken Gefühle verspüren und wir ihnen sagen: «Lasst uns darüber reden, wie du dich fühlst!», können sie in diesem Moment nicht darüber sprechen. Wenn Sie also sagen: «Du kannst mich nicht schlagen, aber du kannst das Sofa hauen», dann macht diese Handlung ihr Kind nicht zu einem schlechten, gemeinen oder aggressiven kriminellen Menschen. Es ist einfach ein sicherer Weg, seine Emotionen rauszulassen.

Aber ist es nicht entscheidend, dass wir den Kindern beibringen, wie man diese Emotionen benennt und mit ihnen umgeht?
Wenn die Emotionen erst einmal herausgekommen sind und das Kind es leid ist, gegen das Kissen zu schlagen oder die Zeitung zu zerreissen, dann ist es vielleicht bereit für eine Umarmung. Aber es kann nicht sprechen, währenddem es von diesen grossen Emotionen überflutet wird. Viele Kinder in diesem Alter müssen Emotionen durch ihren Körper freisetzen. Ich zum Beispiel liess jeweils als Kind bei Wutanfällen meinen Körper auf den Boden fallen, rollte mich im ganzen Raum herum und schrie. Ich war sehr gut darin. Und ich erinnere mich auch daran, dass ich, wenn ich einen Wutanfall hatte, schreckliche Angst hatte. Ich dachte, ich sei ausser Kontrolle, und ich meinte, dieses starke Gefühl würde niemals verschwinden. Ich hatte Angst, dass mich niemand mehr lieben würde. Ich brauchte jemanden, der älter und ruhiger war als ich und mir helfen konnte. Manchmal brauchte ich eine Umarmung, und manchmal brauchte ich jemanden, der sagt: «Ich liebe dich, ich weiss, dass du jetzt wütend auf mich bist, aber ich werde für dich da sein.» Und ja, das ist ermüdend für einen Erwachsenen!

«Wir müssen den Kindern die Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie ihre Konflikte lösen können.»

Ich ertappe mich dabei, wie ich von vornherein versuche, Konflikte zu vermeiden. Und ich weiss, dass viele Eltern mit mehreren Kindern genauso empfinden. Ist es nicht unsere Aufgabe als Eltern, Konflikte und Kämpfe zu verhindern?
Ich denke, wir müssen den Kindern die Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie ihre Konflikte lösen können. In der Regel steckt ein starkes Gefühl hinter dem Konflikt. Oft sind die Streitigkeiten, die den ganzen Tag lang immer wieder auftauchen, darauf zurückzuführen, dass die Kinder nicht richtig gehört wurden. Sie haben ein starkes Gefühl, das nicht gesehen wird. Solange dieses Gefühl nicht zum Ausdruck kommen kann und wir uns nicht darum kümmern, wird es bestehen bleiben und möglicherweise noch grösser werden. Im Laufe des Tages wird es also immer schlimmer und schlimmer.

Einige Fragen zu konkreten Situationen. Was tun, wenn ein 2-Jähriges auf einem Spielplatz oder in der Kindertagesstätte andere Kinder schlägt?
Zuerst müssen wir das Verhalten stoppen. Manchmal können Kleinkinder sich nicht selbst aufhalten, deshalb müssen wir zu ihnen gehen, und zwar physisch – nicht über eine weite Distanz schreien, und ihnen helfen, ihren Körper zu stoppen. Dann müssen wir herausfinden, ob es ein Spiel oder ein Konflikt ist. Fragen Sie das geschlagene Kind: Hat es dir gefallen, als das andere Kind dich geschlagen oder gestossen hat? Manchmal wird uns ein Kind überraschen und sagen: «Ja! Es hat mir gefallen!» Also fragen Sie zuerst. Gehen Sie nicht davon aus, dass es per se etwas Schlechtes ist und dass das Kind, das schlägt, ein böses Kind ist. Wenn es sich um einen Konflikt handelt, dann arbeiten Sie die Schritte der Konfliktmediation durch: Was hat das Kind getan, das dir nicht gefallen hat? Gehen Sie diese Gefühle durch und finden Sie heraus, was vor sich geht.

«Erwarten Sie, dass Ihre 5-Jährige, die aus dem Kindergarten nach Hause kommt, Ihnen ihr schlechtestes Verhalten zeigt.»

Was ist, wenn die 5-Jährige aus dem Kindergarten, wo sie sich immer gut benimmt, nach Hause kommt und zu Hause absichtlich ihr kleines Geschwisterchen umschmeisst?
Nehmen Sie es als Kompliment. Sie werden das schlimmste Verhalten Ihres Kindes zu sehen bekommen, weil es sich bei Ihnen zu Hause sicher und wohl fühlt. Es ist ein Kompliment an Sie, dass es sich hier sicher und geliebt fühlt. Es spürt: Selbst wenn es sich nicht mehr beherrschen kann, werden Sie für es da sein. Erwarten Sie also, dass Ihre 5-Jährige, die aus dem Kindergarten nach Hause kommt, Ihnen ihr schlechtestes Verhalten zeigt – aber das bedeutet, dass sie vielleicht etwas zusätzliche Hilfe braucht. Das Kind ist nach dem Kindergarten erschöpft, es ist viel Arbeit für ein kleines Kind, sich an einem öffentlichen Ort zusammenzunehmen. In der Schule und in der Öffentlichkeit wird so viel von ihm erwartet. Das Kind wird all seine Impulskontrolle aufgeben und zu Hause vor Erschöpfung einfach zusammenbrechen. Das ist zu erwarten, es ist völlig natürlich, und es zeigt, dass es sich zu Hause sicher fühlt. Aber körperlich muss sich auch das jüngere Kind sicher fühlen, also müssen Sie das jüngere Kind schützen.

Können wir diese Situation irgendwie verhindern?
Wenn Sie wissen, dass Ihr Kind ein körperliches Dampfablassen braucht, wenn es nach Hause kommt, sollten Sie die Geschwister vielleicht nicht sofort im gleichen Raum zusammen spielen lassen. Vielleicht umarmen Sie das ältere Kind, schaukeln es in Ihren Armen wie ein Baby, lesen eine Geschichte vor, geben ihm einen Snack oder lassen es noch etwas draussen herumrennen. Die Möglichkeiten und Bedürfnisse sind so unterschliedlich wie die Kinder selbst. Vielleicht ist der Übergang beim Heimkommen in der ersten halben Stunde ziemlich schwierig – also trennen Sie die Kinder zunächst und helfen ihnen dabei, sich in die neue Situation hineinzufinden. Lassen Sie es wissen: Du bist jetzt zu Hause, du musst nicht mehr so tun, als ob du perfekt seist. Aber trotzdem – du kannst deine kleine Schwester nicht herumschubsen.

«Alles ist in Ordnung, solange dabei keine anderen Menschen verletzt oder Dinge zerstört werden. Diese Regel deckt fast alles ab, und Sie werden nicht viele andere Regeln brauchen.»

Was ist die wichtigste Regel, die Sie für eine Familie vorschlagen würden?
Diejenige, die alles abdeckt, ist: Alles ist in Ordnung, solange dabei keine anderen Menschen verletzt oder Dinge zerstört werden. Diese Regel deckt fast alles ab, und Sie werden nicht viele andere Regeln brauchen. Die Regel gilt auch bei sehr starken Gefühlen. Zum Beispiel: Du kannst wütend sein, aber ich kann nicht zulassen, dass du mich schlägst. Ihr könnt ringen, aber nicht hier in der Küche. Das gilt auch, wenn ein Kind schreit – lassen Sie es draussen schreien, damit es Ihnen nicht in den Ohren wehtut.

Wir gehen bei unseren Kindern oft vom Schlimmsten aus. Wir nehmen automatisch an, dass sie sich nur so aufführen, um uns zu ärgern.
Ja, aber in Wahrheit schwenken sie mit ihrem ärgerlichen Verhalten eine grosse Fahne: Hilfe! Ich bin außer Kontrolle, und ich kann mir nicht helfen. Kinder versuchen nicht, uns wütend zu machen, aber sie verspüren ein starken Gefühl und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Als mein Kind das erste Mal einen Wutanfall hatte, war ich so glücklich! Ich hatte all dieses Wissen über die Entwicklung meines Kindes und ich dachte: «Oh, schau! Er hat ein starkes Gefühl und ich weiß, was zu tun ist!» Ich fühlte mich sehr stark und unter Kontrolle, denn er tat genau das, was natürlich und normal war – und ich wusste genau, wie ich ihm helfen konnte. Ich versuchte, nicht zu lächeln, aber ich fühlte mich eigentlich gut. Das Ganze ist weniger ermüdend, wenn man erkennt, wie man helfen kann. Und wenn man akzeptiert, dass Wutausbrüche und Konflikte völlig natürlich sind.

Dies ist Teil 2 unseres Interviews mit Heather Shumaker. In Teil 1 gings um körperliche Rauferein – und warum sie so wichtig und nützlich sind für Kinder. Hier könnt ihr diesen Part nachlesen.

Heather Shumaker

Die Autorin hat zwei Kinder im Teenageralter und lebt in Michigan, wo wir sie für dieses Gespräch am Telefon erreicht haben. Ihre Bücher sind auf Englisch und neu auch auf Französisch erhältlich («Parents, rebellez-vous: Comment résister à la pression sociale et élever des enfants bien dien dans leur peau») – deutsch leider noch nicht. Das englische Hörbuch von «It’s Ok Not To Share» ist auf Spotify erhältlich.

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