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Mama fühlt,
was andere sehen

Tamara De Icco ist Mutter einer 20 Monate alten Tochter. Und sie ist blind. Den Alltag meistert sie mit Tricks, etwas Hilfe und viel Gefühl.
17 Mai 2018
Bild — Michèle Büschi*

In einer Hand hält sie den Blindenstock, in der anderen die Leine von Hund Linus – und irgendwie schiebt sie auch noch den Kinderwagen vor sich her: Wenn Tamara De Icco mit ihrer Tochter Marie Lou das Haus verlässt, hat sie wortwörtlich alle Hände voll zu tun. «Das ist aber jetzt gar nicht so kompliziert, wie es klingt», erzählt sie und lacht.

Tamara ist seit ihrer Kindheit blind, sie kann hell und dunkel voneinander unterscheiden und kann gewisse Bewegungen als Schatten erkennen. Für sich selbst hat sie längstens gelernt, damit umzugehen. Aber seitdem ihre Tochter auf der Welt ist, hat sich vieles verändert – und das bereits wenige Stunden nach der Geburt: «Die vielen Fragen der Ärzte und Hebammen im Spital waren für mich total überfordernd. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich einfach als blinde Frau wahrgenommen wurde; das Muttersein kam dabei irgendwie zu kurz.»

Wenn kein Kontrollblick helfen kann

Mittlerweile hat sich Tamara längstens an ihr Leben als Mutter gewöhnt. Der Alltag ist wie bei den meisten Familien klar strukturiert. Tamara arbeitet zwei Tage die Woche in einem Grosshandel für Stahl und Metall, an diesen Tagen passen die Grosseltern und eine Tagesmutter auf Marie Lou auf. Tamaras Partner Tom arbeitet 100 Prozent und engagiert sich jeweils abends und an den Wochenenden in der kleinen Familie. Die Tage mit ihrer Tochter geniesse sie sehr, sagt Tamara, auch wenn es mit einem unberechenbaren Kleinkind manchmal streng sei: «Zu kochen, während die Tochter versucht auf den Tisch zu klettern, ist halt auch für mich stressig», sagt Tamara lachend. Schwierig sind für sie vor allem Situationen, die sie nicht mit einem Blick kontrollieren kann. Da gehe sie dann jeweils ganz strategisch vor: «Wenn ich zum Beispiel ein Glas fallen lasse und Scherben auf dem Boden liegen, bringe ich Marie Lou im Laufgitter in Sicherheit, bis ich den Boden gewischt habe», erklärt sie und fügt an: «Aber das machen wohl alle Eltern ähnlich, oder?»

Die Tage mit Marie Lou gestaltet Tamara gerne abwechslungsreich: «Ich will, dass spontane Ikea-Besuche oder Badi-Ausflüge möglich sind und ich möchte mit meiner Tochter auch verschiedene Spielplätze besuchen können.» Alleine sei das natürlich schon auch möglich, aber mit sehr viel Aufwand verbunden. Deshalb habe sie Helferinnen, die sie begleiten und unterstützen: «So kann ich einfach genau die Mutter sein, die ich gerne sein möchte», sagt sie bestimmt und fährt sich dabei durch die langen, dunklen Haare.

Tamara erzählt fröhlich und unbeschwert über das Leben mit ihrer Tochter. Nur eines mache sie ab und zu traurig: «Dass ich die verschiedenen Gesichtsausdrücke von Marie Lou nicht sehen kann.»

Strampeln heisst: Mehr Brei!

Sehr wichtig und auch intensiv war von Anfang an die nonverbale Konversation zwischen Mutter und Tochter. Das vor allem, weil Tamara sich nicht auf ihre Augen, sondern auf das Gefühl verlässt: «Es ist schwierig das zu erklären, vieles fühle ich einfach», sagt sie achselzuckend. Durch den fehlenden Blickkontakt entstanden aber auch schwierige Situationen. Beispielsweise als Marie Lou begann, Babybrei zu essen: «Der Brei landete überall, nur nicht in ihrem Mund», erklärt Tamara lächelnd und fügt an: «Irgendwann aber begann Marie Lou mit ihren Beinchen zu strampeln, wenn sie einen Bissen runtergeschluckt hatte. So wusste ich genau, wann sie bereit für den nächsten Löffel war.» Ihre Tochter habe auch gelernt, ihrer Mutter Dinge in die Finger zu drücken, die sie ihr zeigen möchte. «Und die Wörtchen Ja und Nein hat sie schon sehr früh gelernt und auch gebraucht.»

Umgekehrt versucht Tamara ihrer Tochter auch vieles zu zeigen, dass sie selber nicht mit den Augen sieht. Wenn sie beispielsweise einen Vogel höre, deute sie für Marie Lou in diese Richtung. Und doch findet Tamara: «In unserer sehr visuell geprägten Welt ist es doch auch sehr wertvoll, dass ich meiner Tochter beibringen kann zu spüren und zu hören.»

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