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Unser Leben in … Nashville

Andrea Schwab lebt mit ihrer Familie seit Kurzem in Nashville. Im Interview erzählt sie vom Leben in der nur scheinbar so ähnlichen Kultur.
22 Feb 2018
Bilder — Andrea Schwab

Kurz bevor sich Andrea Schwab aus dem beschaulichen Belp mit einem Foodtruck selbständig machen wollte, erhielt ihr Mann Daniel ein Stellenangebot aus den USA. Als grosse Reisefans war den beiden rasch klar, dass sie sich diese Chance nicht entgehen lassen wollten. Seit 7 Monaten wohnen sie mit ihren zwei Kindern (eine 4-jährige Tochter und ein 2-jähriger Sohn) im Süden der USA.

Dies ist der dritte Teil unserer Serie, in der wir in loser Folge Schweizer Mütter und Väter, die im Ausland wohnen, porträtieren (Teil 1: Unser Leben in… Paris, Teil 2: Unser Leben in… Bahrain.)

Andrea, welche drei Worte beschreiben Nashville für dich am besten?
Cowboy-Stiefel, Country-Musik und die Nashville Predators (das lokale Eishockey-Team mit drei Schweizer Spielern).

Was hat euch nach Tennessee gebracht?
Uns hatte es schon zu Uni-Zeiten beide immer in die Fremde gezogen. Während diverser Austauschsemester und Praktika haben wir in Paris, Wien, Stockholm, Kopenhagen und Stuttgart gelebt. Und auch gereist sind wir viel. Nach der Geburt unserer Kinder wurden die Reisen kürzer und weniger häufig. Doch bald keimte bei uns der Wunsch auf, einmal als Familie ein grösseres Auslandabenteuer  zu erleben. Als sich dann ein internes Job-Angebot für Daniel hier in Nashville ergab, war uns klar, dass wir das machen.

Was fiel euch beim Wegzug am schwersten?
Dass die Thomy Mayonnaise hier nirgends erhältlich ist, ist eine Tragödie! Nein, im Ernst: Unsere Freunde und Familien zu verabschieden, war ziemlich hart. Insbesondere meine Schwester, mein Schwager und meine beiden Nichten. Wir lebten in Belp zusammen in einem umgebauten Bauernhaus mit gemeinsamer Küche, also quasi in einer Kommune. Die Kinder wachsen auf wie Geschwister – diese enge Bindung zumindest für einen gewissen Zeitraum zu brechen, war ein schwieriger Entscheid.

Und was lief gut bei der Umstellung?
Generell verlief die Umstellung erstaunlich positiv.  Der Vorteil bei kleinen Kindern ist, dass sie noch kein riesiges soziales Netzwerk aufgebaut haben und z.B. keine Schul-Gspänli zurück lassen müssen. Sie sind vor allem dort zuhause, wo Mami und Papi sind. Ich staune, wie flexibel unsere Kinder sind. Sie leben im Hier und Jetzt, für sie ist das Vergangene schnell vergessen und die Zukunft nicht greifbar. Da macht man sich die ganze Zeit Gedanken, ob dieser Schritt für die Kinder wohl das Richtige ist, und ob sie es gut verkraften werden. Und dann kommen sie schon nach zwei Wochen stolz mit einer Einladung für ein erstes Geburifestli nachhause.
Zudem dachte ich vorher irgendwie, dass es hier schwieriger sein würde, frische und hochwertige Lebensmittel zu finden und gesund zu kochen – ich hatte von einer früheren Reise nur Walmart und Fast Food im Kopf. Aber es gibt hier tolle Läden wie z.B. Whole Foods oder Trader Joe’s, die ein reichhaltiges Angebot an Bio-Fleisch, Fisch, Gemüse und Frischprodukten anbieten. Und auch die lokalen Märkte (Farmers Markets) sind tolle Orte, um lokale Produzenten zu unterstützen. Das hat jedoch seinen Preis, für qualitativ hochwertige Produkte zahlt man hier mindestens gleich viel wie in der Schweiz. Auf die Kinder wirkte sich zudem begünstigend aus, dass wir nur 10 Gehminuten von einem Glace-Laden wohnen, der (fast) so toll ist wie die Gelateria di Berna – da sind wir regelmässige Besucher.

Wie und wo lebt ihr jetzt?
Ich bezeichne unser Quartier als den «Breitenrain von Nashville». Es ist familiär hier, und viele coole Restaurants und Geschäfte sind in Gehdistanz erreichbar – für amerikanische Verhältnisse eine Seltenheit. Wir wohnen in einem Zweifamilienhaus direkt an einem grossen Park. Diese Ausgangslage hat uns auch sehr geholfen, hier in Kontakt mit neuen Leuten zu kommen, das tut uns allen gut.

Wie verläuft euer Alltag?
Der Morgen beginnt oft stressig – Lunchboxen vorbereiten, Kinder antreiben und ins Auto verfrachten; der Schulweg ist zwar kurz, es gibt aber kein Trottoir dorthin. Unsere Tochter geht in einen Pre-Kindergarten, der Bub am gleichen Ort zwei mal pro Woche in die Kita. Für unser Mädchen war der Wechsel von der Schweizer Spielgruppe in den hiesigen Unterricht (täglich 7 Stunden am Stück) sicher am schwierigsten, und das alles in einer Sprache, die sie zu Beginn nicht beherrschte. In der Zeit, in der beide Kinder betreut sind, gehe ich meinen eigenen Projekten nach, Daniel reist geschäftlich viel umher. Der grösste Unterschied in unserem Alltag liegt darin, dass wir hier kaum soziale Verpflichtungen haben. Obschon wir unsere Freunde und Familie sehr vermissen, ist es manchmal sehr befreiend, die Wochenenden nicht Monate im voraus planen zu müssen und einfach spontan zu entscheiden, worauf wir Lust haben.

Wie sieht deine berufliche Situation aus?
Bis im Dezember 2016 habe ich als Senior Marketing Manager bei der Hero im Bereich Kindernährmittel zu 60 Prozent im Job Sharing mit einer anderen Mutter gearbeitet.  Nach der Geburt von Carl wurde der lange Arbeitsweg aber immer nervenaufreibender, weshalb ich mich dann entschieden habe, die Hero zu verlassen.
Danach habe ich mich der Idee von einem kleinen und mobilen Beitzli bei uns auf dem Land in Belp gewidmet. Nach langem Suchen habe ich einen passenden alten und rostigen Pferdeanhänger gekauft und wollte diesen zu einem Cafe ausbauen. Das Konzept war geschrieben, die Baueingabe fertiggestellt, und als ich begonnen habe, den Wagen für den Umbau zu schrubben, kam das Angebot aus Nashville. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben:  Hier kann ich viel Inspiration für die Umsetzung des Projektes nach unserer Heimkehr sammeln. Die Food-Truck-Szene ist äusserst gross und vielfältig hier, ein super Terrain für eine Feldstudie!

In Nashville angekommen, musste ich mich zuerst neu orientieren. Zu Beginn war ich Vollzeit-Mami und Hausfrau. Ich habe grossen Respekt für diese Arbeit, man ist rund um die Uhr am Putzen, Einkaufen, Aufräumen, Kochen und Erziehen, und am Abend herrscht trotzdem ein Chaos… (zumindest bei mir!). Schnell habe ich gemerkt, dass mir ein beruflicher Ausgleich fehlt, und habe mich daher entscheiden, einen eigenen Blog zu schreiben. «Becoming Nashvillian» ist die Geschichte der Familie Schwab und deren Versuch, sich bestmöglich in Music City zu integrieren. Einerseits versuche ich mich damit, im digitalen Bereich selber weiterzubilden, anderseits wäre es für uns sehr hilfreich gewesen, wenn wir dieses Hintergrundwissen bei unserm Umzug gehabt hätten, deshalb würde ich es gern teilen.

Jeder von uns hat eine Meinung zum Wesen der Amerikaner. Wie erlebst du die Kultur vor Ort?
Obschon beides westliche Kulturen sind, gibt es erstaunlich viele gesellschaftliche Unterschiede. Besonders erfrischend finde ich die Offenheit und Hilfsbereitschaft der Amis (zumindest hier im Süden). Man kommt überall mit jedem ins Gespräch, das erleichtert es einem sehr, neue Leute kennen zu lernen. Wir Schweizer belächeln die amerikanische Offenheit gerne mal als oberflächlich. Das mag zwar stimmen, aber wir Schweizer sind mit unserer doch eher engstirnigen und verschlossen Art nicht unbedingt tiefgründiger.

«Wir Schweizer belächeln die amerikanische Offenheit gerne mal als oberflächlich. Das mag zwar stimmen, aber wir Schweizer sind mit unserer doch eher engstirnigen und verschlossen Art nicht unbedingt tiefgründiger.»
Es ist zudem erstaunlich, wie viele Leute hier als Volunteer für alle mögliche Organisationen und Events arbeiten und wie viele in Hilfswerke investieren. Es gibt unzählige Aktivitäten, Festivals, Museen und Dienstleistungen, die gratis angeboten werden. Dies ist nur möglich, weil sich eine Gemeinschaft von Freiwilligen dafür einsetzt. Auch davon, denke ich, können wir in der Schweiz noch etwas lernen. Andererseits gibt es auch Haltungen, die mir sehr fremd sind: der Wunsch nach freiem Waffenbesitz beispielsweise, der jetzt gerade wieder heiss diskutiert wird, ist für mich schlicht nicht nachvollziehbar.

Was machen die Amerikanerinnen und Amerikaner anders im Umgang mit Kindern als Schweizerinnen und Schweizer?
Toll finde ich, wie stark hier die positive Bestärkung ausgeübt wird, das fördert das Selbstbewusstsein der Kids enorm. Bei uns in der Schweiz sind wir meiner Meinung nach zu geizig mit Lob, nicht nur bei den Kindern, sondern auch im Umgang mit Freunden. Die Amerikaner hingegen sind viel großzügiger mit Komplimenten, auch an wildfremde Leute, die man auf der Strasse trifft. Neid ist hier kaum zu spüren, das finde ich sehr angenehm. Negativ empfinde ich dafür die stark ausgeprägte Leistungsgesellschaft, die schon im Kindesalter zelebriert wird. Unsere Tochter lernt hier schon mit 4 Jahren schreiben, lesen und rechnen, was meiner Meinung nach zu früh ist. Soweit ich das beobachten kann, können die Kinder das Erlernte in diesem Alter kaum richtig verarbeiten. Es wird viel zu wenig Raum gelassen, um selbständig zu spielen, die Natur zu erkunden und kreativ zu sein. Das sieht man auch ausserhalb der Schule. Die amerikanischen Mütter sind vor allem damit beschäftigt, ihre Kids vom Fussballtraining ins Ballet und zu den Pfadfindern zu chauffieren. Zeit, um einfach unbeschwert Kind sein, bleibt dabei kaum noch.

«Die amerikanischen Mütter sind vor allem damit beschäftigt, ihre Kids vom Fussballtraining ins Ballet und zu den Pfadfindern zu chauffieren. Zeit zum einfach unbeschwert Kind sein, bleibt dabei kaum noch.»

Wie hat der Umzug euch als Familie verändert?
Er hat uns als Familie sicherlich stärker zusammengeschweisst. Wir unternehmen hier viel mehr zu viert und kommunizieren und diskutieren deutlich mehr als in der Schweiz. Man lernt sich als Familie viel intensiver kennen. Weihnachten zum Beispiel haben wir ganz unspektakulär zu viert verbracht. Wir haben in den Trainerhosen auf dem Wohnzimmerboden vor dem Weihnachtsbaum Pizza, Bier und Sprite verputzt und Geschenke ausgepackt. Ich habe immer gedacht, dass mich so etwas deprimieren würde, aber es hat sich erstaunlich entspannt und befreiend angefühlt – auch wenn ich jetzt nicht jede Weihnacht so feiern möchte, haha!

Wir sind nun auch totale Anhänger von Sportevents. In der Schweiz wäre es mir nie in den Sinn gekommen, ein Hockeyspiel des SCB zu besuchen, hier sind wir Fans der Nashville Predators und schauen uns wenn immer möglich ihre Spiele im Stadion an. Aber auch Football- und Baseballspiele gehen wir schauen. Sport hat hier einen sehr grossen Stellenwert und wird als Familienevent zelebriert, das entspricht uns irgendwie. Zudem sind wir viel entdeckungslustiger und haben einen ganz neuen Bezug zu Distanzen. An einem Wochenende für einen Ausflug drei bis vier Stunden zu fahren, wäre uns in der Schweiz nie in den Sinn gekommen. In unserem Esszimmer haben wir eine grosse Karte der USA aufgehängt. Während dem Essen überlegen wir uns, welche Orte wir als Nächstes entdecken wollen. Danach stecken wir kleine Güfeli in die Karte, die zeigen, was wir schon alles von diesem spannenden Land gesehen haben.

Andrea Schwabs Blog: Becoming Nashvillian; Andrea Schwab auf Instagram

 

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16. Juni 2018
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