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«Viele Väter bleiben mit ihren Fragen alleine»

Remo Ryser ist schweizweit der erste Mann bei einer kantonalen Mütter- und Väterberatung. Er will den Vätern den Rücken stärken.
21 Nov 2019
Bild — Christian Pfander (Berner Zeitung)

Remo Ryser, warum braucht es einen Väterberater?
Ich beginne mit meiner eigenen Erfahrung: Als ich Vater wurde, fühlte ich mich zwar mit Fragen rund um die kindliche Entwicklung bei der Mütter- und Väterberatung gut aufgehoben. Was mir fehlte, war ein männliches Gegenüber, mit dem ich Fragen zu meiner Vaterrolle besprechen konnte.

Und das fehlt auch anderen Vätern?
Ja, das ergab auch eine Befragung, die wir durchführten: Vätern fehlt der Austausch mit anderen Vätern. Und es fehlen ihnen Vorbilder. Viele Väter bleiben mit ihren Fragen alleine. Sie würden gerne mal mit einem Vater reden, der sich ebenfalls einbringt in die Familie, der die gleichen Hürden und Spannungen erlebt.

«Vätern fehlen die Vorbilder.»

Welche Spannungen?
Der Grossteil der Väter versucht, beides zu sein: Vollzeit-Ernährer und engagierter Papi. Dieses Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne bringt viele Väter gehörig unter Druck. Auch weil sich Politik und Arbeitgeber erst langsam bewegen, damit jeder Vater und jede Familie eine echte Wahl hat.

Mütter erleben das gleiche, einfach mit umgekehrten Vorzeichen.
Genau. Für beide ist es anspruchsvoll, weil es keine unverrückbaren Rollenverständnisse mehr gibt. Es gilt für Eltern, vieles miteinander auszuhandeln.

«Häufiges Thema am Vätertelefon: Ein Vater möchte eine Beziehung aufbauen zu seinem Kind, findet aber den Zugang zu diesem verletzlichen kleinen Baby nicht.»

Sie beraten seit August Männer am Vätertelefon. Welche Sorgen haben diese Väter?
Häufige Themen sind Konflikte und Spannungen in der Familie. Die Eltern haben unterschiedliche Vorstellungen von der Kinderbetreuung, und der Vater weiss nicht, wie er das mit der Partnerin ansprechen kann. Oder ein Vater möchte eine Beziehung aufbauen zu seinem Kind, findet aber den Zugang zu diesem verletzlichen kleinen Baby nicht. Es gibt aber auch Väter, die von ihrer neuen Rolle sehr inspiriert sind und eher Fragen haben wie: Was kann ich mit meinem Kind unternehmen?

Wie unterstützen Sie die Väter?
Ich höre erst einmal zu, frage nach. Mir geht es darum, gemeinsam ihren Weg zu finden. Ich möchte den Vätern den Rücken stärken. Mir ist es ein Anliegen, dass Männer erkennen, wie bedeutungsvoll sie für die Entwicklung ihrer Kinder sind. Dass sie ihren Platz in der Familie aktiv mitgestalten – im Teamwork mit der Partnerin. Ich will sie ins Spiel bringen.

«Ein Teil der Väter erlebt Vatersein nicht als Bereicherung.»

Längst nicht alle Väter wollen sich wirklich so engagieren in der Familie.
Das stimmt. Ein Teil der Väter erlebt Vatersein nicht als Bereicherung, übernimmt weniger Familienarbeit. Auch ihnen sind ihre Kinder in der Regel nicht egal, sie finden einfach keine Wege, um sich auf befriedigende Weise in die Familie einzubringen. Teilweise auch, weil sie sich abgehängt oder fehl am Platz fühlen.

Beraten Sie auch Mütter, die sich mehr Engagement von Ihrem Partner wünschen?
(lacht) Ja, ich sehe mich durchaus auch als eine Art Väterversteher, der versucht, die Perspektive von Vätern zu kommunizieren.

«Ich sehe mich als eine Art Väterversteher.»

Weil Ihnen die Frauen den Platz nicht einräumen?
Teilweise. Tatsächlich ist es so, dass Väter mehr Verantwortung in der Familie übernehmen, wenn sie sich wertgeschätzt fühlen. Sie wollen nicht als Assistenten oder Praktikanten behandelt werden.

Ist es nicht bloss eine bevorzugte Schicht von Vätern, die viel Betreuungsarbeit übernimmt, weil sie Teilzeit arbeiten kann?
Das ist überhaupt nicht mein Bild. Auch Väter, die 100 Prozent arbeiten, spielen eine positive Rolle in der Entwicklung ihrer Kinder, kümmern sich. Es gibt nicht eine richtige Art, Vater zu sein, sondern eine bunte Vielfalt.

«Auch Väter, die 100 Prozent arbeiten, spielen eine positive Rolle in der Entwicklung ihrer Kinder.»

Gibt es hinsichtlich der Vaterrolle auch kulturelle Unterschiede?
Meiner Erfahrung nach ist es ein Vorurteil, dass sich Väter aus anderen kulturellen Hintergründen weniger engagieren in der Kinderbetreuung. Ich kenne viele solcher Väter, die beispielsweise Schicht arbeiten und tagsüber für die Kinder da sind. Ganz pragmatisch, weil die Mutter dann arbeiten gehen muss.

Wie ist es mit ganz praktischen Themen wie Beikost füttern oder Einschlafritualen? Haben die Väter auch solche Fragen?
Ja, aber da sind unsere Beraterinnen die Fachfrauen, die hier bestens ausgebildet sind. Ich kümmere mich eher um Fragen der Rollenteilung: Manche Väter sind unsicher, ob sie es überhaupt schaffen, ein Kind zu betreuen. Oder was Sie mit einem Kind den ganzen Tag anfangen sollen. Mein Ziel ist es, dass sie Sicherheit gewinnen. Viele Väter erleben, dass ihnen die Kompetenz abgesprochen wird.

«Viele Väter erleben, dass ihnen die Kompetenz abgesprochen wird.»

Von wem denn?
Mir sind mehrmals Mütter und Grossmütter ungefragt zu Hilfe geeilt, als mein Baby geweint hat. Offenbar wirkt das Rollenstereotyp noch, Väter könnten das halt nicht so gut wie Frauen. Obwohl das von der Forschung widerlegt ist. Wenn es einen Instinkt gibt, dann einen Elterninstinkt. Was aber oftmals der Fall ist: Väter machen’s halt anders.

Die Mütter- und Väterberatung gibt es seit 100 Jahren. Kaum kommt der erste Mann, gibt es ein Tamtam. Und das ist jetzt durchaus selbstkritisch gemeint. Warum ist das so?
Ich glaube, das hat weniger mit dem Geschlecht zu tun als mit der Pionierrolle. Auch die erste Tunnelbauerin und die erste Programmiererin erhielten viel Aufmerksamkeit. Sicher stimmt es, dass die Frauen in der Mütter- und Väterberatung lange Arbeit geleistet haben, die wenig gesehen und wertgeschätzt wurde.

«Mir sind mehrmals Mütter und Grossmütter ungefragt zu Hilfe geeilt, als mein Baby geweint hat.»

Was sind Sie selber für ein Vater?
Ich habe diese Frage meinem Sohn gestellt. Er sagte: Oh, das ist so schwierig, da muss ich so viel aufzählen! Du kochst mit mir, spielst mit mir, tröstest mich, streitest mit mir, wir putzen das Bad zusammen. Das war für mich die schönste Antwort, weil sie zeigte, dass ich ihm anscheinend ein facettenreicher Vater bin.

Wie teilen Sie sich auf in der Betreuung Ihres Sohnes?
Wir versuchen, die Familienarbeit hälftig aufzuteilen. Es gelingt uns aber nicht immer.

Der erste Mann in 100 Jahren

Remo Ryser (47) ist Psychologe, seit über 10 Jahren in der Väterarbeit tätig und berät seit August als erster Vätermentor/Vätercoach der Schweiz Männer bei der Mütter- und Väterberatung Kanton Bern. Er ist verheiratet, Vater eines 7-jährigen Sohnes und lebt in der Nähe von Bern. Er ist erreichbar unter dem Vätertelefon 079 853 15 57 (Rückruf innerhalb eines Arbeitstags) oder unter vaeter@mvb-be.ch. Anliegen von Vätern an die Adresse der Mütter- und Väterberatung sind sehr willkommen. «Väter, sagt uns, was ihr braucht!», sagt Remo Ryser. Auf der Website der Mütter- und Väterberatung Kanton Bern finden Väter weitere Angebote wie Väter-Kind-Treffs, Väter-Austauschrunden und Väter-Infos.

Die Mütter- und Väterberatung steht Eltern und anderen Bezugspersonen von Kindern bis zum 5. Lebensjahr mit fachlicher Beratung zur Seite. Im Zentrum stehen Angebote, die sich an den Anforderungen des heutigen Familienlebens orientieren. Vom Rollenwechsel zur Mutter bzw. zum Vater über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bis zur gesunden Kindesentwicklung. Eine persönliche Beratung ist telefonisch, online, zuhause oder an einer von 270 Beratungsstellen im ganzen Kanton möglich.

Dieser Artikel erschien zuerst in der «Berner Zeitung».
www.mvb-be.ch

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