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Was es braucht,
damit sich Kinder alleine beschäftigen

Wenn Kinder selbständig spielen, ist das für beide ein Gewinn: die Eltern und die Kinder. Freispiel braucht jedoch meist etwas Anschubhilfe.
1 Apr 2021
Bilder — Ulrike Meutzner (Other Days)**

Oftmals wünschen wir uns, dass das Kind alleine spielt. Das ist ganz natürlich und auch absolut legitim. Dem steht im Wege, dass Kinder Gruppenwesen sind. Wenn dem Kind aber gerade keine Gspändli zur Verfügung stehen, sollte es trotzdem mal möglich sein, dass sich das Kind alleine beschäftigt. Oder?

Gleich vorneweg: Ja, das ist möglich. Und nein, nicht auf Knopfdruck und vermutlich auch nicht so lange, wie wir uns das manchmal wünschen.

Maria Montessori sagte: «Spielen ist die Arbeit der Kinder.» Aber wie gelingt es, dass das Spielen eben die Arbeit, die Tätigkeit der Kinder ist – und nicht die der Bezugspersonen? Und wie schaffen wir es, dem Spiel der Kinder eine solch hohe, schon fast indiskutable Priorität einzuräumen, wie wir es vermutlich mit unserer eigenen Arbeit tun?

Wo darf sich das Kind frei entfalten?

Freies Spielen beginnt bei der Umgebung und unserer Einstellung. Es braucht also zunächst mal etwas Vorbereitung und womöglich auch ein gewisses Umdenken. Das können erste Schritte sein:

  • Eine Ja-Umgebung schaffen: Im Raum, in welchem unser Kind frei spielen darf – und das kann grundsätzlich überall sein, auch draussen –, sollten möglichst keine Gefahren lauern und keine Dinge vorhanden sein, die wir beschützen möchten (die geliebte Vase also besser anderswo hinstellen und den Kleinsten keine Schere hinlegen). Idealerweise befindet sich das Kind in einer «Ja-Umgebung» – sodass wir eben nicht ständig «Nein!» rufen müssen.
  • Freien Zugang ermöglichen: Zudem soll das Kind – ganz nach Montessori – freien Zugang zu altersgerechten, interessanten und anregenden Materialien, Instrumenten und sogenannten open ended Spielsachen haben. Das können Naturmaterialien sein wie Tannzapfen, Steine, Hölzer oder auch Alltagsutensilien (z.B. aus der Küche) wie Löffel, Becher, Schwingbesen, Salatschleuder, Käseraffel und Zahnbürste. Natürlich gibt es auch viele tolle Spielsachen. Von Spielsachen, die eine spezifische Funktion haben, resp. nur eine bestimmte Tätigkeit ermöglichen, rate ich jedoch eher ab. Zu bevorzugen sind open ended Spielsachen, also Spielsachen, die passive Objekte sind und von den Kindern in alles mögliche transformiert werden können und das Spiel der Kinder somit nicht begrenzen – bspw. Bauklötze, Tücher, Tiere und Figuren. Hier gilt jedoch ganz klar: weniger ist mehr. In einer vollgestopften, chaotischen Umgebung haben Kinder oftmals Mühe, einzelne Spielsachen herauszupicken und sich einem vertieften Spielen hinzugeben.
  • Eine Spieleinladung vorbereiten: Wir können auch mal fix einige sogenannte play prompts vorbereiten – z.B. Knete mit Küchenutensilien und Steinchen, Seifenschaum mit Zahnbürste und Lego-Tierli oder ein paar Becher mit unterschiedlich gefärbtem Wasser, Pipetten und Wätteli. Solche Dinge stellen eine Spieleinladung dar, die vom Kind angenommen werden kann (oder auch nicht). Die liebste Spieleinladung von meinen beiden Töchtern ist aktuell Maisstärke mit (gefärbtem) Wasser gemischt (Verhältnis ca. 2:1). Sie lieben es, diese spannende, sich wandelnde Konsistenz selbst zu mischen, sie zu entdecken und hin und her zu schütten.
  • Den Mund halten: Die Betreuungsperson soll dem Kind nichts erklären und es auch nicht anleiten. Das Kind darf seiner Entdeckungslust und Kreativität freien Lauf lassen. Der Raum oder die Spieleinladung sollen also so gestaltet sein, dass wir uns als Bezugsperson wohl damit fühlen, das Kind alleine walten zu lassen. (Weil meine Wohlfühlgrenze bei messy play – also Spielen, das aufgrund der verwendeten Materialien rasch chaotisch werden kann – ziemlich schnell erreicht ist, biete ich meinen Kindern z.B. Fingerfarbe vorzugsweise in der Badewanne an.)

Weitere Tipps zur Umgebungsgestaltung, tollen Spielsachen, Materialien und Ideen für Spieleinladungen findet ihr beispielsweise auf den Blogs The Workspace for Children, The Parenting Junkie und 7 Days of Play.

Auch die Eltern können lernen: loszulassen

Freies Spielen hat ganz viel mit Loslassen zu tun. Mit Loslassen von eigenen Vorstellungen von kindlichem Spiel. Aber vor allem auch mit dem Loslassen des Kindes. Mir hilft dabei, mich von meinen Vorstellungen zu lösen, wie kindliches Spiel aussehen oder was man mit bestimmten Instrumenten oder Spielsachen tun sollte – ich versuche, das Kind und sein Spiel einfach sein zu lassen und zu wertschätzen, was ist. Und ja, das kann auch bedeuten, dass das Kind dann nicht wie vielleicht erhofft mit dem vorbereiteten Seifenschaum Lego-Tierli schrubbt, sondern mit der Zahnbürste Fenster putzt. Möglicherweise bedeutet es auch ein Hin und Her zwischen verschiedenen Tätigkeiten: Die eine Idee führt zur nächsten.

Ist das Kind vertieft im Spiel, soll es das auch bleiben. Wie schwer fällt es da, nicht hinzugehen und zu schauen, was es tut? Vielleicht ärgert es sich, weil etwas nicht funktioniert wie gewünscht. Oder es spricht während dem Spiel und ich verspüre den Impuls, mit dem Kind zu interagieren. Was aber passiert, wenn ich einfach mal abwarte und nichts tue, nichts sage?

Beim freien Spielen geht es nicht um einen bestimmten Output oder eine Erwartung, die damit erfüllt werden soll. Der Fokus liegt ganz auf dem Prozess, auf dem Machen des Kindes. Wir sollten dem möglichst wertefrei und achtungsvoll begegnen und uns zurückhalten – das Spiel des Kindes nicht kommentieren, nicht eingreifen (ausser, es wird absolut notwendig) und nicht loben. Das Kind lernt dabei, dass sein Tun wichtig ist und es dem ungestört nachgehen darf.

Warum es (zunächst) trotzdem Begleitung braucht

Diese Anregungen mögen nun einleuchten oder sogar ganz interessant sein, aber womöglich nicht wirklich umsetzbar. Auch hier gilt: loslassen. Es gibt nicht ein bestimmtes Level an freiem Spiel, das erreicht werden, oder eine bestimmte Vorstellung, die als Ziel dienen soll. Wenn mir die Idee dahinter gefällt und ich mir wünsche, dass mein Kind frei(er) spielt, dann genügt es zunächst, mir dessen bewusst zu werden. Ich kann programmfreie Zeitfenster schaffen, in denen ich nichts zu tun habe. So kann ich bei meinem Kind sein, es begleiten, es aber eben auch (alleine) frei spielen lassen. Wenn mein Kind daran gewöhnt ist, dass ich mit ihm spiele, dann bin ich da, aber lasse in einem ersten Schritt mal das Anleiten des Spiels weg. Ich beobachte, was das Kind tut, welchem Interesse es nachgeht. Tut es erstmal nichts und scheint sich zu langweilen, dann ist auch das okay. Langeweile ist der erste Schritt zum kreativen Schaffen. Ich versuche das auszuhalten. Vielleicht fange ich aber auch selbst ganz gedankenversunken an, etwas mit den vorliegenden Materialien zu tun (etwas einfaches, das das Kind selbstständig auch tun könnte). Das Kind wird sich daran gewöhnen, eigene Ideen umsetzen zu dürfen. Und vielleicht gehe ich dann einfach mal kurz weg (alleine auf die Toilette) und das Kind spielt ohne mich weiter, einfach so – und womöglich auch nur für ein paar Minuten.

Aber das ist schon mal ein Anfang.

Freies Spiel dient nicht nur uns Erwachsenen und ermöglicht uns eine Pause, sondern ist auch förderlich für unsere Kinder. Das Kind kann durch das freie Spielen lernen, Langeweile zu überwinden, Erlebtes zu verarbeiten und ganz bei sich zu sein. Das freie Spiel fördert zudem die Kreativität, die Entscheidungsfreude und stärkt das Konzentrationsvermögen der Kinder. Einen Versuch ist es also wert!

** Authentische Familienfotografie

Die Bilder zu diesem Beitrag stammen von der Berner Fotografin Ulrike Meutzner: www.other-days.ch. Sie fotografiert Familien natürlich und in ihrer Lieblingsumgebung. Ein Porträt und mehr Bilder von ihr findet ihr hier.

* Nicole Bischof

Die Ethnologin und Sprachwissenschaftlerin lebt mit ihrem Partner und den beiden gemeinsamen Töchtern (3,5 und 1,5) in der Stadt Bern. Als ein Instagram-würdiger play prompt von ihrer damals knapp 3-jährigen Tochter alles andere als wie erhofft umgesetzt wurde, hat sie die Magie von freiem Spiel entdeckt.

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