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Nothilfe für
wütende Eltern

Was hilft, wenn Mama oder Papa gleich zu explodieren drohen? Wir haben Strategien zusammengetragen – zum Vorbeugen und als Sofortmassnahme.
20 Aug 2019
Bilder — Kat Jayne (Pexels)

Unglaublich, wie wütend wir machmal sein können auf unsere Kinder! Wir haben auf der Kleinstadt-Redaktion herumgefragt, welche Strategien andere Eltern für schwierige Situationen haben – und sind von der Fülle von Ideen und Anregungen überrascht worden. Vielleicht hat es auch für euch einen Tipp darunter, der euch anspricht? Danke insbesondere an Anja, Karin, Milena und Yolanda für die Inputs – weitere sind in der Kommentarspalte herzlich willkommen!

Vorbeugen

  • Genug schlafen. Wenn die Nächte hart sind, für genug Schlaf sorgen, indem beide Eltern abwechselnd ein- bis zweimal pro Woche im Gästezimmer übernachten, sofern es eines gibt. Ist das nicht der Fall, abwechselnd ein- bis zweimal pro Woche Ohropax benutzen und in Absprache mit dem Partner die Verantwortung für die Nacht zu 100% dem Partner abgeben, so dass jeder zumindest eine ununterbrochene Nacht pro Woche hat.
  • Ausfliegen. Jedes Elternteil geht alle paar Wochen alleine mit dem Nachwuchs zu den Grosseltern/zum Götti o.ä. zum Übernachten, so dass der «Zurückgelassene» die Wohnung und ein wenig freie Zeit für sich hat. Das ist etwas komplett anderes, als einen Babysitter zu nehmen!
  • Früherkennung. Sich immer wieder bewusst machen, dass Wutimpulse nicht nur fiese Regungen sind, die man unterdrücken muss, sondern ein wichtiger Indikator – eine natürliche Alarmanlage quasi, die zeigt, dass das Familiensystem überlastet ist. Die Sicherung jagts ja nur dann raus, wenn der Schaltkreis überbeansprucht wird. Wenn man also merkt, dass die Wut aufkommt, sollte man das nicht voller Scham unter den Teppich kehren, sondern später am Abend mit jemandem besprechen, wie man Stress aus dem Alltag nehmen kann (mit Partner, Freunden, Geschwistern, den eigenen Eltern).

Wutimpulse sind nicht nur fiese Regungen, die man unterdrücken muss, sondern ein wichtiger Indikator, der zeigt, dass das Familiensystem überlastet ist.

  • Dankbarkeitsrituale. Eine Freundin hat mit ihrer achtjährigen Tochter eingeführt, dass diese ihr jeden Abend vor dem Insbettgehen drei Dinge erzählt, die ihr an diesem Tag Freude bereitet haben. Da man als Eltern tagsüber so oft mahnt, antreibt, kontrolliert, empfinden sie beide diese Gespräche als sehr verbindend. Irgendwie haben sich dadurch die (zuvor intensiven) Spannungen zwischen ihnen reduziert.
  • Über Gefühle sprechen. Den Kindern sagen, wenn man z. B. sehr müde ist, einen schwierigen Tag hatte etc. und es nicht mehr viel erträgt. Wenn dies nicht zu oft vorkommt, können auch schon kleine Kinder etwas Rücksicht nehmen.
  • Eine Therapie oder ein Coaching machen. Das klingt jetzt wahnsinnig anstrengend, aber es hilft einfach sehr, herauszufinden, warum einem das eigene Kind dermassen auf die Palme bringt in bestimmten Situationen. Kommt halt tatsächlich meist aus der eigenen Kindheit. Ich habe z.B. herausgefunden, dass ich in Momenten, in denen ich mich überfordert fühle, wieder zu diesem kleinen überforderten Kind werde, das ich einmal war. Mir dann zu sagen, dass ich das nicht mehr bin, hilft jeweils. Dieses Buch könnte auch helfen, ein Interview mit der Autorin hier.
  • Von den Inuits lernen. Unsere Wut ist nicht unvermeidlich, sondern letztlich auch ein Produkt unserer Sozialisation und Erziehung. Dass es auch anders ginge, nämlich ganz ohne Anschreien, beweisen die Inuits. Hier ein spannender Beitrag inklusive Podcast zum Hören (auf Englisch) dazu.

Unsere Wut ist nicht unvermeidlich, sondern letztlich auch ein Produkt unserer Sozialisation und Erziehung.

Nothilfe

  • Ein «Safeword» bestimmen. Ich habe meinem Sohn gesagt, er solle mich jeweils an diesen Satz erinnern, wenn ich laut werde: «Mama, ich bin doch nur ein Kind!» Wirkt wunder gegen die Wut.
  • Atmen. Mehrere tiefe Atemzüge nehmen. Versuchen, ganz tief in den Bauch zu atmen, vielleicht macht das Kind ja mit. Oder vielleicht lenkt auch das Zuschauen das Kind  ein wenig ab, wenns grad selber in einem Wutanfall steckt.
  • Rauslassen. Wenn man schreien muss: in einen Schrank oder die Duschkabine schreien. Sorgt immer grad für Heiterkeit bei uns.

Wenn man schreien muss: in einen Schrank oder die Duschkabine schreien.

  • Achtsamkeitsübung (hilft auch, wenn das Kind einen Trotzanfall hat): Drei Dinge benennen, die man sieht, drei Dinge, die man hört, drei Dinge, die man spürt – bringt einen in die Gegenwart zurück.
  • Fluchen. Mich an Zauberin Zilly und ihre lustigen Schimpfworte erinnern und diese in den Raum werfen. Müsste aber unbedingt mal eine Liste machen und bitz auswendig lernen. Zu oft wollen sie mir partout nicht in den Sinn kommen.
  • Distanzieren. Mir hilft es, mich räumlich ein bisschen zu distanzieren. Wenn wir zu Hause sind, dann gehe ich zum Beispiel gern schnell auf die Terrasse oder in ein anderes Zimmer und atme durch.
  • Singen. Ruhig und stoisch, am besten das immer gleiche Lied. «I ghöre es Glöggli» ist eines, das bei uns fast immer zum Ziel führt (drbi sind wir aus der Kirche ausgetreten). Flüstern zielt in die ähnliche Richtung.
  • Kinder wie Freunde behandeln. Bei Missgeschicken wie Glas umwerfen am Tisch oder wenn etwas schief läuft: So reagieren, wie man bei einer guten Freundin reagiert, die auf Besuch ist, wenn ihr ein Missgeschick passiert. Oder einen Standardsatz abmachen: Bei uns ist es «No Biggy!», inspiriert von diesem herzigen Kinderbuch.
  • Positiv denken. Grundsätzlich hilft mir der Gedanke: Aufregen bringt nichts, die Situation wird nicht besser, man erhält höchstens eine schlechte Laune, Aufregen schadet sogar körperlich (ja, man kann sogar daran sterben, Herzinfarkt!), dieser Gedanke hilft mir persönlich.
  • Fantasie einsetzen. Bei Verweigern (ich habe aktuell ein ständig Nein sagendes Kind, egal, was ich von ihr möchte): Anderer Ansatz wählen z. B. Geschichte erzählen, Plüschtiere miteinbeziehen, Theater spielen, Sachen gemeinsam machen oder Kompromiss finden (natürlich hat man nicht immer Zeit, sich noch eine passende Geschichte auszudenken oder ein Theater zu spielen – das müssen die Kinder auch lernen)

Bei «fremden» Kindern haben wir mehr Distanz und fühlen uns weniger provoziert.

  • So tun, als würde jemand zuschauen. Stell dir vor, jemand würde dein Leben filmen für einen Dokumentarfilm. Wie würdest du dich dann verhalten?
  • Sich vorstellen, das wäre nicht das eigene Kind, sondern eins, das man hütet. Bei «fremden» Kindern haben wir mehr Distanz und fühlen uns weniger provoziert.
  • Sich vorstellen, es wäre der letzte Tag mit dem Kind. Erklärungen sind wohl überflüssig. Wenn die Vorstellung schwerfällt: Dieser Instagram-Account hilft allzu gut.

Nachsorge

  • Sich entschuldigen. Wenn man doch laut geworden ist oder so reagiert hat, wie man eigentlich nicht möchte, sich unbedingt entschuldigen und auch sagen, was einen so auf die Palme gebracht hat. Erklären, was das Fass zum Überlaufen gebracht hat und im Falle von anderweitigem Stress oder Ärger sagen, dass die blank liegenden Nerven nichts mit dem Kind/den Kindern zu tun haben. Alfie Kohn sagt, man sollte sich grundsätzlich zwei Mal im Monat bei seinem Kind entschuldigen. Das ist mit Augenzwinkern gemeint (und zielt auf die Absurdität solcher willkürlichen Regeln ab), aber es hat etwas.

Wenn man doch laut geworden ist oder so reagiert hat, wie man eigentlich nicht möchte, sich unbedingt entschuldigen.

  • Nachgeben. Bei schreienden, tobenden Kindern: nicht immer stur bleiben, auf etwas beharren (nur wenn es wirklich wichtig ist, z. B. bei gefährlichen Situationen). Die Situation hinterher besprechen, wenn sich das Kind wieder beruhigt hat, abmachen, wie das gewünschte Verhalten wäre. Versuchen bei der nächsten ähnlichen Situation wieder dort anzuknüpfen und das Kind an die Abmachung zu erinnern.
  • Sich vergeben. Janet Lansbury hat uns im Interview verraten, was sie Eltern empfiehlt, die die Fassung verlieren: «Häufig werden solch starken Gefühle und Reaktionen von Erlebnissen in der eigenen Kindheit ausgelöst, weil wir beispielsweise selber nicht mit dem ganzen Spektrum unserer Emotionen aktzeptiert wurden. Wir nehmen dann bildlich gesprochen dieses kleine Mädchen oder den kleinen Jungen in uns an der Hand, übergiessen sie mit bedingungsloser Liebe und versorgen sie mental an einem sicheren Ort.»

Habt ihr auch hilfreiche Strategien für sehr schwierige Situationen? Wir freuen uns über weitere Inputs in den Kommentaren. Kinderschutz Schweiz hat derzeit eine Kampagne zum Thema am Laufen.

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