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«Lob schadet doppelt»: Alfie Kohn im Interview, Teil II

In der Fortsetzung unseres Interviews erklärt Autor Alfie Kohn, was Kinder anstelle von Lob und Belohnungssystemen wirklich brauchen.
28 Jun 2019
Bild — Eva Hefti

Hier folgt Teil II unseres Interviews mit Alfie Kohn. Teil I handelt von den unabsehbaren Folgen von Strafen – und dem trügerischen Nutzen von Belohnungssystemen.

Alfie Kohn, im ersten Teil unseres Interviews haben Sie erklärt, warum Lob die Motivation eines Kindes untergräbt. Gibt es denn keine Grauzone? Ich finde es sehr schwierig, keine Freude zu zeigen, wenn mein Sohn etwas Tolles schafft. Ich versuche bewusst zu umschreiben und nicht zu urteilen, aber es fühlt sich oft nicht authentisch an.
Seien wir doch ehrlich: Es ist unser eigenes Bedürfnis, Lob auszusprechen, nicht das Bedürfnis des Kindes, Lob zu hören. Das sollte uns in Bezug auf die möglichen Folgen skeptisch machen. Es stimmt allerdings, dass nicht jede Form von Lob die gleiche Wirkung hat. Hier gibt es Abstufungen. Die destruktivste Art von Lob ist diejenige, mit der wir das Kind explizit manipulieren. Wenn wir sagen: «Gut gemacht!», damit das Kind dasselbe auch wieder tut. Dann ist es wirklich nur eine Frage der Kontrolle, die wir ausüben. Wenn wir etwas Positives über die Handlung des Kindes sagen, lediglich weil wir uns freuen, haben wir sozusagen die erste Hürde überwunden. Aber nur weil wir authentisch sind, heisst das noch lange nicht, dass wir keinen Schaden anrichten.

Wieso nicht?
Relevant ist, wie das Kind unsere Bemerkungen erlebt. Wenn das Kind Lob oder Schulterklopfen als einen extrinsischen Anreiz wahrnimmt, dann wird das Kind vermutlich trotz unserer guten Absichten in Zukunft weniger intrinsisch motiviert sein. Gleichzeitig wird sich das Kind fremdgesteuert und weniger autonom fühlen, wenn es für eine Bewertung zu Mama und Papa schauen muss, anstatt an den eigenen Leistungen Freude zu haben. Das ist ein Problem, ganz egal, was unsere Absicht war. Eine Möglichkeit, die Erfahrung des Kindes abzuschätzen, ist zu beobachten, ob es für weitere Beurteilungen zu uns kommt: «Hat dir das gefallen?», «Ist das eine schöne Zeichnung?», «Hast du gesehen, wie grosszügig ich war?»

«Bei Lob geht es nicht primär um Ermutigung. Es ist eine Beurteilung.»

Sucht nicht jedes Kind nach Bestätigung?
Wenn ein Kind das tut, sollten alle Alarmglocken läuten. Dann läuft das Kind Gefahr, süchtig nach Lob zu werden. Und das liegt nicht in unserer menschlichen Natur. Es ist vielmehr ein Abbild der Manipulation, die das Kind empfunden hat, weil wir uns bemüssigt fühlten, verbale Belohnung zu verteilen. Bei Lob geht es nicht primär um Ermutigung. Es ist eine Beurteilung, eine Bewertung. Natürlich wollen die Kinder spüren, dass wir ihnen zuschauen. Sie müssen wissen, dass sie uns viel bedeuten. Sie brauchen unsere Leitlinien und unsere Hilfe im Lösen von Problemen. Was sie nicht von uns brauchen, sind konstante Wertungen. Ein positives Urteil ist nicht konstruktiver als ein negatives Urteil.

Wirklich?
Ja, etwas, das ich erst mit der Zeit verstanden habe, ist: Lob schadet doppelt. Das liegt nicht nur daran, dass es extrinsische Anreize bietet, welche die intrinsische Motivation reduzieren. Es liegt auch an der Tatsache, dass Lob, genau wie Timeouts, den Kindern eine an Bedingungen geknüpfte Akzeptanz kommuniziert. Es zeigt ihnen, dass sie uns viel bedeuten – aber nicht bedingungslos, sondern nur dann, wenn sie uns Freude bereiten oder uns beeindrucken. Und das ist genau das Gegenteil dessen, was Kinder brauchen, um zu gedeihen. Kinder brauchen mehr als nur Liebe. Sie wollen dafür geliebt werden, wer sie sind, und nicht für das, was sie getan haben. Sie brauchen Umarmungen, unsere Wärme, unsere Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie brauchen das Gefühl, dass wir stolz auf sie sind, selbst wenn sie etwas vermasseln und das Ziel verfehlen. Eigentlich brauchen sie diese Dinge gerade dann noch mehr. Der Haken am Loben ist also nicht nur, dass es manipulativ ist. Es wird auch als Form von Zuneigung erlebt, die an Bedingungen gekoppelt ist. So verinnerlichen die Kinder die Vorstellung, dass sie nur geliebt werden, also nur liebenswert sind, wenn sie gewisse Voraussetzungen erfüllen. Das ist sehr gefährlich.

«Kinder brauchen das Gefühl, dass wir stolz auf sie sind, selbst wenn sie etwas vermasseln und das Ziel verfehlen.»

Das erscheint mir als Basis unserer Gesellschaft und der ganzen Wirtschaft: Wenn wir etwas leisten, dann ernten wir. Es scheint mir eine riesige Herausforderung, diese Einstellung ausgerechnet in der Erziehung unserer Kinder zu überwinden.
Beachten Sie bitte die beunruhigende Tatsache, dass die Art, mit der wir erziehen, genau die marktübliche Wirtschaft widerspiegelt. Es handelt sich hierbei nicht um eine Lebensrealität. Es ist ein spezifisches ökonomisches System, das auf Austausch basiert. Dieses infiziert dann unsere persönlichen Beziehungen; hier wenden wir dann diese Regel an: «Du musst dies tun, um jenes zu erhalten.» Und das Letzte, was ich für meine Familie will, ist dieses Wirtschaftsmodell in unserem Leben zu verankern. Meine Familie soll auf emotionaler Ebene ein sicherer Hafen sein, der vor der Grausamkeit der Marktwirtschaft Schutz bietet.

Was ist also die Antwort?
Die Antwort ähnelt letztendlich dem, was ich vorhin sagte: Wir müssen uns bewusst werden, was vor sich geht. Die Art, wie wir mit Menschen umgehen, ist höchst problematisch. Aber das ist alles veränderbar.  Im Falle von Belohnungen und Lob besteht die Möglichkeit, dass wir uns innerhalb des Spektrums vom «doing to» Schritt für Schritt hin zum «working with» bewegen.

«Wenn Kinder nicht das tun, was wir ihnen sagen, liegt das Problem oft nicht bei den Kindern. Sondern bei dem, was wir fordern.»

Und was wäre das?
Zuallererst: Hören wir auf zu bestrafen. Dann hören wir am besten auch mit materiellen Belohnungen auf. Als nächstes können wir die verbalen Belohnungen aufgeben. Es geht aber gleichzeitig nicht nur darum, Dinge zu unterlassen. Es geht auch darum zu lernen, was wir stattdessen tun sollten. Möglicherweise umfasst diese Haltung auch das Hinterfragen dessen, was wir von den Kindern fordern. Darauf gehe ich in meinem Buch «Unconditional parenting» im Detail ein. Wenn Kinder nicht das tun, was wir ihnen sagen, liegt oft das Problem nicht bei den Kindern, sondern bei dem, was wir fordern.

Zweitens?
Zweitens geht es darum, die Kinder in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Kinder lernen gute Entscheidungen zu treffen, wenn sie Entscheidungen treffen, nicht wenn sie Anweisungen befolgen. Normalerweise liegt das Problem nicht an der fehlenden Reife oder der Unzuverlässigkeit des Kindes. Das Problem ist unser tief verwurzeltes Bedürfnis, die Kinder zu kontrollieren. So müssen wir anfangen, uns selber herauszufordern: Woher kommt dieses Bedürfnis? Möglicherweise müssen wir uns mit der Tatsache konfrontieren, dass viele unserer Handlungen darauf beruhen, was wir als Kind erdulden mussten. Wie die grosse Psychoanalytikerin Alice Miller hervorhob: Wir wollen vielleicht verzweifelt glauben, dass unsere Eltern immer nur zu unserem Besten handelten und alles aus Liebe taten. Und so reproduzieren wir unüberlegt dieselben destruktiven Erziehungsformen, als könnten wir so jeden Zweifel an unseren eigenen Eltern auslöschen. Es wäre ganz einfach zu furchterregend, sich mit der aufwühlenden Realität von dem, was uns beigebracht wurde, zu konfrontieren.

«Wir wollen verzweifelt glauben, dass unsere Eltern immer nur zu unserem Besten handelten und alles aus Liebe taten.»

Das klingt sehr hart. Was kann uns auf dieser Reise helfen?
Sprechen Sie mit anderen Leuten, mit anderen Erwachsenen! Wenn Sie das Glück haben, einen Partner in der Erziehung der Kinder an Ihrer Seite zu haben, dann können Sie gemeinsam Artikel und Bücher zum Thema lesen und diese Vorstellungen diskutieren und zwischendurch eine Standortbestimmung machen. Sie können beispielsweise sagen: «Ich habe das Gefühl, dass ich rückfällig werde, dass mir wieder Lob oder Kritik rausgerutscht sind, dass ich wieder Belohnungen angeboten oder mit Bestrafungen gedroht habe. Ich habe einseitig beschlossen, dass unser Kind etwas Bestimmtes tun muss, anstatt innezuhalten und mich zu fragen, ob das denn wirklich nötig ist oder abzuwarten, was das Kind dazu zu sagen hat. Wie schätzt du die Situation ein?» Eltern, die den Mumm haben, zu hinterfragen, was sie bisher immer getan haben, sind diejenigen, die am ehesten mit bedingungsloser Liebe erziehen.

Mussten Sie mit Ihren eigenen Kindern auch diesen Entwicklungsprozess durchlaufen?
Ich musst es auch lernen. Ich habe nicht immer alles richtig gemacht. Ich hatte nicht immer die Geduld, die ich hätte haben sollen, als meine Kinder klein waren. Wir befinden uns alle auf dem Weg. Aber ich habe sicher nie auf Belohnungen oder Bestrafungen zurückgegriffen, und das war ganz klar die richtige Entscheidung.

Mit herzlichem Dank an Ellen Girod für die Inputs, an Elisa Malinverni für die Übersetzung und an Stefan Wachs für die Redigierarbeit auf Englisch. This interview is also available in English.

Alfie Kohn

Mit seinem bahnbrechenden Buch «Unconditional Parenting» (Deutsch: «Liebe und Eigenständigkeit») landete der Amerikaner vor über 10 Jahren einen Bestseller. Darin erklärt er gut verständlich und nachvollziehbar, warum Strafen und Belohnungen mehr schaden als nützen. Auf seiner Website  alfiekohn.org findet man zahlreiche Artikel, Audio- und Videobeiträge zu seiner Arbeit. Das Interview fand telefonisch statt, hier findet ihr die englische Version des Gesprächs.

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7. Juli 2019
Weil hier Alice Miller erwähnt wird: in Österreich wurde anscheinend eine Alice Miller Gesellschaft gegründet: www.alice-miller.org . Vielleicht auch hier von Interesse. MfG Konrakd
28. Juni 2019
Ein tolles Interview, herzlichen Dank.