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Kleine Labels in der Krisenzeit

Was bedeutet die Pandemie für Geschäftsinhaberinnen? Sechs Frauen haben uns von ihren Sorgen berichtet - aber auch von Chancen.
16 Apr 2020
Bild — Martin Woortmann (Unsplash)

Diese Frauen und Mütter führen ein eigenes Geschäft, das direkt vom aktuellen Lockdown betroffen ist. Wir haben bei ihnen nachgefragt, wie sie die Situation erleben. Und werden auch beim nächsten Einkauf – ob für eine Kinderhose, ein Geburtstagsgeschenk oder einen Wochenplaner, die wir trotz Lockdown benötigen – ganz konkret diese (oder andere) kleinen Labels mit einer Bestellung unterstützen. Jetzt noch mehr denn je.

Nina und Lara Tegeltija – Lost and Found Accessoires

Wie beeinflusst der Lockdown Ihr Geschäft?
Die Corona-Krise hat uns, wie viele anderen auch, sehr getroffen. Einerseits ist unser Ladenlokal seit Mitte März geschlossen, wie auch alle Geschäfte unserer Handelspartner, die wir normalerweise beliefern dürfen. Andererseits sind alle Frühjahrsmessen abgesagt worden, an denen wir ausgestellt hätten. Zum Glück haben wir einen Onlineshop und können diesen weiterhin am Laufen halten. Aber Portemonnaies und Taschen sind im Moment verständlicherweise nicht oberste Priorität auf der Einkaufsliste. Daher freuen wir uns jetzt besonders über jede einzelne Bestellung, die reinkommt.

Was ist momentan Ihre grösste geschäftliche Herausforderung?
Als grösste Herausforderung empfinden wir im Moment die Meisterung des Alltags und den Umgang mit der Ungewissheit. Theoretisch würde uns diese Ausnahmesituation die Zeit geben, gewisse Projekte in Angriff zu nehmen, die sonst im Trubel des Tagesgeschäfts zu kurz kommen. Z.b. die Entwicklung neuer Produkte vorantreiben, die Webseite überarbeiten oder eine neues Inventarsystem einrichten. Aber aufgrund der Situation sahen wir uns gezwungen, unsere Mitarbeiterinnen für Kurzarbeit anzumelden und sind selber zuhause mit Kinderbetreuung und Homeschooling komplett ausgelastet. Auch die finanziellen Reserven, die wir dank eines erfolgreichen Weihnachtsgeschäfts haben aufbauen können, müssen wir nun statt in die Weiterentwicklung unseres Geschäfts in die Überbrückung dieser Durststrecke reinstecken. Zudem wäre es nun höchste Zeit die Winterkollektion vorzubereiten, d.h. Leder in den Winterfarben bestellen und die Produkte in Auftrag zu geben. Aber auch diesbezüglich sind wir noch am Zögern was Menge und Zeitpunkt angeht, da die Zukunft so ungewiss ist. Vieles bleibt so aufgrund der unsicheren Lage bis auf Weiteres «on hold».

«Die finanziellen Reserven müssen wir nun statt in die Weiterentwicklung unseres Geschäfts in die Überbrückung dieser Durststrecke stecken.»

Was wünschen Sie sich für die Zeit danach?
Die Krise hat viele positive Kräfte mobilisiert und solidarische Gesten zu Tage gebracht. Ein gutes Beispiel dafür ist die Initiative Support Small Labels (SSL), die von den beiden Labels Jungle Folk und Park Bags ins Leben gerufen wurde. SSL ist eine Community-Seite und zugleich ein Appell, unabhängige Schweizer Labels in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen und damit ihr Weiterleben zu sichern. Es ist bemerkenswert, was in der kurzen Zeit mit vereinten Kräften auf die Beine gestellt wurde. Wir hoffen, dass dies das Bewusstsein fördert, dass lokales und nachhaltiges Einkaufen nun besonders wichtig ist, um Arbeitsplätze in der Schweiz zu sichern. Das Leben hat sich durch die Krise ein bisschen verlangsamt und soziale Kontakte, Solidarität und Menschlichkeit sind trotz Distanz in den Vordergrund gerückt. Wir würden uns wünschen, dass dies auch in der Zeit danach so bleibt.

Lara und Nina Tegeltjia haben Lost and Found accessoires 2011 gegründet. Nina’s Kinder sind 7, 9 und 11 Jahre alt, Lara ist Mutter eines 10-monatigen Sohnes. Wir haben die beiden 2017 im Bericht «Das Taschenwunder» und Nina in «Unser Leben in Bahrain» porträtiert. Bild: Lost and Found

Renate Khaosopa, WIL – What I Like

Wie beeinflusst der Lockdown Ihr Geschäft?
Wie für viele andere auch ist es eine sehr ungewisse und beunruhigende Zeit für mich. Trotzdem können wir uns bei WIL – What I Like wahrscheinlich nicht beschweren, denn aktuell können mein Team und ich trotz Homeoffice auch weiterhin unsere täglichen Arbeiten erledigen, die Fabrik darf ebenfalls noch weiter arbeiten. Unser Versand in der Schweiz läuft glücklicherweise auch nach wie vor reibungslos.

Was ist momentan Ihre grösste geschäftliche Herausforderung?
Das Modebusiness ist ein langfristiges und planungsaufwendiges Geschäft. Ich produziere aktuell die Winterkollektion und bin nun vollends angewiesen auf die Fabriken und Zulieferer. Die Kosten dafür trage ich schon und muss nun einfach darauf vertrauen dass unsere Strickfabrik in Bulgarien und die Fabrik in Thailand auch wirklich zu Ende produzieren können. Wenn die Ware ausgeliefert wird, hoffe ich, dass unsere Partnerläden diese auch annehmen und bezahlen können und wir alle ein gutes Geschäft haben. In einigen Monaten muss ich wieder Stoffe einkaufen und bald darauf Fotos von der neuen Kollektion machen können. Wenn dann immer noch Reisebeschränkungen und Ausgangssperren vorliegen, wird es wirklich knifflig.

«Wenn in ein paar Monaten immer noch Reisebeschränkungen und Ausgangssperren vorliegen, wird es wirklich knifflig.»

Welches besondere Erlebnis hat Sie in dieser Zeit geprägt?
Ich hatte für April einen Besuch in der Schweiz geplant, den ich wie viele andere kurzfristig absagen musste. Das ist nicht nur schade für meine Familie und mich. Ich wollte auch so gerne unsere Partnerläden besuchen und den persönlichen Kontakt halten. Wann ein Reisen von beiden Ländern aus wieder möglich sein wird, steht nun wahrlich in den Sternen. Froh bin ich deshalb um die sozialen Medien, die es einem doch noch recht gut ermöglichen, Freundschaften zu pflegen und auch neue zu schliessen. Hier habe ich besonders seit Beginn der Corona-Zeit sehr viel Positives erlebt.

Renate Khaosopa lebt mit ihrer Familie im Norden Thailands. Ihre Kinder sind 11 und 8 Jahre alt, WIL – What I Like gründete Renate vor 11 Jahren. Porträt bei Kleinstadt unter «Und wer näht unsere Kinderkleider?» Bild: WIL.

Karin Hänzi – Clémentine

Wie beeinflusst der Lockdown Ihr Geschäft?
Der Lockdown hat uns, wie die meisten Geschäfte, in einem denkbar ungünstigen Moment erwischt. Neue Kollektionen und Produkte standen kurz vor der Lancierung, der Event «Loubechehr» wäre kurzum in die heisse Promotionsphase gegangen. Extraaufmerksamkeit, auf die kleine Geschäfte ganz besonders angewiesen sind. Nun stehen Investitionen rückläufigen Umsatzzahlen gegenüber und auch wenn wir in den sozialen Medien die Onlineshop-Werbetrommel rühren, bleibt eine Lücke. Ob ein Stück vor dem Kauf anprobiert werden kann und Hand in Hand mit persönlicher Beratung geht, macht oft den entscheidenden Unterschied.

Welche Reaktionen erleben Sie von Ihren KundInnen in dieser Situation?
Die allerwunderbarsten. Von generös aufgerundeten Rechnungsbeträgen, grosszügigen Gutschein- und Produktbestellungen bis zu regelmässigen Nachfragen und aufmunternden Worten war und ist alles dabei. Dieser Support und die Solidarität, auch unter den einzelnen Läden und Labels, fängt in dieser Ausnahmesituation vieles auf.

«Der Support und die Solidarität der Kunden und auch unter den einzelnen Läden und Labels fängt in dieser Ausnahmesituation vieles auf.»

Was wünschen Sie sich für die Zeit danach?
Dass das Umdenken hin zu einem bewussteren Konsum, das sich jetzt abzeichnet, tatsächlich Wurzeln schlägt und Bestand hat. Dann könnte die aktuelle Krise fürs Kleingewerbe eine enorme Chance sein. Wichtig scheint uns zudem, dass wir nicht back to normal gehen. Dieses normal hat nicht funktioniert. Vielmehr gilt es jetzt, ein new normal zu schaffen.

Karin Hänzi arbeitet seit 16 Jahren als selbständige Texterin, hat zwei Kinder (4 und 8) und ist seit 2017 Mitinhaberin von Clémentine in Bern. Die Clementine-Onlineshops sind editioneckraum, lessolides und studioosoi. Karin Hänzi haben wir 2019 im Bericht «Unsere Kinder wissen, was wir arbeiten» porträtiert. Bild: Clémentine

Barblina Völlm – eli-ju

Wie beeinflusst der Lockdown Ihr Geschäft?
Da mein Geschäft eli-ju sowieso ein online-Business ist, hat mich der Lockdown bis jetzt nicht direkt negativ getroffen. Im Gegenteil, mein Shop läuft sehr gut, da die Leute noch lieber als davor kleine Labels unterstützen und ausschliesslich online einkaufen können.

Was ist momentan Ihre grösste geschäftliche Herausforderung?
Trotz Homeschooling effizent weiter zu arbeiten, die Frühlingsferien machen es nicht leichter. Manche Lieferanten können ausserdem ihre Ware gar nicht oder nicht pünktlich liefern. Und ich hatte eigentlich einen Popup geplant für Anfang Mai in Zürich, den werde ich ziemlich sicher verschieben müssen.

Welche Reaktionen erleben Sie von den KundInnen in dieser Situation?
Auch ich kann meine Lieferungen nicht immer pünktlich aufgeben, zudem kommt es seitens der Post zu Verzögerungen, da sie so viele Pakete zu bewältigen haben. Ich erlebe aber sehr selten, dass Kunden nachfragen, wo Ihre Bestellung bleibt. Und wenn sie doch mal nachfragen, haben sie viel Verständnis, wenn man ihnen die Situation erklärt.

«Ich selber habe für mich gelernt, dass Homeschooling gar nicht so schlimm ist, wie ich mir das vorgestellt habe.»

Was wünschen Sie sich für die Zeit danach?
Ich hoffe natürlich, dass der wirtschaftliche Schaden nicht all zu gross wird und viele kleine Unternehmen überleben werden. Da man nun gesehen hat, zu welch drastischen Massnahmen die Menschen bereit sind, hoffe ich, dass wir dies auch im Kampf gegen die Klimaerwärmung anwenden können. Und ich wünsche mir, dass die Leute die positiven Aspekte aus der Corona-Zeit im Kopf behalten. Dass Homeoffice eben doch möglich ist, beispielsweise. Ich selber habe für mich gelernt, dass Homeschooling gar nicht so schlimm ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Und wie entspannt die Kinder sind, wenn sie weniger Einflüsse und Programm haben. Einfach mal die Natur in der Nähe geniessen – es muss nicht immer Kino, Skills Park etc. sein. Seit wir vor fast sechs Jahren aus der Stadt aufs Land gezogen, habe ich nie aufgehört, die Stadt zu vermissen. Jetzt war ich zum ersten Mal so richtig dankbar, auf dem Land zu wohnen. Deshalb wünsche ich mir für mich selbst, einfach dankbarer dafür zu sein, was ich schon habe.

Barblina Völlm hat zwei Kinder im Alter von 9 und 7 Jahren. Seit 2016 führt sie das Label eli-ju. Porträt von Eli-ju: «Und wer näht unsere Kinderkleider?». Bild: eli-ju

Thuy-Minh Dao Schenker – Minhature

Wie beeinflusst der Lockdown Ihr Geschäft?
Natürlich habe ich Existenzängste, Minhature Concept Store feierte diese Woche das einjährige Bestehen. Es ist also ein ganz junges Geschäft und ein One-Woman-Betrieb.
Was ist momentan Ihre grösste geschäftliche Herausforderung?
In der ersten Woche musste ich den Online-Shop völlig überarbeiten, der hatte es bitter nötig und ich hatte echt Zeitdruck. Vorher war der Online-Shop nur ausgestattet mit meinem eigenen Label. Jetzt wird er laufend gefüllt mit allem, was auch im Laden erhältlich ist. Es gab also einiges zu tun. Die grösste Herausforderung fand ich, nebenbei für die Kinder da zu sein und sie im Homeschooling unterstützen zu können. Dass nun alle immer gleichzeitig zu Hause sind, ist für mich ungewohnt. Das ganze Homeoffice und Homeschooling hat seine Vorzüge, aber es ist auch zeitintensiv und herausfordernd.
«Die Ungewissheit, wie lange diese Situation wohl andauern wird, ist beängstigend.»
Was wünschen Sie sich für die Zeit danach?
«Die Ungewissheit, wie lange diese Situation wohl andauern wird, ist beängstigend. Ich hoffe, die Nachwehen sind nicht allzu schmerzhaft und dass die Solidarität, die nun herrscht, auch ohne Corona anhält. Der Lockdown hat natürlich nicht nur negative Seiten: Ich denke, alle entdecken während dieser Zeit den einen oder anderen positiven Aspekt. Wer weiss, vielleicht bleibt ja ein Teil der positiven Seiten bestehen.
Thuy-Minh Dao-Schenker ist Mama von zwei Jungs (12- und 6-jährig). Sie gründete im Jahr 2016 das Atelier Dao und das Label Minhature, vor einem Jahr hat sie den Minhature Concept Store in Solothurn eröffnet. Wir haben sie in «Und wer näht unsere Kinderkleider» porträtiert. Bild: Minhature
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20. April 2020
Es ist nicht nur schwer für kleine Labels. Von Restaurants über Freizeitparks bis hin zu Fitnessstudios, alles ächzt und stöhnt ob des Lockdown. Von den zwei drei Onlinekursen, die ein Sportscoach gibt, kann kein Center überleben