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Wie habt ihr das damals gemacht? – Stillen und Füttern

Wer ein Kind bekommt, fragt sich manchmal: Wie haben das unsere Eltern bloss geschafft? Wir haben nachgefragt. Teil 1: Stillen und Füttern.
13 Mai 2018
Bild — Bruna Casagrande

Elda

68, Pharmaassistentin, pensioniert. Zwei Söhne (1976 und 1978), ein Grosskind.
«Beide Jungs habe ich nur ein paar Wochen gestillt; diese Prozedur mit Wiegen, jedes Mal, war mir schnell zu mühsam, gerade beim zweiten Kind. Mein jüngerer Sohn weinte 9 Monate lang praktisch Tag und Nacht. Zuerst dachten wir an eine Hüftdyplasie, an Dreimonatskoliken. Erst sehr spät fand ich den Grund heraus, der so profan wie traurig war: Das arme Kind bekam zu wenig Milch und hatte Hunger! Er war ein relativ grosses Baby und brauchte einfach mehr, als der Standard vorsah. Er war mit 6 Monaten gleich gross wie sein älterer Bruder mit jährig, er war weit über der 99. Perzentile. Damals war man wahnsinnig streng mit den Fütterungszeiten. Ja nicht mehr als alle 4 Stunden! Heutzutage kann man darüber den Kopf schütteln, mir geht es nicht anders. Aber ich war in der Mütternschule, ich hatte zwei Kinderärzte gefragt, die Säuglingsschwester, überall wurde mir das ganz strikte gesagt. Als junge Mutter glaubt man das!

«Nach 9 Monaten war ich praktisch am Boden.
Der Kleine schrie pausenlos»

Nach 9 Monaten war ich praktisch am Boden. Der Kleine schrie pausenlos. Einmal sagte mir eine Nachbarin im Gang: Wenn ich dich nicht kennen würde, würde ich denken, dass du dieses Kind misshandelst. Das hat mich extrem getroffen. Ich hatte ja auch noch meinen grösseren Sohn, die beiden sind nur 18 Monate auseinander. Schliesslich suchte ich Rat bei meiner Schwiegermutter, die Gynäkologin war; ich erhoffte mir irgend einen Rat. Das einzige, was sie zu mir sagte, war: Wenn du nicht fähig bist, für dieses Kind zu sorgen, so gib es weg! Ich war am Boden zerstört.

Letztlich half mir eine erfahrene Kinderkrankenschwester weiter, die ich in meiner Verzweiflung aufsuchte. Sie schaute meinen Sohn an und sagte als Erste: Geben Sie diesem Büblein mehr Milch! – Nach einigen Tagen schlief er durch und fing an zu lachen. Hunger ist für Kinder ein Schmerz, sagte mir ein Kinderarzt. Im Nachhinein hätte ich mich ohrfeigen können.»

Susanne

62, gelernte Keramikmalerin, Aktivierungsfachfrau, frühpensioniert. Zwei Töchter (Jg. 78 und 81), vier Grosskinder.
«Ich bekam meine Kinder, als noch die letzten Ausläufer der Hippiezeit spürbar waren. Wir waren viel draussen, unsere Kinder trugen selbstgenähte Kleider, wir waren eine der ersten Familien im Quartier, die ihr Kind in einer Trage herumtrugen, diese hiess Snuggly, und wir hatten sie über das ‹A-Bulletin› bestellt, einem alternativen Magazin. Wegwerfwindeln kamen damals erst richtig auf. Ich verwendete noch Stoffwindeln.

Es gab damals zwei Pole: Eher freakige Familien wie wir, und daneben die sehr konservativen. Die Flasche zu geben statt zu stillen war damals völlig normal, niemand hätte deswegen ein schlechtes Gewissen gehabt.

Meine erste Tochter kam 6 Wochen zu früh zur Welt. Sie war gesund, wog aber nur 2 Kilo und hatte nicht genug Kraft zum Trinken und bekam anfangs die Muttermilch mit der Sonde. Nach der Geburt lag sie zwei Wochen im Spital in einem Wärmebettli. Ich habe daheim die Milch abgepumpt und ihr dann im Spital den Schoppen gegeben. Die Milchpumpe hatte ich aus der Apotheke, das war ein Riesending. Die Trennung von meiner neugeborenen Tochter finde ich noch heute schlimm. Damals wurde dies so gehandhabt. Anstatt dass sie elterliche Körperwärme erhielten, wurden die Babys allein im Spital gelassen.

«Die Flasche zu geben
war damals völlig normal»

Bei meiner zweiten Tochter habe ich länger gestillt, etwa 6, 7 Monate lang. Ich kann mich gut erinnern, wie mir meine Schwiegermutter sagte, ich solle doch endlich aufhören mit dieser Stillerei, ‹das zehrt dich doch auf!› Meine zweite Tochter schlief sehr schlecht. Deshalb hörte ich auch oft den Rat, ihr einfach mal einen dicken Schoppen zu geben. Gestillt und geschöppelt wurde damals ziemlich strikte nach Plan. Ergänzt wurde später mit Brei.

Damals hat man viel länger Spezialnahrung gegeben; heute essen die Kinder viel früher vom Tisch mit. Breigläser gab es schon damals zu kaufen, aber das war verhältnismässig teuer. Heutigen Müttern würde ich raten, sich nicht auch noch diesen Stress mit dem selbstgemachten Brei zu machen, es muss nicht alles perfekt sein, kauft doch einfach mal ein Gläsli!»

Liselotte

69, gelernte Laborantin, pensioniert. Zwei Söhne (Jg. 79 und 80), zwei Grosskinder.
«Gefüttert wurde damals genau nach Schema: Zu einer fixen Zeit, alle vier Stunden, zudem wurden die Kinder vorher und nachher gewogen und das Gewicht in einem Büchlein festgehalten. Gemeindeschwester Ida, welche uns in der ersten Zeit begleitete, hat das immer genau kontrolliert. Ich habe beide Söhne nicht sehr lange gestillt, etwa drei Monate. Sie waren beides faule Trinker und ich musste immer nachschöppelen, weil sie ständig einschliefen an der Brust.

«Ich hielt mich genau ans Schema»

Ein Erlebnis hat sich bei mir eingebrannt: Als der Ältere etwa 4 Monate war, reisten wir nach Israel. Der Bub hat nachts immer geschrien. Meine Freundin, bei der wir zu Besuch waren, sagte mir: Jetzt gib dem Kind doch einen Schoppen! Aber ich hielt mich genau ans Schema. Das tut mir heute leid, heute würde ich mehr nach dem Gefühl gehen und vieles spontaner machen. Aber damals hörte ich auf die Kinderschwester, und die war in dieser Hinsicht streng. Man befürchtete damals auch, ein dickes Kind zu bekommen, wenn man die Babys überfüttert.»

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