Kooperationen
Über uns Newsletter

Unser Leben in … Neuseeland

Kleinstadt-Mitbegründerin Eva Hefti ist vor einem Jahr nach Whangarei gezogen. Ein Abenteuer, das die Familie verändert hat.
6 Jul 2018
Bilder — Eva Hefti

Kleinstadt-Mitbegründerin Eva Hefti und ihr Mann Thomas Ruder haben vor einem Jahr das Weite gesucht und verbringen nun zwei Jahre in einer echten Kleinstadt am anderen Ende der Welt. Wie sie mit ihren drei Buben (unterdessen 7, 4 und 4) an einen völlig unbekannten Ort ausgewandert sind, welche Hindernisse es dabei zu überwinden gab und wie die Neuseeländer es so mit dem barfuss gehen halten, erzählt sie uns im Interview.

Dies ist der sechste Teil unserer Serie, in der wir in loser Folge Schweizer Mütter und Väter porträtieren, die im Ausland wohnen (alle anderen Teile hier).

Eva, welche drei Begriffe beschreiben Neuseeland für dich am besten?
Menschenleere Strände, grün, no worries.

Was hat euch nach Whangarei gebracht?
Tom wollte schon seit langer Zeit einen Auslandaufenthalt machen und neue Arbeitserfahrungen sammeln. Mit meinem eigenen Geschäft und der Geburt der Zwillinge war das aber lange nicht möglich. Als ich das Café Fleuri verkauft hatte und es ab dem 2. Lebensjahr unserer Jungs etwas entspannter wurde, konnte ich mir ein Leben an einem anderen Ort plötzlich vorstellen. Tom hat dann Destinationen vorgeschlagen, die mir aber alle nicht besonders zusagten: New Mexico: zu trocken, Holland: zu dicht besiedelt, England: zu schlechtes Wetter (lacht). Ich wünschte mir ein Leben an der Wärme, im Grünen, nahe am Meer.

Was gab den Ausschlag für Neuseeland?
Dieser Blogpost von Cup of Jo. Als ich den las, war das für mich wie eine Eingebung: Neuseeland! Wir waren zwar beide noch nie dort gewesen, aber es klang alles perfekt: wunderschöne Strände, subtropisches Klima, keine Sprachhürde für uns Erwachsenen, angenehmer Lebensstandard. Es stellte sich dann heraus, dass Toms Beruf hier besonders gefragt ist, und innerhalb von drei Monaten hatte er eine passende Stelle als Radiologe gefunden.

Was war schwierig beim Wegzug aus der Schweiz?
Der Papierkram war eine rechte Herausforderung, wir mussten unter anderem bestätigen, dass wir in einer ernsthaften Beziehung leben – ein Eheschein reicht da nicht, es brauchte Fotos, gemeinsame Konten und Bescheinigungen, dass wir uns um unsere Kinder kümmern. Emotional war es natürlich schwierig, Familie und Freunde zurückzulassen – wir haben viele Abschiede gefeiert. Weil die Distanz so gross ist, war klar, dass wir viele liebe Leute während einer langen Zeit nicht sehen würden. Unsere Kinder haben sehr unterschiedlich reagiert in der Zeit vor der Abreise, einer der kleineren Buben war sehr gestresst. Neben den ganzen organisatorischen Aufgaben die eigenen Gefühle zu sortieren und jene der Kinder aufzufangen, war teilweise schon anstrengend. Hier habe ich die beim Umzug gewonnenen Erkenntnisse bereits beschrieben.

«Die Anfangszeit hier hat mir die eine oder andere Krise beschert, aber rückblickend war es auch sehr abenteuerlich und speziell. Und ich habe gelernt, vieles etwas lockerer zu sehen.»

Und nach der Ankunft?
In den ersten zwei Monaten wohnten wir hier in einem etwas heruntergekommenen unisolierten Haus ohne Internetanschluss, der Winter hatte gerade begonnen und wir mussten innert kurzer Zeit zwei Autos kaufen, ein Haus suchen und die Einschulung vorbereiten. Ich war nonstop mit den Kindern zusammen und wir lebten nur aus 5 Koffern. Das hat mir die eine oder andere Krise beschert, aber rückblickend war diese Zeit auch sehr abenteuerlich und speziell und ich habe gelernt, vieles etwas lockerer zu sehen und Probleme anders anzugehen.

Zum Beispiel?
Einmal habe ich uns aus dem Haus ausgeschlossen, Handtasche mit Schlüssel, Geld und Handy waren drinnen. In der Schweiz wäre ich wohl zu einer Freundin oder zu meinen Eltern gefahren. Da ich aber keine Telefonnummer auswendig kannte und noch null Bekannte hatte, stand ich schnell am Berg. Zusammen mit den Buben habe ich es dann nach etwa 40 Minuten harter Arbeit geschafft, mit einem langen Palmenwedel durch die Katzentüre hindurch meine Handtasche vom Kühlschrank herunterzufischen … Ein anderes Beispiel ist, wie wir reagiert haben, als wir kürzlich die Kündigung unseres Mietvertrages erhielten. Innerhalb von rund 2 Monaten mussten wir raus aus dem schönen Haus. Das sind etwas andere Sitten als in der Schweiz, dort hätte ich vielleicht um Mieterstreckung ersucht. Hier sahen wir das Ganze rasch einmal als kleines Abenteuer an, das uns auch wieder aus den gewohnten Routinen herausholt.

Und was lief gut bei der Umstellung?
Es war super, sich als Familie in ein solches Abenteuer zu stürzen! Sobald wir hier waren, waren die Kids viel entspannter. Kurz nach unserer Ankunft haben wir über Toms Arbeit eine Familie kennengelernt, die zwei Jahre vorher ebenfalls nach Neuseeland eingewandert ist, mit Kindern im gleichen Alter. Die haben uns sehr rasch einmal zum Znacht eingeladen und waren auch sonst sehr hilfsbereit, beispielsweise holten sie unseren Sohn bei uns ab, als mein Auto am Morgen seines ersten Schultags eine leere Batterie hatte. Wir haben auch rasch dann ein schönes Haus mit grossem Garten und Pool gefunden, das war für uns ein Highlight!

«Es war super, sich als Familie in ein solches Abenteuer zu stürzen! Sobald wir hier waren, waren die Kids dann viel entspannter.»

Wie hat die Eingliederung der Kinder geklappt?
Unser ältester Sohn wurde im August in eine bestehende Klasse eingeschult. (Das Schuljahr beginnt hier im Februar und Kinder besuchen die Schule ab dem 5. Geburtstag.) Ich hatte im Voraus einige Bedenken, wie er es schafft, gleichzeitig lesen, schreiben und Englisch zu lernen und den Anschluss zu finden. Auch dank seiner einfühlsamen und geduldigen Lehrerin verlief die Einschulung dann aber problemlos, nach vier Monaten konnte er sich fliessend unterhalten.

Und wie lief es mit den Zwillingen?
Obwohl ich hier keiner bezahlten Arbeit nachgehe, war mir rasch klar, dass ich etwas Zeit für mich und meine Arbeit für Kleinstadt brauche. Die Zwillinge habe ich ab Oktober für zwei Tage pro Woche in einer nahegelegenen Kita angemeldet. Kindern ab drei Jahren bietet der Staat hier 20 Stunden pro Woche gratis Betreuung, welcher Luxus! Der Einstieg fiel ihnen allerdings schwer. Die Gruppe ist viel grösser und die Betreuungsquote tiefer als in der Schweiz, eine echte Bezugsperson fehlt, und gewisse Praktiken in der Kita gefallen mir nicht so. Bei Trennungsschmerz wird den Kindern z.B. durchaus mal das iPad angestellt und «good boy» oder «good girl» ist der wohl am meisten geäusserte Satz der Betreuerinnen. Dadurch, dass unsere Buben immer zu zweit spielen konnten, verlief ihre Eingewöhnung etwas schleppend. Einmal kam einer zu mir und sagte: «Mama, wir wollen nicht Englisch lernen in der Kita, wir sprechen einfach Schweizerdeutsch miteinander.» Nach etwa 5 Monaten haben aber auch sie begonnen, die Sprache anzunehmen, und unterdessen sprechen sie ungeniert fremde Menschen an.

«Nach etwa fünf Monaten haben die Zwillinge begonnen, die Sprache anzunehmen, und unterdessen sprechen sie ungeniert fremde Menschen an.»

Wie sieht Deine berufliche Situation aus?
Ich verfüge zwar über ein Arbeitsvisum, habe aber bisher nicht nach einer Stelle gesucht. Momentan geniesse ich die Zeit mit den Kindern und arbeite daneben für Kleinstadt. Das war ursprünglich nicht so geplant, hat sich aber dann gut ergeben und ist für mich eine gute Ergänzung neben dem Stay-at-Home-Mum-Leben. Das Arbeiten mit Euch zweien über 12 Zeitzonen hinweg klappt ja recht gut, wir tauschen uns per Whatsapp aus und telefonieren zwischendurch. Im nächsten Jahr möchte ich mich aber hier vor Ort auch gerne irgendwie betätigen, mal schauen, was sich diesbezüglich ergibt.

Wie und wo lebt ihr jetzt?
Whangarei ist die Hauptstadt der Region Northland, eine Kleinstadt mit ca. 50’000 Einwohnern, 2,5 Stunden nördlich von Auckland. Die Stadt ist keine Augenweide, und sie ist sehr schlecht für Fussgänger erschlossen. Auf den zweiten Blick findet man aber doch ein paar hübsche Ecken und coole Geschäfte und die Infrastruktur für Kinder ist recht gut: Es gibt eine gut sortierte Bibliothek, Pump Tracks, ein grosses Hallenbad und eine Ludothek. Einen hippen Kleiderladen oder eine gut sortierte Buchhandlung sucht man hier allerdings vergebens. Die Natur ist aber umwerfend! In einem Umkreis von zwei Fahrstunden haben wir aber schon wunderbar gecampt, Delfine gesehen, sind am Strand herumgefahren, haben in heissen Quellen gebadet und uralte Kauribäume bestaunt. Weil es hier im Norden so schön ist, sind wir bisher noch gar nicht viel weiter gekommen in Neuseeland, das wollen wir dann unbedingt noch nachholen im nächsten Jahr.

«Das ist der grösste Unterschied: Unser Leben verläuft hier sehr regelmässig.»

Wie verläuft euer Alltag? Worin unterscheidet er sich am markantesten von jenem in der Schweiz?
Unser Alltag verläuft sehr unspektakulär zwischen Schule, Park und Zuhause. Am Samstagmorgen versuchen wir jeweils, es auf den Märit zu schaffen, und Sonntags sind wir fast immer an einem Strand. Das ist der grösste Unterschied: Unser Leben verläuft hier sehr regelmässig. Früher haben Tom und ich jeweils am Sonntagabend unseren Wochenplan besprochen; wer wann wo ist, wer die Kinder noch ausserplanmässig betreuen könnte, wen wir zu Besuch einladen wollen etc. Einen solchen Wochenplan haben wir hier noch nie gemacht! (Lacht) Nein, unterdessen haben wir hier auch einige Freunde gefunden, in der Stadt gibt es recht viele kulturelle Anlässe, und wir haben auch schon ein paarmal Besuch aus der Schweiz erhalten. Langweilig ist uns also nicht! Ausserdem geniessen wir die hiesigen Arbeitszeiten sehr, Tom arbeitet von 8.30 bis 17 Uhr und hat nur gelegentliche Abend- oder Wochenenddienste. In Bern war er meistens aus dem Haus, bevor wir anderen aufgestanden sind, das macht für mich einen enormen Unterschied aus.

Was fehlt euch aus der Schweiz?
Das gut ausgebaute ÖV-Netz. Die Kehrichtverbrennung – die Tatsache, dass hier der gesamte Müll im Boden vergraben wird, finde ich schlimm. Ein gutes Stück Greyerzer und ein feines Gipfeli. Und natürlich unsere Freunde und Verwandten.

«Schwimmflügeli sieht man hier nie, jede Schule muss über ein eigenes Schwimmbad verfügen.»

Was ist in Neuseeland anders als in der Schweiz?
Hier anzukommen war kein krasser Kulturschock, die Kultur ist sehr angelsächsisch geprägt und ist uns ja aus Filmen und Büchern schon einigermassen vertraut. In den Details gibt es aber schon spannende Unterschiede: Die Schüler und Schülerinnen verbringen mehr Zeit am Boden als an Pulten, und die meisten Kinder gehen auch im Winter barfuss zur Schule. Die Kaffeepause heisst hier «Tea break» und im Spital werden auch betagte Patienten vom Arzt mit «what’s up, mate?» begrüsst. Viele Leute haben früh Kinder, 45-jährige Grossmütter sind hier keine Seltenheit, und Familien mit drei oder mehr Kindern auch nicht. Das Tenu vieler Frauen ist eine schwarze Lycra-Legging, Männer laufen oft im Unterhemd herum. Schwimmflügeli sieht man hier nie, jede Schule muss über ein eigenes Schwimmbad verfügen. Andererseits sind die Kinder hier deutlich weniger routinierte Velofahrer als die Schweizer Kids. Und obwohl Neuseeland ja wirklich sehr weit weg vom Rest der Welt liegt, sind viele Neuseeländer weit gereist. Wenn wir sagen, woher wir kommen, werden wir regelmässig auf Deutsch angesprochen, viele Neuseeländer waren schon in Europa und lernen dann auch ein paar Brocken Deutsch. Ausserdem ist die Maori-Kultur recht präsent und wird staatlich stark gefördert, an den Schulen wird beispielsweise Maori unterrichtet und Kapa Haka getanzt (siehe besonders die Stellen bei 7:20 und 11:20).

Welche Probleme seht ihr?
Northland ist eine verhältnismässig arme Region in Neuseeland, der Lebensstandard ist für viele tiefer als in der Schweiz. Lebensmittel sind verhältnismässig teuer, eine Avocado beispielsweise kostet im Supermarkt rund 4 Franken, obwohl die hier in rauen Mengen wachsen und die Preisunterschiede zwischen Bio- und Billiglebensmitteln sind riesig. Ich sehe viele Menschen in den Supermärkten, die explizit nach den günstigsten Angeboten suchen. Gesundheitsdienstleistungen sind zwar fast gratis, aber manche Menschen können nicht einmal die 15 Franken Gebühr pro Arztbesuch bezahlen. Gerade bei den Maori ist die Armutsquote hoch. Es gibt hier Familien, die in der dritten Generation arbeitslos sind, und viele Menschen kämpfen mit Armuts-verwandten Problemen wie Meth-Sucht und häuslicher Gewalt. Diese Dinge sind nur bedingt öffentlich sichtbar, aber es gibt hier beispielsweise Kampagnen, dass man Kindern die Zähne putzen soll, und ein Grund für die staatlich subventionierte Kita ist auch, dass damit arme Kinder wenigstens für ein paar Stunden aus ihren teilweise schwierigen Situationen herauskommen. Daneben gibt es auch hier im grünen Neuseeland viele Umweltprobleme: Mülldeponien, von welchen Plastik ins Meer findet, verschmutzte Gewässer aufgrund der intensiven Viehwirtschaft, und die Bedrohung der einheimischen Tier- und Pflanzenarten durch importierte Arten, beispielsweise die 70 Millionen Oppossums, die täglich eine Riesenmenge an Pflanzen vernichten.

«Hier sind die Kinder jeden Tag von 9 Uhr bis 15 Uhr in der Schule. Solche Blockzeiten würden arbeitstätigen Eltern in der Schweiz doch das Leben extrem erleichtern.»

Was würdest du aus Neuseeland gern in die Schweiz importieren?
Die Schulzeiten! Hier sind die Kinder von 5 bis 15-jährig jeden Tag von 9 Uhr bis 15 Uhr in der Schule. Solche Blockzeiten würden arbeitstätigen Eltern in der Schweiz doch das Leben extrem erleichtern: eine ganz klare Struktur, jeden Tag, jedes Semester und für jedes Kind der Familie gleich … Dann der meistens blaue Himmel. Und natürlich das Meer.

Wie hat der Umzug euch als Familie verändert?
Wir sind als Familie näher zusammengerückt. Unser Leben in der Schweiz war in den letzten Jahren von viel Stress geprägt – sowohl positivem wie negativem. Es war eine intensive Zeit, die auch viel Unruhe in unser Leben gebracht hat. Irgendwie war nun der perfekte Zeitpunkt, um eine Pause einzulegen. Natürlich ist hier nicht alles anders und besser, aber uns fünf tun die Ruhe und Weite hier grad gut. Ausserdem sind wir immer wieder gezwungen, aus unserer Komfortzone herauszugehen und auf neue Menschen zuzugehen. Wir haben schon so viele spannende Leute mit sehr unterschiedlichen Hintergründen kennengelernt, das macht Spass und hilft uns auch zu erkennen, wie privilegiert wir in der Schweiz leben können. Was unsere Freunde aus Südafrika beispielsweise über die Sicherheitslage in ihrer Heimat und ihren Alltag, in dem sie ständig um ihr Leben fürchteten, erzählen, ist für mich sehr eindrücklich.

«Wenn ihr könnt, dann macht es!»

Würdet ihr einen solchen Auslandaufenthalt weiterempfehlen? Unter welchen Bedingungen?
Ja, unbedingt! Wenn ihr könnt, dann macht es! Die Kinder bewältigen es meist besser als erwartet. Für mich persönlich ist die Sicherheit ein wichtiger Aspekt, an Orte mit einer instabilen Sicherheitslage würde ich mit Kindern nicht freiwillig hin. Für uns hat es sich auf jeden Fall schon längstens gelohnt, hierhin zu kommen.

 

 

Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

10. Juli 2018
Eva Hefti
Hallo zusammen. Wie schön, das tönt ja super! Habe Euch eine E-Mail geschickt.
9. Juli 2018
Andreas
Hallo Eva, hallo Thomas Eine Kollegin hat uns auf diesen Blogeintrag aufmerksam gemacht, den wir mit Spannung und Interesse gelesen haben. Wir (Familie mit zwei Kindern in ähnlichem Alter) sind seit ein paar Wochen auch am selben Projekt. Gerne würden wir noch mehr von eurem Umzug und Einleben in NZ erfahren. Es würde uns freuen, wenn ihr mit uns in Kontakt treten würdet. Monika & Andreas