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Unser Leben … auf dem Meer

Mit zwei kleinen Kindern vier Jahre lang über die Weltmeere segeln? Asma Jebali und Herbert Bay erzählen von ihrem Leben auf See.
9 Mai 2018
Bilder — Asma Jebali

Während ihrem ersten Date fiel die folgenschwere Frage: «Segelst Du mit mir um die Welt?»  18 Jahre später haben die gebürtige Tunesierin Asma Jebali und Herbert Bay aus Kreuzlingen je ein ETH-Doktorat in der Tasche, zwei kleine Buben und gute Jobs. Doch ein Hirnschlag verändert Asmas Prioritäten schlagartig. Sie lernte innert kurzer Zeit wieder sprechen und machte den Hochseeschein, kurz danach lösten sie ihren Hausrat auf und bezogen ihr neues Zuhause: Die 12 Meter lange Segeljacht Maya. Ich habe die sympathische Familie hier in Neuseeland kennengelernt und sie zu den Erlebnissen der vergangenen vier Jahre befragt.

Dies ist der fünfte Teil unserer Serie, in der wir in loser Folge Schweizer Mütter und Väter, die im Ausland wohnen, porträtieren (Teil 1: Unser Leben in Paris, Teil 2: Unser Leben in Bahrain, Teil 3: Unser Leben in Nashville, Teil 4: Unser Leben in Namibia.)

Asma, welche drei Worte beschreiben euer Leben auf dem Meer für dich am besten?
Freiheit, Wasser und einsame Inseln.

Was hat euch aufs Schiff gebracht?
Herbert und ich haben uns vor 22 Jahren an der EPFL in Lausanne kennen gelernt. Beim ersten Date fragte er mich, ob ich mit ihm um die Welt segeln würde. Irgendwie war also immer klar, dass wir das einmal machen wollen. Das Fernweh nach dem Meer und die Neugier, etwas Neues zu entdecken waren ständig präsent. Doch nach unserem ETH-Studium haben wir geheiratet, je eine Doktorarbeit geschrieben, gearbeitet, und schliesslich haben zwei Buben unsere Familie komplettiert – der Zeitpunkt für eine grosse Reise war irgendwie nie günstig. Trotzdem hat Herbert ständig in Zeitschriften und im Internet nach geeigneten Schiffen Ausschau gehalten. Das erste Mal gefunkt hat es bei Maya, und wir fuhren im Juli 2013 nach Südfrankreich, um mehr über dieses Schiff zu erfahren.

Wie ging es dann weiter?
Das Schicksal wollte wohl noch nicht, dass wir losfuhren. An dem Tag, an dem wir uns für das Schiff entschieden haben, erlitt ich einen Hirnschlag. Ich war tagelang in der Klinik und konnte nicht mehr richtig sprechen – unser Traum war geplatzt. In der Reha habe ich mich sehr angestrengt, möglichst bald wieder gesund zu werden. Und ein halbes Jahr später, an Weihnachten, wusste ich: Jetzt ist es an der Zeit, zu gehen. Der Hirnschlag kam mir vor wie ein Zeichen dafür, wie kurz und fragil das Leben ist. Wir haben unsere Wohnung und ich meine Stelle gekündigt, Herbert und sein Mitgründer haben zu diesem Zeitpunkt zufälligerweise auch gerade ihre Firma verkauft. Dann legte ich die Prüfung für den Hochseeschein ab und wir weihten Familie und Freunde ein. 6 Monate später, im Juli 2014 ging die Reise los – unsere Buben waren damals 4- und 2-jährig.

Was fiel euch beim Wegzug aus der Schweiz am schwersten?
Der Abschied von Familie und Freunden war schwer. Anfangs kämpften wir und die Kinder auch mit der Trennung von unseren Sachen und Spielzeugen, das ging dann aber schnell wieder vergessen. Die neuen Herausforderungen und bevorstehenden Abenteuer waren viel wichtiger.
Mühe machte uns die Ungewissheit, wie wir uns an das Leben auf dem Schiff anpassen würden. Wir hatten zwar viele Bücher gelesen, aber es ist sehr schwierig, sich vorzustellen, wie es ist, für längere Zeit auf so engem Raum zu leben. Unser Plan B war, dass wir aufhören, falls jemand von uns so richtig nicht mehr mag. Das war aber glücklicherweise nie der Fall.

Und was lief gut bei der Umstellung?
Von einer grossen Wohnung mit Garten auf ein Schiff mit weniger als 20 Quadratmetern Fläche zu wechseln, war interessant. Wir haben unsere wenigen Sachen in einem Minivan nach Südfrankreich zu Maya gefahren. Herbert hatte befürchtet, dass wir viel zu viel Zeug dabei hatten, aber nach ein paar Tagen passte alles rein. Die Kinder haben die Umstellung gut verkraftet, sie haben nie davon gesprochen, in die Schweiz zurückzukehren, sie lebten einfach im Jetzt. Nach einer Woche galt es: Leinen los!

Gab es jemals unangenehme oder brenzlige Situationen auf See?
Der erste Segeltag war ein Albtraum, der jüngere Bub wurde seekrank, der Mistral wehte stark und die Wellen schlugen hoch – meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Ich holte dann die Kinder zu mir und sagte zu Herbert: «Dein Schiff, dein Problem!» (lacht). Einmal haben wir beim ankern einen Felsen zu spät gesehen und ein Teil unseres Ruders brach ab. Und ein andermal verfing sich ein Fischernetz in unserer Schiffsschraube, da musste Herbert an einer Stelle voller Quallen runtertauchen, um das Netz abzulösen.

So eine Reise kostet ja auch Geld – wie sieht eure berufliche Situation aus?
Ich war nach dem Doktorat Projektleiterin im Bereich Medizinaltechnik bei Helbling Technik in Wil SG und habe nach der Geburt des zweiten Sohnes 60% gearbeitet. Für die Segelreise habe ich meinen Job gekündigt, unterwegs war ich Köchin, Lehrerin, Putzfrau, Skipper und vieles mehr. Herbert hat vor der Reise seine eigene Firma verkauft und eine Tochter-Firma gegründet, deren Leitung aber abgegeben. Als wir aber auf Grenada waren, musste er die Leitung ungeplant wieder selber übernehmen. Neben dem Homeschooling, der Navigation und dem Schiffsunterhalt ist er seither vom Schiff aus wieder für seine Firma mit sechs Mitarbeitenden tätig. Obwohl ich einverstanden war mit diesem Entscheid, hat die neue Rollenteilung zwischen uns ein paarmal für Spannungen gesorgt. Ich fühlte mich in diesem klassischen Frauen-Dilemma gefangen: Mein Mann schafft alles: Beruf, Segeln und Kinder. Und ich habe genau die gleichen Qualifikationen wie er, mache aber die Hausarbeit und schaue zu den Kindern – obwohl ich das ja auch will. Diesen Gefühlsmix und die finanzielle Abhängigkeit auszuhalten, fand ich manchmal schwierig – davor ist man also auch an den schönsten Stränden nicht unbedingt gefeit…

Was fehlte euch auf dem Schiff?
Mir fehlte der Geschirrspüler! Naja, wir hatten auch keine Gefriertruhe, und keine Waschmaschine – mit dem Minimum an Sachen zu leben war oft sehr spannend und hat uns viel gelehrt. Bei langen Ozean-Überquerungen schauten wir manchmal Kochbücher an und träumten von einem Appenzeller Käse oder einem feinen Raclette … Für Herbert war der fehlende Platz das grösste Problem. Unser Schiff ist 12,5 Meter lang und 4 Meter breit, aufgeteilt auf drei kleine Räume. Es gibt also nicht viel Platz, um einfach alleine zu sein oder in Ruhe zu arbeiten.

Wo wart ihr unterwegs? Wie und wo lebt ihr jetzt?
Wir segelten entlang der berühmten «Barfuss-Route», also dem Sommer entgegen: Start  war in Südfrankreich, dann kamen Korsika, Sardinien, Tunesien, die Balearen, Südspanien, Gibraltar, Marokko, die Kanarischen Inseln, und die Kap Verden. Nach der 16-tägigen Atlantik-Überquerung entdeckten wir diverse Inseln in der Karibik, fuhren nach Kolumbien, Panama und Costa Rica. Von hier aus flogen wir in die USA und lebten 3 Monate lang im Silicon Valley, wo Herbert arbeitete. Anschliessend folgte Galapagos und die Pazifik-Überquerung. Dann haben wir auf verschiedenen Inseln im Südpazifik angelegt, unter anderem in Tahiti, BoraBora und Tonga, auf Gambier in Französisch Polynesien gefiel es uns so gut, dass wir 7 Monate lang blieben. Seit 6 Monaten sind wir nun im Norden Neuseelands, wo unsere Kinder auch eine öffentliche Schule besuchen. In den 4 Jahren reisten wir über eine Strecke von 18200 nautische Meilen (33700 Kilometer) und besuchten fast 30 Länder.

Wie verlief euer Alltag, als ihr unterwegs wart?
Unser Alltag war abhängig davon, wo wir waren. Auf einer Ozean-Überquerung wechselten wir uns  im 3-Stunden-Takt ab, einer von uns war also immer am Schlafen, der andere kümmerte sich ums Schiff, ums Kochen und die Kinder. Wenn wir in einem Hafen waren, stand Herbert früh auf und arbeitete, anschliessend absolvierte er mit den Kindern das Homeschooling-Programm. Ich war derweil für die Essensbeschaffung und -logistik zuständig. Bei langen Überfahrten habe ich täglich die Vorräte gecheckt, um zu schauen, welche Lebensmittel man zuerst aufessen musste, darauf basierte der Menuplan. Je nachdem, wo wir an Land waren, erlebten wir vom Einkaufen im modernen Supermarkt bis zum Sammeln von Gemüsen und Früchten (Kürbisse, Zitronen, Avocados, Litischis und viele mehr) und selber fischen auf einer Insel ohne Einkaufsgelegenheit so ziemlich alles. Nach dem Mittagessen haben wir uns auf dem Deck einen Kaffee gegönnt und uns zu zweit unterhalten, die Kinder durften uns in dieser halben Stunde nicht stören – es war unsere einzige Zeit zu zweit, die wir hatten. Nachmittags haben wir uns mit Tanzen, Seilhüpfen etc. bewegt, gebastelt, Musik gehört und gekocht oder gebacken. Später haben wir mit Kübeln voller Meerwasser geduscht und dann zusammen gegessen, Herbert legte sich dann wieder ins Bett und ich schaute mir mit den Kindern noch den Sonnenuntergang an.

Wie habt ihr die Kulturen der verschiedenen Küsten- und Inselbewohner erlebt? Gab es Unterschiede, Gemeinsamkeiten?
Die Unterschiede bezüglich Lebensstandard der lokalen Bevölkerung waren sehr gross. Vom bettelarmen Kapverden bis zum durch den Verkauf schwarzer Perlen eher reichen Französisch-Polynesien haben wir alles erlebt. Positiv wird uns immer in Erinnerung bleiben, dass die ärmsten Leute tendenziell am grosszügigsten sind und wir in vielen Ländern die Menschen als offener, lockerer und spontaner erlebt haben. Mühe hatten wir mit der Unzuverlässigkeit und Nonchalance vieler Kulturen – von den Schweizer Qualitätsstandards mussten wir uns rasch verabschieden. Mit den Menschen in Kontakt zu treten, war nicht immer einfach, da gewisse Leute keine Beziehungen zu Seglern aufbauen wollten, weil diese sowieso bald wieder weggehen. Andererseits waren sie oft auch sehr neugierig, woher wir kommen. Trotz aller Unterschiede haben wir gelernt, dass wir alle Menschen sind – mit denselben Problemen, den gleichen Freuden und demselben Tratsch! (lacht)

Was sind Eure Pläne für die Zukunft?
Nach langem Hin und Her haben wir uns entschieden, in die Schweiz zurückzukehren. In den letzten Wochen haben wir das Schiff auf Vordermann gebracht und es zum Verkauf ausgeschrieben. Ende Mai fliegen wir zuerst für ein paar Wochen nach Tunesien zu meiner Familie und dann zurück in die Schweiz. Dort warten Familie und Freunde und neue Abenteuer auf uns: Wohnungssuche, Jobsuche, die Kinder bei der Eingewöhnung in der Schule unterstützen, etc. Und: ein Geschirrspüler!
Vielleicht schreiben wir ein Buch über unsere Erlebnisse und planen dann bald schon unsere nächste Reise.

Mit welchem Gefühl verlasst ihr die Maya?
Mit einem sehr schweren Herz – sie war nicht nur unser Zuhause, sondern fast wie ein fünftes Familienmitglied. Wir haben uns an den meisten Destinationen zuhause gefühlt und unglaublich nette Menschen kennengelernt. Leider mussten wir diese immer wieder verlassen, aber im Herz sind sie noch da.

Blog – Sailing on Maya

 

 

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