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Geburtsvorbereitung: Was uns niemand gesagt hat

Geburtsvorbereitungskurse in Ehren – aber wir wären froh gewesen um ein paar zusätzliche Infos.
29 Apr 2021
Bilder — Privatarchiv

Habt ihr einen Geburtsvorbereitungskurs besucht? Und wenn ja, habt ihr Euch danach gut gefühlt im Hinblick auf das Abenteuer Geburt? Ich (Eva) habe keine schlechten Erfahrungen gemacht, hätte aber ein paar zusätzliche Infos vor der Geburt definitiv hilfreich gefunden. Weil ich in der Schwangerschaft unverhältnismässig viel Energie in die richtige Atemtechnik und die Suche nach dem besten Kinderwagen gesteckt habe und dafür zu wenig in diese Themen hier. Die Zusammenstellung entstand gemeinsam mit Nathalie Sciarrone*, Doula in Ausbildung aus Zürich.

Vor der Geburt

Die Vorsorgeuntersuchungen: Viele Frauen wissen nicht, dass die Vorsorgeuntersuchungen bei Nicht-Risiko-Schwangerschaften auch problemlos eine Hebamme durchführen kann. In der Regel haben Hebammen mehr Zeit für die Vorsorgeuntersuchungen (bis zu einer Stunde). Zeit, die auch dafür genutzt wird, abzuklären, wie es der Mutter psychisch geht und für die vielleicht «unwichtig» erscheinenden Fragen, die einen dann aber trotzdem nachts wachhalten. Einzig für die grossen Ultraschalluntersuchungen ist ein Besuch bei der Ärztin nötig.

Die Absprache als Paar: Auch wenn es schwierig ist, sich genau vorzustellen, wie sich der Alltag mit Kind verändert: Es ist wichtig, sich als Paar bereits vor der Geburt darüber zu unterhalten, wie die Familienorganisation aussehen soll. Was passiert, wenn ein Elternteil 100 Prozent daheim bleibt? Wie geht 50/50? Wie teilen wir uns die Familienarbeit auf? Was ist Mental Load und wie sorgen wir dafür, dass er nicht nur von einer Person getragen wird? Wer mag, fragt im Freundeskreis, wie das andere Paare machen, wo es klemmt und was gut klappt. Und wer gern methodisch vorgeht, kann sich diese Excel-Liste von Mental-Load-Bloggerin Laura Fröhlich runterladen, um zu sehen, was in den nächsten Jahren so alles an Familienarbeit auf Euch zukommen könnte. Manchmal tendieren Paare dazu, nur bis zur Geburt zu planen. Wenn aber das Baby dann da ist, gehen solche Gespräche im Eifer des Gefechts manchmal (zu) lange vergessen …

Der Geburtsplan: Ein Geburtsplan ist kein Forderungskatalog für die Hebammen im Spital. Vielmehr geht es darum, sich selber mit der Geburt auseinanderzusetzen (Hier eine gute Vorlage eines Geburtsplans), seine Wünsche und Ideen festzuhalten. Auch Vorstellungen bezüglich der mit der Ärztin/Hebamme besprochenen Schmerzmedikation können im Geburtsplan vermerkt werden. Ebenso sollte sich frau zum Stillen schon vor der Geburt Gedanken machen und kann spezielle Wünsche diesbezüglich bereits im Geburtsplan festhalten. Der Geburtsplan kann auch bereits bei einem vorgängigen Besuch der Klinik/des Geburtshauses mit dem Personal besprochen werden.

Während der Geburt

Die Zeit: Der wichtigste Faktor während einer Geburt: Lasst Euch Zeit! Ausser in Notsituationen gibt es keinen Grund, irgendetwas «schnell» entscheiden oder tun zu müssen. Dazu gehören beispielsweise folgende Themen:

  • Sich Zeit nehmen, um während der Geburt mit dem Baby in Kontakt zu treten, sei es gedanklich oder mit Worten. Das Bébé ist an der Geburt massgeblich beteiligt. Dieser Kontakt kann der Gebärenden auch helfen, die Kraft zum Durchhalten zu finden, wenn es schwierig wird.
  • Die Kunst unter der Geburt liegt als Gebärende darin, sich der Geburt hinzugeben und dem Körper statt dem Kopf das Steuer zu überlassen. Das ist leichter gesagt als getan. Aber dem eigenen Körper zu vertrauen, ist schon mal ein guter Startpunkt.
  • Auch die Nabelschnur muss nicht sofort abgeklemmt werden. Nach der aktuellsten Leitlinie der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe wird sogar empfohlen, bis zu 5 Minuten oder länger damit zu warten. Dies aus dem Grund, dass möglichst alles Blut von der Plazenta ins Baby gelangen sollte, das erhöht die Menge an Eisen, die transferiert wird (essentiell für die Entwicklung des Gehirnes etc.).
  • Eine Geburt ist erst zu Ende, wenn die Plazenta geboren ist. Nehmt Euch doch auch ein paar Minuten Zeit, diese Plazenta anzuschauen! Wann hat man sonst wieder die Gelegenheit, ein selbst kreiertes Organ, das 9 Monate lang unser Baby ernährt hat, anzuschauen?

Die Mitsprache: Gebärende sind Kundinnen eines Spitals, eines Geburtshauses, nicht Patientinnen. Das Mitspracherecht gilt immer und es bleibt in der Regel Zeit um Sachen zu besprechen. Notfalls muss sich die Begleitperson dafür einsetzen, dass das Mitspracherecht gewährleistet ist. Allgemein lohnt es sich, bei allen Massnahmen und Entscheidungen unter der Geburt zwei Fragen parat zu haben: Was sind Vor- und Nachteile der Intervention? Und welche Alternativen gibt es? Drei Beispiele:

  • Vaginale Untersuchungen empfinden Gebärende manchmal als sehr unangenehm. Anstatt einfach regelmässig eine solche Untersuchung über sich ergehen zu lassen, kann hier darum gebeten werden, dies nur wenn absolut nötig zu tun.
  • Auch der Anschluss ans CTG empfinden gewisse Frauen als störend. Dann einfach fragen, ob das Gerät für eine gewisse Zeit entfernt werden kann.
  • Je nach Geburtsort sind beispielsweise Wehenpausen stark durchgetaktet. Falls die Wehenpausen länger dauern als vorgesehen, werden rasch medikamentöse Wehenförderer verabreicht. Das kann man auch ablehnen. Allgemein lohnt es sich, beim Besuch des Geburtsorts (Klinik oder Geburtshaus) nachzufragen, wie z.B. im Falle eines schleppenden Geburtsvorgangs gearbeitet wird.

Wenn eine Intervention aus medizinischer Sicht wirklich nötig ist, werden Hebammen oder Ärztinnen schon insistieren – und darauf darf sich die Gebärende dann auch verlassen.

Die Begleitperson: Sei es der Vater des Kindes, die beste Freundin, die eigene Mutter oder eine Doula – die Begleitperson nimmt während der Geburt eine zentrale Rolle ein. Für die passende Musik sorgen, massieren, fotografieren, die Hand halten, trockene Lippen pflegen, Getränke reichen, die Frau umarmen, mit feinen Berührungen stützen oder die Bébé-Nabelschnur durchtrennen … Die Aufgaben sind vielfältig (und die Hebammen werden noch weitere Jöblis auf Lager haben). Wichtig: Allein die Präsenz einer bekannten und vertrauten Begleitperson ist für die Gebärende extrem wertvoll und macht einen grossen Unterschied. Was der/die BegleiterIn sonst noch beachten sollte:

  • Auch die Begleitperson muss zu sich selber schauen. Genug essen und trinken! Wenn Unwohlsein aufkommt, sich besser etwas zurückziehen. Ohnmächtige Väter im Gebärsaal sind keine Erfindung …
  • Bei der Gebärenden abklären, ob sie mit der Betreuung durch die Hebamme zufrieden ist, bei Problemen diese ansprechen.
  • Gerade Männer, die erstmals einer Geburt beiwohnen, müssen wissen: Frauen tönen beim Gebären. Laut! Und das ist gut so!

Nach der Geburt

Die erste Zeit: Auch unmittelbar nach der Geburt ist es wichtig, sich Zeit zu lassen. Die Eltern können darum bitten, die erste Stunde nach der Geburt soweit als möglich alleine mit dem Baby zu verbringen. Falls eine Wundversorgung nötig ist (z.B. wegen Dammriss) kann das Bonding auch währenddessen stattfinden, für die erste Stillmahlzeit und die Überwachung der Gebärmutter-Rückbildung empfiehlt sich ebenfalls die Begleitung durch die Hebamme. Messen und Wägen des Babys beispielsweise können aber gut warten.

Das Baby auf der nackten Haut zu haben, ist sehr wertvoll fürs Bonding, sowohl beim Papa wie bei der Mama, das Baby kann damit seine Körpertemperatur besser regulieren. Der Mutter hilft das dabei ausgeschüttete Hormon Oxytocin ausserdem bei den Nachwehen und fürs Stillen.

Das Wochenbett: Die Wichtigkeit des Wochenbetts ist in unserer Gesellschaft leider in Vergessenheit geraten. In den ersten 6 bis 8 Wochen nach der Geburt sollte sich die Mutter soweit als möglich erholen. Leider reicht auch der neue zweiwöchige Vaterschaftsurlaub da nicht wirklich weit, es lohnt sich jedoch für die ganze Familie, in dieser Zeit nach Lösungen für möglichst viel Unterstützung zu suchen.

  • Ist es nicht irgendwie erschreckend, dass im Spital jede und jeder, die Deinen Namen kennt, unangemeldet ins Zimmer spazieren kann? Das ist ja, wie wenn daheim einfach alle in die Wohnung spazieren könnten … Wer damit auch Mühe hat, soll beim Empfang deponieren, dass Besuch nur nach Voranmeldung aufs Zimmer gelassen werden soll.
  • Am dritten Tag nach der Geburt fallen die Hormonwerte der Mutter stark ab, das führt meistens zu einem Stimmungstief. Mutter und Partner sollten sich bewusst darauf einstellen. Länger andauernde Stimmungsschwankungen unbedingt mit der Nachsorgehebamme oder der Ärztin besprechen!
  • Die erste Woche nach der Geburt sollte die Mutter ausschliesslich im Bett verbringen. Schliesslich hinterlässt die abgelöste Plazenta eine tellergrosse Wunde in der Gebärmutter und die Organe müssen wieder an ihren Platz zurückfinden! Also nichts mit Wäsche machen, kochen und Baby herumtragen in dieser Zeit …
  • Besuchende im Wochenbett sollten die Funktion von Mitarbeitenden übernehmen – und keinen «normalen Besuchsservice» erwarten. Gerade wenn noch weitere Kinder im Haushalt leben, können Dinge wie Wäsche zusammenfalten, Nachtessen vorbeibringen oder Einkaufen an Freunde und Familie ausgelagert werden. Die meisten helfen gerne mit, wenn sie eine konkrete Aufgabe erhalten.

Die Geburtsverarbeitung: Manchmal dauert es Wochen oder Monate, bis es ein Thema wird, aber viele Frauen haben das Bedürfnis, sich  noch einmal bewusst mit der Geburt auseinanderzusetzen. Hierzu kann die Hebamme um ein Nachgespräch angefragt werden. Ebenfalls können Geburtsbericht, Partogramm und Wochenbettbericht vom Spital oder Geburtshaus angefordert werden, die einem bei der Verarbeitung unterstützen können.

Die Verhütung: Einige Paare haben bald nach der Geburt wieder Geschlechtsverkehr, andere ganz lange nicht. Was auch immer für euch stimmt: Die Verhütung sollte von Anfang an geregelt sein. Diskutiert das Thema zu zweit, Verhütung ist auch Männersache! Sei es, dass er sich um den Kondomnachschub kümmert, sich mit den Nebenwirkungen von Pille oder Spirale auseinandersetzt oder eine Vasektomie durchführen lässt, die Möglichkeiten sind vielfältig.

Auf der Website von Anyworkingmom ist kürzlich eine Zusammenstellung von Tabus bei der Geburt erschienen – auch das eine hilfreiche Vorbereitung.

Was hättet ihr gerne vor der Geburt schon gewusst?

Vielen Dank an Miriam Hurni (Hebamme aus Schüpfen) fürs Gegenlesen des Textes!

Nathalie Sciarrone

In den Augen von Nathalie Sciarrone sollte jede Gebärende eine 1:1-Betreuung unter der Geburt erleben dürfen. Als Doula spannt sie den Bogen von der Schwangerschaft über Geburt bis danach als Begleiterin auf Zeit. Es ist eben nicht egal, wie wir geboren werden. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und düst mit dem Velo von Wöchnerin zu Wöchnerin.
Bild: Bettina Ehrismann

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15. Juni 2021
Liebe Claudia Goldrichtig :) Ein Befund kann natürlich auch demotivieren, genauso wie wenn man ständig auf die Uhr schaut (gewisse Gebärzimmer haben tatsächlich Uhren an der Wand). Das würde ich auch im Voraus beim Hebammengespräch erwähnen – die Gebärende darf ihre Meinung unter der Geburt natürlich immernoch ändern.
7. Juni 2021
Claudia
Mich hat meine Doula darauf hingewiesen, dass die Hebamme mir nicht zwingend sagen muss, wie weit mein Muttermund geöffnet ist, resp., dass ich auf dieses Wissen verzichten darf. Mir wäre das nie in den Sinn gekommen, hat mir aber sehr geholfen, mich mehr auf meinen Körper zu fokussieren als auf eine Zahl. Vielleicht hilft es einer anderen Frau auch ;-)