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Leben mit einem gefühlsstarken Kind: Das hilft uns

Das Zusammenleben mit einem gefühlsstarken Kind verursacht oft Stress. Diese sechs Strategien können etwas Entspannung bringen.
7 Okt 2020
Bild — Jens Johnsson (Unsplash)

Die zahlreichen Rückmeldungen auf unseren Beitrag zum Leben mit einem gefühlsstarken Kind zeigen, dass das Thema viele beschäftigt. Nora Imlau hat in ihren Büchern «So viel Freude, so viel Wut» und «Du bist anders, Du bist gut» ganz viele Strategien im Umgang mit Gefühlsstärke beschrieben, unsere Autorin hat hier ihre persönlichen Top-Tipps zusammengefasst.

Sich als Eltern vergeben

Die Herausforderungen im Leben mit gefühlsstarken Kindern sind gross: Oft vergeht kein Tag (manchmal keine Stunde) ohne Drama. Wir Eltern müssen uns konstant mit Gefühlsdimensionen ausserhalb des von unserer Gesellschaft als «Norm» angesehenen Spektrums auseinandersetzen. Und wir wissen, dass sogar dann, wenn wir als Eltern unser Bestes geben, überall Stolperfallen lauern, welche die Gefühle des Kindes überschäumen lassen können. Zuallererst sollten wir uns deshalb selber vergeben: Die Gefühlsstärke ist nicht unsere Schuld! Sie ist nicht schlimm, sondern bloss schlecht toleriert in unserer Gesellschaft! Unser Kind will ebenfalls das Beste geben, schafft es aber einfach noch nicht anders! Und: Es wird nicht bis ins Erwachsenenalter so bleiben!

Die Gefühlsstärke ist nicht unsere Schuld! Sie ist nicht schlimm, sondern bloss schlecht toleriert in unserer Gesellschaft!

Gewisse «Kampfzonen» verlassen

Gefühlsstarke Kinder sind häufig auch überdurchschnittlich reizsensibel. Die Sonnencrème, die es nicht erträgt, oder die beissenden Socken, die sich unser Kind nach wenigen Sekunden von den Füssen reisst (die ich selber aber notabene problemlos tragen kann) – was ich früher manchmal als «unser Kind will uns einfach in den Wahnsinn treiben» empfand, habe ich unterdessen als echte Not seinerseits akzeptiert. Das bedeutet teilweise Zusatzaufwand (wenn wir zum Beispiel die halbe Stadt nach einer nicht-stinkenden, nicht-beissenden Spraysonnencrème mit genug Lichtschutzfaktor absuchen müssen), solange es aber keine sicherheitsrelevanten Themen sind, probiere ich hier, die Autonomie des Kindes rund um seinen Körper zu wahren.

Aber auch andernorts habe ich eingesehen, dass sich Diskussionen nicht lohnen: Unser Kind motzt quasi täglich vor dem Zmittag über das Essen (wird es 15 Minuten später dann aber genüsslich verspeisen). Es hat sehr lange gedauert, bis ich eingesehen habe, dass es bei diesem Schema nicht ums Essen per se geht. Vielmehr scheint die Kritik am Essen für unser Kind eine Möglichkeit zu sein, seinen am Vormittag in der Schule angestauten Frust loszuwerden. Immerhin weiss ich, dass unser Kind bei einer Einladung als Gast nicht so reden würde. Na dann: Scheiss Reis!

Routinen, Routinen, Routinen

Für gewisse Menschen ganz easy, für andere eine Herkulesaufgabe, die einfach nur nervt: Routinen einhalten! Gleichförmig strukturierte Tage, Mahlzeiten und Abläufe helfen vielen gefühlsstarken Kindern enorm, weil sie viele Entscheidungen erübrigen. Diskussionen ums Essen, um Übergänge, um Bildschirmzeit etc. nehmen bei uns eine Menge Zeit in Anspruch, wenn wir jeden Tag etwas anders unterwegs sind. Kaum erlaube ich beispielsweise eine Ausnahme bei der Bildschirmzeit, gibt es am nächsten Tag wieder zähe Verhandlungen. Mir selber fällt dieses Strukturierte manchmal sehr schwer, aber es zahlt sich eigentlich immer aus. Da viele gefühlsstarke Kinder sehr hohe Autonomiebedürfnisse haben, ist eine gleichförmige Struktur allerdings gar nicht so leicht einzurichten – abgesehen vom Alltag, der teilweise täglich unterschiedliche Betreuungsituationen erfordert, beispielsweise. Dort die richtige Balance zu finden, ist eine dauernde Herausforderung. Uns hilft, immer am Vorabend den nächsten Tag zu besprechen. Was aber ganz wichtig ist: Im Zweifelsfall beim Durchgehen des Tagesprogramms lieber etwas vage sein, statt etwas anzukündigen, was dann möglicherweise nicht eintritt. Flexibilität gehört nämlich nicht zu den Stärken gefühlsstarker Kinder!

Gleichförmig strukturierte Tage, Mahlzeiten und Abläufe helfen vielen gefühlsstarken Kindern enorm, weil sie viele Entscheidungen erübrigen.

Trigger kennen (und dran denken!)

Zuwenig Schlaf, Überreizung oder Hunger lassen bei unserem Kind die Reizbarkeit ums x-Fache ansteigen. Aber obwohl wir diese Trigger kennen, geht das Wissen darum manchmal in der Hitze des Gefechts vergessen. «Hat das Kind Hunger, Durst, muss es aufs Klo oder hat es zuwenig geschlafen?», sollten wir uns also mantramässig bei jedem emotionalen Lockdown fragen. Denn oft kühlen sich die Gefühle schon merklich ab, wenn der Blutzuckerspiegel wieder etwas weiter oben ist. Ebenso wichtig ist es für uns als Eltern, unsere eigenen Trigger kennenzulernen und uns wenn möglich prophylaktisch davor zu schützen. In mir löst es beispielsweise extrem unangenehme Gefühle aus, wenn fremde Menschen mitkriegen, wie bei uns die Fetzen fliegen. Ich habe mich darum entschieden, am Mittag (für unser Kind immer ein heikler Moment, siehe oben) nicht mehr draussen auf dem Balkon – in Hörweite der Nachbarn – zu essen. Das ist eine Einschränkung, die mir zwar ein bisschen wehtut, mir (und darum auch unserem Kind) aber viel Stress erspart. Längerfristig versuche ich gleichzeitig, mir eine dickere Haut zuzulegen, was die Meinung anderer Leute anbelangt, das kann allerdings noch etwas dauern …

Oft kühlen sich die Gefühle schon merklich ab, wenn der Blutzuckerspiegel wieder etwas weiter oben ist.

Bezugspersonen einbeziehen

Das Verhalten gefühlsstarker Kinder kann zwischen verschiedenen Betreuungsorten stark variieren. Häufig reissen sich solche Kinder in einem Setting wie Kindergarten oder Schule sehr zusammen, um Zuhause dann erschöpft zusammenzubrechen und ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Manchmal sind aber Gefühlsausbrüche auch extern nicht zu vermeiden. Indem wir die Betreuungspersonen über die Gefühlsstärke informieren, können wir mehr Verständnis schaffen – auch wenn vielleicht viele PädagogInnen noch gar nie von diesem Konzept gehört haben. Manchmal helfen schon ganz kleine Anpassungen, dass sich ein Kind etwas wohler fühlt, ein Sitzkissen auf dem harten Stuhl beispielsweise oder die Möglichkeit, gewisse Aufgaben in einer etwas ruhigeren Ecke zu lösen. Gemeinsam mit dem Kind herauszufinden, was ihm helfen könnte, kann so als spannende Detektivarbeit angepackt werden – so bringen wir auch etwas Spielerisches in das sonst oft eher schwer befrachtete Thema rein.

Starke Gefühle sind ok – auch wenn wir diesbezüglich vielleicht in unserer eigenen Kindheit ganz andere Botschaften erhalten haben.

Gefühlsextreme normalisieren

Vor rund einem Jahr hatte ich plötzlich die Einsicht, dass diese extremen Emotionen, die mich teilweise so stressen, für unser Kind einfach Normalität sind. Klar ist es problematisch, dass das Umfeld unter den Gefühlsausbrüchen und der Sensibilität eines gefühlsstarken Kinds leidet, und diesbezüglich gibt es auch viele nützliche Strategien, die Nora Imlau beispielsweise in ihren Büchern beschreibt. Für das Kind selber heisst das aber keineswegs, dass seine Erfahrung ebenso schlimm ist. Ich versuche also ganz bewusst, mein Kind nicht mehr zu bemitleiden für seine grossen Gefühle. Zusätzlich setze ich mich vermehrt mit den «herkömmlichen» Erziehungsansichten auseinander, die mich im Hintergrund immer noch sehr stark beeinflussen. Die Frauen von «Upbringing» haben dazu viel gutes Material in Form von Podcasts, diesen hier zum Thema verbale Ausfälligkeiten beispielsweise. Mein Fazit: Starke Gefühle sind ok – auch wenn wir diesbezüglich vielleicht in unserer eigenen Kindheit ganz andere Botschaften erhalten haben.

Habt ihr auch ein gefühlsstarkes Kind? Was hat euch dabei geholfen, damit umzugehen?

* Zum Schutz ihres Kindes möchte unsere Autorin anonym bleiben.

 

 

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