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Wann ist der richtige Moment für eine Paarberatung?

Was bringt Paarberatung überhaupt? Nicole Clematide und Mario Mutzner coachen Paare zu zweit – und sind selber ein Paar «wie jedes andere».
26 Jan 2022
Fotos — Lea Moser, Bern

Nicole Clematide und Mario Mutzner* bieten in Bern Paar-zu-Paar-Beratungen an, das heisst, sie coachen Paare zu zweit, ein für die Schweiz noch seltenes Angebot. Sie haben beide Soziale Arbeit studiert und sich in den Bereichen der Therapie, Beratung und Coaching weitergebildet.

 Meistens hört man erst dann von Paarberatung, wenn sich ein Paar schon getrennt hat. Im Sinne von: «Wir waren noch in einer Therapie, aber das hat dann auch nichts mehr genützt.» Warum ist das so?
Nicole Clematide/Mario Mutzner: Auch wenn ein Wandel stattfindet, ist es für viele immer noch ein Tabu oder schambehaftet, sich als Paar Unterstützung zu holen. Viele Paare sprechen deshalb auch nicht mit anderen darüber. Weil es halt diese gesellschaftlichen Vorurteile noch immer gibt. Es will doch niemand, dass andere von einem denken: «Was ist denn bei denen los? Da muss ja der Haussegen total schiefhängen, wenn die sogar in eine Paarberatung müssen!»

Warum tun wir uns so schwer damit, uns bei der Beziehung Hilfe zu holen?
Das Beziehungsleben gilt als etwas Selbstverständliches. Das macht man einfach, wie essen oder schlafen. Wir sprechen vielleicht mit Freunden und Familie darüber, aber Hilfe von aussen? Eine Beziehung beinhaltet auch Arbeit, Auseinandersetzung und Pflege, damit man mit sich selber und mit der/dem Partner:in in Verbindung bleibt. Das kann mitunter anstrengend sein. Und wer wälzt schon gerne Probleme? Zudem unterschätzen viele Menschen, dass eine Partnerschaft ein Spiegel ist, in dem wir uns selber sowie unsere eigenen Muster und «Unzulänglichkeiten» vorgehalten bekommen. Anstatt dies zu erkennen und mutig hineinzuschauen, werden häufig in erster Linie Änderungserwartungen an den/die Partner:in gestellt. Oft gehen Paare erst dann in eine Beratung, wenn sie am Punkt stehen, dass dieser Spiegel von der Chance zur Bedrohung geworden ist und sich eine leidvolle Paardynamik entwickelt hat.

Vermutlich spielen auch andere Ängste als jene vor dem Stigma eine Rolle, oder?
Ja, viele schreckt ab, dass sie sich öffnen müssen. Fragen wie: Was könnte ich in einer Beratung hören, was ich vielleicht im geschützten Rahmen unserer Partnerschaft noch nicht gehört habe? Was muss ich offenbaren? Wie muss ich mich mit mir selber auseinandersetzen, wo ich vielleicht lieber nicht hinschauen möchte? Die Partnerschaft widerspiegelt ganz fest die Bindungserfahrungen, die wir als Kinder gemacht haben. Diese werden oftmals in der Beratung zum Thema, was auch schmerzhaft sein kann. Dann reden wir doch lieber gar nicht darüber.

«Die Partnerschaft widerspiegelt ganz fest die Bindungserfahrungen, die wir als Kinder gemacht haben.»

Wir verdrängen Unangenehmes lieber.
Gewisse Dinge an uns haben wir nicht gerne. Und in einer Paarberatung müssen wir dem einmal in die Augen schauen. Da kommt natürlich vieles auf den Tisch, was verständlicherweise Angst auslösen kann.

Die Leute kommen erst, wenn sie kurz vor dem Aus stehen?
Wir haben erfreulicherweise kaum Paare in der Beratung, die kurz vor der Trennung stehen. Oftmals kommen Paare, die immer über die gleichen Steine stolpern und nicht so recht wissen, wie sie damit umgehen sollen, was es noch für andere Möglichkeiten gäbe. Uns scheint es, als würden die Leute langsam etwas wegkommen von diesem Vorurteil.

Ist es nicht auch einfach ein wenig Lifestyle, dass wir für jedes Problemchen einen Coach haben?
Es gibt tatsächlich einen Dienstleistungsboom in diesem Bereich. Aber es entspricht offenbar einem Bedürfnis, sonst gäbe es den Boom nicht. Erstaunlicherweise melden sich bei uns viele Paare, die deutlich jünger sind als wir, viele sind unter 30. Das erstaunt und freut uns. Wir haben den Eindruck, dass die jüngeren Leute heute ihrer selber bewusster sind und den Wert von Beziehungsarbeit erkennen. Da ist ein Wandel im Gange. Zudem kommen junge Leute heute viel früher mit Unterstützungsangeboten in Berührung.

Was kann die Paarberatung oder -therapie denn konkret Positives bewirken?
Wir machen die Erfahrung, dass Paare zusammen wachsen, wenn sie sich trauen, ihre Komfortzone zu verlassen. Das kann viel zur Bindung beitragen. Die eigenen Ängste zu kommunizieren, kann sehr bereichernd sein für die Beziehung. Die eigenen Bedürfnisse benennen und sich das auch gegenseitig zuzumuten. Paarberatung als sicherer Ort kann so ein echtes Begegnen positiv unterstützen.

«Die eigenen Ängste zu kommunizieren, kann sehr bereichernd sein für die Beziehung»

Es geht also auch in der Paarberatung darum, die eigenen Baustellen anzuschauen?
Es gibt ein Ratgeberbuch mit dem tollen Titel: «Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest.» In dieser Aussage findet sich viel Wahres. Wenn wir in eine Paarberatung einsteigen, versuchen wir mit dem Paar zusammen herauszufinden: Wer bin ich eigentlich hier innerhalb dieser Beziehung? Es ist ja meistens ein Durcheinander von verschiedenen Abhängigkeiten, Übertragungen und Emotionen. Unser Job ist es dann, mit dem Paar herauszufinden, wo der Anfang dieses Wollknäuels ist. Dies mit dem Ziel, dieses so zu entwirren, dass jeder für sich eine innere Freiheit entwickeln kann. Dann ist es gar nicht mehr so wichtig, ob der andere so funktioniert, wie ich es gerne hätte.

Kann ein Paar dank einer Beratung eine tiefe Krise überstehen?
Es kommt darauf an, an welchem Punkt das Paar steht. Wie sieht die Kommunikation aus? Wie fest wird über Vorwürfe oder Abwertungen kommuniziert? Wenn beide es wirklich wollen, können Paare auch nach einer tiefen Krise wieder zueinander finden. Da braucht es den Mut, mit offenen Karten zu spielen.

Gibt es keinen «Point of no Return», bei dem eine Beziehung einfach nicht mehr zu retten ist?
Wenn die Phase kommt, in der es wirklich destruktiv wird und Paare den Respekt voreinander verloren haben, dann wird es sehr schwierig. Da sind teilweise Verletzungen vorhanden, die kaum mehr heilen können. Aber wenn man noch vorher die Kurve erwischt, ist die Chance recht gross. Im Übrigen muss eine Trennung ja nicht immer ein Scheitern sein. Eine Trennung kann auch für beide Seiten etwas sehr Befreiendes sein.

«Eine Trennung muss nicht immer ein Scheitern sein. Eine Trennung kann auch für beide Seiten etwas sehr Befreiendes sein.»

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um in eine Paarberatung zu gehen?
Dazu gibt es keine allgemeingültige Antwort. Auch ein glückliches Paar kann in einer Beratung jene Punkte anschauen, um die sich immer wieder Streiterein entfachen, die vermieden werden oder wo kein Konsens besteht. Am Punkt, wenn noch nicht alles im Argen liegt, in die Beziehung zu investieren, würde sich (auch finanziell) am meisten lohnen. Aber einige denken wohl: «Wozu Probleme suchen, wo keine sind?»

Ja, wozu?
Es muss ja auch nicht immer um Probleme gehen, sondern kann ja auch eine Art Schub und Investition in die Beziehung sein. Eine Alternative zum gemeinsamen Wellness-Wochenende. Die Paare sollen auch mal lachen können, selbst wenn der Prozess schwierig ist. Wir legen deshalb in unseren Beratungen immer wieder den Fokus aufs Verbindende. Was sind die Ressourcen dieses Paares? In was haben sie sich verliebt? Wenn sie vorwiegend das Schwierige sehen, kann dieser Perspektivenwechsel schon nach ein, zwei Gesprächen vieles verändern.

«Wenn beide es wirklich wollen, können Paare auch nach einer tiefen Krise wieder zueinander finden.»

Und was tun, wenn jemand gerne in eine Paarberatung gehen würde, die/der andere aber nicht?
Wir haben ein systemisches Verständnis. Die-/derjenige, der etwas verändern möchte, kann auch alleine eine Beratung aufsuchen. Wenn ich an meinen Themen arbeite, macht das etwas mit dem ganzen System. Da kommt etwas in Bewegung.

Ob man eine Beratung machen kann, ist auch eine Kostenfrage.
Natürlich. Man muss sich das leisten können und wollen. Wir haben in unsere eigenen Entwicklungsprozesse sicher schon je den Gegenwert eines Kleinwagens investiert. Aber wir haben so viel an Lebensqualität und Lebendigkeit gewonnen, dass es das uns einfach wert war.

Was, wenn sich ein Paar eine Beratung wirklich nicht leisten kann?
Sollte es  finanziell wirklich nicht ausreichen, sind wir bereit, im Preis etwas entgegenzukommen. Wenn selbst das nicht geht, gibt es im Kanton Bern zum Beispiel die Möglichkeit, bei der Ehe- und Familienberatung eine kompetente Beratung in Anspruch zu nehmen. Die Kosten sind dort in dem Sinne moderat, als dass man als Paar das zahlen kann, was möglich ist. Weitere kostengünstige Beratungen bieten auch die reformierte und katholische Kirche an.

Das Geld ist das eine, aber es ist ja auch eine zeitliche Investition.
Das stimmt natürlich, gerade für Paare mit Kindern. Aber die Paare kommen ja nicht wöchentlich zu uns, vielleicht im Dreiwochen- oder gar Monatsrhythmus. Sie erhalten Impulse und Fragestellungen, so dass sie auch ohne uns im Alltag weiter an ihren Themen arbeiten können. Dann ist es gar nicht mehr so eine grosse Investition, weder zeitlich noch finanziell. Zudem sehen wir unsere Dienstleistung auch als Prävention – körperlich und geistig.

«Wir legen immer wieder den Fokus aufs Verbindende. Was sind die Ressourcen dieses Paares? In was haben sie sich verliebt?»

Was ist der Unterschied zwischen Paarberatung und Paartherapie?
Methodisch gibt es kaum Unterschiede. Wir nennen unser Angebot Beratung, weil wir zum einen keine Psychologen sind, aber vielmehr, weil Therapie etwas «Krankes» voraussetzt, dass geheilt werden muss. Wir sehen eine negative Paardynamik nicht als etwas Krankes an. Für viele Paare klingt «Beratung» einladender als «Therapie» und wirkt niederschwelliger. Wichtig ist die Professionalität. Wenn sich bei uns zeigt, dass eine pathologische Störung vorliegt (z.B. eine Depression), dann verweisen wir an eine Psychologin oder eine Psychiaterin aus unserem breiten Netzwerk.

Wie findet man eine seriöse und für sich passende Beraterin oder einen Berater? Schliesslich sagt eine Website nicht wirklich viel aus. Bei der Paarberatung ist die Anfangsinvestition so gross, dass es wirklich passen sollte.
Wir machen bewusst ein Erstgespräch, das günstiger ist als ein regulärer Termin. Dabei geht es um ein gegenseitiges Kennenlernen. Das Wichtigste ist, dass die Leute sich wohl, gut aufgehoben und ernstgenommen fühlen. Erst danach sollen sie sich entscheiden, ob sie in diesen Prozess einsteigen wollen. Für diesen Entscheid sollen sie sich nochmals Zeit nehmen.

Was ist der Vorteil einer Paar-zu-Paar-Beratung? Warum soll ein Paar, das sich Hilfe holen möchte, nicht einfach zu einer Einzelperson? Das wäre ja auch günstiger.
Wenn ein Paar sich Überlegungen hinsichtlich einer Paarberatung macht, kommt sehr schnell die Frage auf: Gehen wir zu einer Frau oder zu einem Mann? Bei uns fühlen sich Männer und Frauen gleichermassen vertreten. Wir beraten natürlich auch gleichgeschlechtliche Paare oder Non-binäre Menschen. Die Leute geben uns auch das Feedback, dass die Beratung auf Augenhöhe stattfindet; da sitzt ihnen ein Paar gegenüber, das auch seine Themen hat. Das senkt die Schwelle. Wir sind schliesslich ein Paar wie jedes andere auch. Und zuletzt ist es für uns hilfreich, dass wir den Prozess aufteilen können: Einer von uns übernimmt eher die Gesprächsführung, der/die andere kann mehr beobachten und aufnehmen. Vier Ohren, zwei Herzen und vier Augen nehmen mehr wahr.

«Die Leute geben uns auch das Feedback, dass die Beratung auf Augenhöhe stattfindet; da sitzt ihnen ein Paar gegenüber, das auch seine Themen hat. Das senkt die Schwelle.»

Bei der Frage, ob man als Paar zu einem Mann oder einer Frau in die Paarberatung geht, schwingt auch immer ein anwaltschaftlicher Gedanke mit – die Hoffnung, durch mein eigenes Geschlecht werde ich auch besser verstanden und vertreten.
Das mag sein. Es ist jedoch eine Falle der Paarberatung, zu glauben, wir bräuchten jemanden vom gleichen Geschlecht, der uns versteht, damit unsere Partnerin, unser Partner uns endlich versteht oder sich verändert. Wichtiger ist: Was bringt jemand für Muster oder Rollen mit? Welche Tendenzen hat jemand in einem Konflikt? Wir sind – wenn überhaupt – Anwält:in der Beziehung, nicht eines Partners oder einer Partnerin.

Zum Schluss noch eine intime Frage: Was macht ihr mit euren eigenen Problemen? Geht ihr auch in eine Paar-zu-Paar-Beratung?
Im Moment nicht, das ist aber nicht auszuschliessen. Wir haben einen sehr ehrlichen Austausch miteinander und wir wenden jene Methoden an, die wir empfehlen, beispielsweise das regelmässige Paargespräch. Wir muten einander Offenheit zu. Wir tun alles dafür, dass wir uns frei fühlen in dieser Beziehung. Wir haben selber schon viel Selbsterfahrung mit Therapien und Coaching und wir wissen um die jeweiligen persönlichen Stolpersteine. Vieles liegt auf dem Tisch. Aber ansonsten: Wir haben eine Beziehung wie alle Paare und gehen uns auch mal auf den Wecker oder triggern uns gegenseitig. Alles andere wäre ja merkwürdig.

* Nicole Clematide und Mario Mutzner bieten neben ihren individuellen Engagements in der Sozialen Arbeit Paar-zu-Paar-Beratungen sowie Einzelberatungen (Erwachsene und Jugendliche) im Bereich der Beziehungsarbeit an. Zudem führen sie Weiterbildungen für soziale Institutionen durch.
Clematide&Mutzner, Genfergasse 10, Bern. Kosten Paar-zu-Paar-Beratung: 150 Franken fürs Erstgespräch, danach. 240 Franken pro Stunde.

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