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Wie sag ichs
meinem Kind?

«Halt dich gut fest» statt «Fall nicht runter»: Wie kleine Änderungen in der Wortwahl die Beziehung zu unseren Kindern positiv beeinflussen.
17 Aug 2018
Foto — Sarah Pfäffli

Alle Eltern kennen das: Sie fordern ihre Kinder x Mal auf, etwas zu tun, und nichts geschieht. Auf der anderen Seite warnen sie ihr Kind vor etwas – und schon passiert es. Beide Situationen haben damit zu tun, dass ihre Botschaft anders oder gar nicht beim Kind angekommen ist. Mit einer bewussten Sprache können wir dies wandeln. Denn: Worte wirken – und schaffen Wirklichkeit.

Der Vater ist soeben eine halbe Stunde in der Küche gestanden und hat für die Familie gekocht. Nun wünscht er sich, dass sich alle zum Essen an den Tisch setzen. Ob und wie schnell dies geschieht, hängt wesentlich von seiner Wortwahl ab.

Wie sprechen wir unsere Kinder an? Rufen wir einen diffusen Aussagesatz durch die Wohnung («Wir können jetzt essen!»)? Oder gehen wir zu den Angesprochenen hin und verwenden dann einen konkreten Aufforderungssatz («Elea und Noah. Das Essen ist fertig. Bitte kommt an den Tisch!»)? Unsere Wortwahl macht den Unterschied. Geben wir den Kindern zudem fünf Minuten Zeit, um unseren Aufforderungen zu folgen, bringt das zusätzlich Ruhe – auf beiden Seiten.

Ohne Füllwörter stärken wir unsere Botschaft

Wir leben in einer Welt der Füllwörter. «Eigentlich», «irgendwie», «vielleicht» oder «ein bisschen» kommen in fast jedem gesprochenen Satz vor. Für Eltern und Pädagogen ist es besonders wertvoll, wenn sie sich der schwammigen Wirkung dieser Füllwörter bewusst sind.
Ein «eigentlich» verkehrt den Inhalt einer Aussage ins Gegenteil und macht uns unglaubwürdig. «Eigentlich solltest du jetzt ins Bett gehen» wird als Aufforderung daher wirkungslos bleiben.
Ebenso halten wir mit einem «vielleicht» sprachlich eine Hintertür offen, die Kinder verunsichert. Die Aussage «vielleicht gehen wir morgen in die Badi» lässt sie im Ungewissen darüber, was geschehen wird. Wenn ich erkläre, dass wir bei sonnigem Wetter in die Badi gehen und andernfalls Tante Annette besuchen, wissen sie, woran sie sind.

Unsere linke Hirnhälfte versteht Sprache und Logik. Unsere rechte Hirnhälfte jedoch denkt in Bildern und lässt Gefühle entstehen. Beim Satz «Spring nicht auf die Strasse!» entsteht im Kind unweigerlich das Bild, wie es auf die Strasse springt. Ein Bild, eine Visualisierung, strebt immer danach, Wirklichkeit zu werden. «Michael, bleib auf dem Trottoir!» ist in diesem Beispiel die sichere, zielführende Aussage.

«Sitz ruhig auf dem Stuhl, sonst fällst du runter» ist eine wohl gemeinte Warnung, die genau dazu führt: Das Kind fällt vom Stuhl.

Ungewollte Bilder kreieren wir jedoch auch mit Äusserungen, die grammatikalisch positiv formuliert sind. «Zieh die Jacke an, sonst wirst du krank» oder «Sitz ruhig auf dem Stuhl, sonst fällst du runter» sind wohl gemeinte Warnungen, die genau dazu führen: Das Kind wird krank oder fällt vom Stuhl. Wenn die ungewollte Situation prompt eintritt, sagen wir «Siehst du, ich habe es dir gesagt». Genau! Nichts ahnend haben wir mit unserer Sprache dazu beigetragen. Positiv kommunizieren heisst: Negationen vermeiden und von den erwünschten Resultaten sprechen.

Eine bewusste Sprache hilft nicht nur dabei, dass Kinder den Aufforderungen von Erwachsenen lieber Folge leisten. Oft kann die Sprache belastende Situationen verändern, die auf den ersten Blick nichts mit Worten zu tun haben. Wenn Kinder etwa oft Grenzen überschreiten, kann es daran liegen, dass die Eltern die Grenze zwischen ihnen und ihrem Kind nicht wahren. Ein Indikator dafür sind häufig verwendete Häng- und Ziehwörter wie «Ich hänge an …», «Ich lebe in einer Beziehung» oder «Ich fühle mich dir verbunden», aber auch der Begriff «mein Kind». Wer darauf achtet und seine Sprache wandelt, verändert damit auch die entsprechende Situation.

«Ich will» – das Tabu-Thema

Beim Satz «Mami, ich will ein Eis haben!» schrecken wohl die meisten von uns gewohnheitsmässig auf und korrigieren den Sprössling: «Sag, du hättest gerne ein Eis.» Unsere eigenen Eltern haben uns früh abgewöhnt, «ich will» zu sagen. Es gilt als unhöflich zu wollen. Und so bringen auch wir unseren Kindern bei, das viel schwächere «ich möchte» oder «ich hätte gerne» zu verwenden. Bloss: Diese grammatikalische Form heisst auch Irrealis und wird korrekterweise nur dann eingesetzt, wenn etwas zurzeit nicht möglich – eben unwirklich – ist. Damit befördern wir das, was wir wollen, ins Land der unerreichbaren Wünsche. Wir gewöhnen unseren Kindern das Wollen ab und sind erstaunt, wenn sie nach der Schule nicht wissen, was sie lernen wollen. Ich plädiere dafür, unsere Kinder wollen zu lassen. Mit dem Zauberwort «bitte» ist das formvollendet höflich. Und wir lassen unseren Nachwuchs zu Personen reifen, die wissen, was sie wollen.

Wir gewöhnen unseren Kindern das Wollen ab und sind erstaunt, wenn sie nach der Schule nicht wissen, was sie lernen wollen.

Mit einer bewussten Sprache verändern wir unsere Wirklichkeit und bringen Wertschätzung in unsere Familie. Wie, lässt sich lernen. Dabei gilt jedoch: Wir können nur eine sprachliche Verbesserung nach der anderen angehen. Das zu tun, braucht Zeit und Geduld. Vergessen wir dabei den Anspruch, nur noch bewusst mit Ihren Kindern zu sprechen: Jede Mutter, jeder Vater wird ab und zu genervt durch die Wohnung rufen. Das ist in Ordnung so! Seien wir milde mit uns selbst! Damit ist uns und den Kindern ebenso gedient wie mit einem erhöhten sprachlichen Bewusstsein.

* Die Autorin Karin Schrag bietet Sprachkurse für Eltern an und hält zum Thema auch Impulsreferate (aktuelle Daten findet ihr hier). Ihre praktischen Tipps für mehr Ordnung (Karin Schrag ist Aufräumcoach!) könnt ihr in diesem hilfreichen und beruhigenden Interview nachlesen: «Verzeihen Sie sich die aktuelle Unordnung»

www.freiraeumen.ch