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Wie verhindern, dass mein Kind mobbt – oder gemobbt wird?

Der Schulsozialarbeiter und Autor Felix Rauh erklärt im Interview, wie wir früh ein gesundes Fundament gegen Mobbing legen können.
8 Feb 2022
Illustrationen — Elise Gravel

Felix Rauh*, wir erhielten vor einiger Zeit die Meldung, dass in unserem Kindergarten ein Kind mehrfach ausgeschlossen worden sei. Wir Eltern wurden dann aufgefordert, mit unseren Kindern über Mobbing zu sprechen. Wir waren etwas ratlos. Gibt es Mobbing wirklich schon auf dieser Stufe?
Ja, das zeigt auch die Forschung, beispielsweise der Berner Entwicklungspsychologin Françoise Alsaker. Bei vielen Kindern in diesem Alter fehlt zwar oft noch das zielgerichtete, systematisch-planerische Vorgehen, das für Mobbing nötig ist. Aber Mobbing kann durchaus bereits im Kindergartenalter vorkommen. Beispielsweise durch Isolieren als Machtmittel. Kinder im Vorschulalter und in den ersten Schuljahren brauchen weder «böswillig» noch «berechnend» zu sein, um andere zu verletzen.

Was bringt sie dann dazu, ein anderes Kind zu plagen?
Sie brauchen nur zu merken, dass es wirksam ist. Kinder im Kindergartenalter beginnen erst, das Zusammenleben in einer grösseren, unfreiwillig formierten Gruppe zu erlernen. Auch dafür wichtige Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen, Respekt, Aggressionskontrolle und Rücksichtnahme müssen sie noch trainieren. Es liegt an uns Erwachsenen, Eltern, Lehrkräften, Trainer:innen im Verein, verletzendes Verhalten und Mobbingtendenzen früh zu erkennen und den Kindern beim Erlernen von prosozialen Kompetenzen zu helfen. Es gilt zu verhindern, dass sich stabile, negative Muster entwickeln.

«Erst die duldende Gruppe ermöglicht Mobbing. Deshalb ist Mobbing ein Gruppenphänomen.»

Das heisst, Mobbing ist nicht einfach das Problem eines einzelnen Kindes, das mobbt, sondern eines ganzen Systems?
Ja. Greifen Kinder ein einzelnes an, aber alle anderen in der Gruppe sagen «Stopp, hört auf!», dann hören die Angriffe meist wieder auf. Ganz einfach darum, weil es sich nicht lohnt. Erst die duldende Gruppe ermöglicht Mobbing. Deshalb ist Mobbing ein Gruppenphänomen. Und deshalb sind auch jene mitverantwortlich, die nichts tun. Stellung zu beziehen zu einem Thema, bei dem man sich eigentlich bequem raushalten könnte, ist eine sehr hohe Anforderung und benötigt Zivilcourage. Zivilcourage im Alltag aktiv zu leben fordert auch uns Erwachsene. Dabei haben wir gegenüber Kindern einen grossen Vorteil: Wir können die Gruppe, den Verein verlassen, wenn wir uns nicht mehr wohl fühlen. Diese Freiheiten und Möglichkeiten haben Kinder nicht.

Wie kann ich als Mutter verhindern, dass mein Kind Ziel von Mobbing wird – oder selber mobbt?
Sobald ein Kind die Wohnung verlässt, ist es nicht mehr unter ihrer Kontrolle. Das Kind soll sich ausprobieren und Eigenständigkeit entwickeln können. Das Kind wird dabei auch Misstritte machen und ist auf Resonanz, auf Stoppsignale und Hilfe von Gleichaltrigen und Erwachsenen angewiesen – so kann es lernen. Also: Ganz verhindern kann man es nicht. Aber Eltern können viel dafür tun, dass es nicht dazu kommt, und das auch schon sehr früh.

Zum Beispiel?
Indem wir unser eigenes Verhalten in der Familie reflektieren und gute Vorbilder sind. Wie sprechen wir am Esstisch über Leute, die anders denken? Haben wir einen wertschätzenden Umgang miteinander? Wie gehen wir mit Meinungsdifferenzen um? Wie streiten wir? Werden in unserer Familie die Anliegen der Kinder gehört? Wichtig ist, nicht erst im Problemfall über Konflikte und Mobbing zu sprechen, sondern frühzeitig. Es gibt tolle Kinderbücher, die Zivilcourage, Freundschaft, Neid, Streit, Verschiedenheit und Versöhnung thematisieren. Wenn Sie eine solche Geschichte vorlesen, können Sie ihrem Kind altersgerechte Fragen stellen: Hast du auch schon so etwas erlebt oder beobachtet? Hast du dich auch schon mal neu oder alleine gefühlt? Wo? Wer hat dir helfen können, und wie? Hast du auch schon jemandem helfen können, wie? Fühlen sich in deiner Klasse alle wohl oder steht jemand am Rand? Ist es dieser Person wohl dabei, oder würde es sie sich anders wünschen? Wie kann man merken, ob sich jemand traurig fühlt? Wie würdest du dich fühlen, wenn …? Sprechen Sie mit ihrem Kind darüber, was Spass ist und wann «Spass» eine Ausrede für verletzendes Verhalten ist.

«Wer selber gemobbt wurde, wird vielleicht besonders stark reagieren, und es braucht ein gutes Bewusstsein, um die eigenen Ängste und Erfahrungen nicht automatisch zu übertragen.»

Kinderbücher und ein bewusster Umgang mit Andersartigkeit zuhause können helfen, Mobbing vorzubeugen. Was sonst?
Hilfreich ist eine Erziehung, die einerseits von emotionaler Wärme und Geborgenheit geprägt ist, anderseits aber auch klare Orientierung gibt und Grenzen setzt. Kinder brauchen unser Zuhören, unser Hinschauen, unser Helfen, unser Begleiten, unsere Orientierung und unser Intervenieren. Es ist wichtig, dass Eltern ihren Kindern ermöglichen, eigene Erfahrungen im Austragen von Konflikten zu sammeln, ohne sofort einzuschreiten. Dadurch erhalten die Kinder die Möglichkeit, Strategien für ihr Verhalten bei Streitereien zu entwickeln und ihr Selbstbewusstsein zu stärken.

Warum ist der Selbstwert so zentral im Zusammenhang mit Mobbing?
Selbstwert bedeutet «Ich bin okay wie ich bin», auch dann, wenn mal was nicht gelingt oder wenn ich einen Misserfolg habe. Ich bin wertvoll – ganz egal, was andere sagen oder an mir rummeckern. Durch ein starkes Selbstwertgefühl besteht auch nicht das Bedürfnis, durch Anpassung an negative Gruppennormen um jeden Preis dazuzugehören. Wer sich nicht minderwertig fühlt, braucht nicht andere zu demütigen oder zu beschämen, um dadurch Bedeutung zu erhalten. Wer ein starkes Selbstwertgefühl hat, kann Grenzen setzen, einer betroffenen Person beistehen oder Hilfe holen. Ein starkes Selbstwertgefühl der Einzelnen dient allen Kindern und in vielen schwierigen Situationen.

Über den Selbstwert könnten wir ein eigenes Interview führen … Was sind sonst wichtige Faktoren, um Mobbing vorzubeugen?
Ein starkes soziales Netz ausserhalb der Schule, beispielsweise in der Nachbarschaft oder im Verein, verringert die Verletzlichkeit. Das Kind kann durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen erleben, dass es angenommen ist, dass es seine individuelle Interessen pflegen und seine Stärken zeigen kann.

Mobbing scheint omnipräsent als Thema. Nehmen Mobbingprobleme tatsächlich zu oder ist das einfach ein medialer Trend?
Mobbing gehört leider zum Repertoire menschlicher Verhaltensweisen. Es ist die häufigste Form von Gewalt an unseren Schulen. Je nach Studie machen zwischen 10 bis 35 Prozent der Kinder Mobbingerfahrungen – es handelt sich also nicht um seltene Einzelfälle. Durch Social Media ist das stärker in die Medien gerückt. Einerseits weil Betroffene über ihre eigenen Mobbing-Erfahrungen berichten, beispielsweise Stefanie Heinzmann. Das ist die positive Seite: Durch Social Media kann das Bewusstsein für das Thema transportiert werden. Zu den negativen Seiten der digitalen Kommunikation gehören Cybermobbing und Hate Speech.

«Mobbing ist zum Modewort für «Jemand ist gemein zu mir» geworden. Der Begriff wird oft voreilig verwendet, wenn sich jemand schlecht behandelt fühlt.»

Wann fängt Mobbing an? Oder anders gefragt: Wann sollten wir denn hellhörig werden?
Mobbing ist zum Modewort für «Jemand ist gemein zu mir» geworden. Der Begriff wird oft voreilig verwendet, wenn sich jemand schlecht behandelt fühlt. Im Unterschied zu Streit besteht bei Mobbing ein Kräfteungleichgewicht, und die Übergriffe wiederholen sich über einen längeren Zeitraum. Es gibt typische Situationen, bei denen wir als Erwachsene hinschauen sollten. Beispielsweise: Ein dominanteres Kind wird von anderen bewundert und sie passen sich ihm auffällig stark an. Oder: Ein Kind setzt sich auch gegen rüdere Attacken nicht zur Wehr. Oder: Ein Kind setzt seine Interessen durch emotionale Erpressung durch und gewinnt dadurch an Macht («spiele nicht mit dieser Person, sonst bist du nicht mehr meine Freundin»). Oder: Streitereien richten sich gezielt gegen Einzelne, und Kinder müssen in der Gruppe spezifische Rollen einnehmen, um nicht selber ins Abseits zu geraten.

Würde ich meinem Kind anmerken, wenn es Mobbing erlebt?
Nicht zwingend. Jedes Kind reagiert, leidet oder äussert sich anders. Möglicherweise kommt das Kind wütend nach Hause, wirkt bedrückt oder zieht sich zurück. Hören Sie aufmerksam zu, wenn das Kind von sich aus auf Sie zukommt. Schaffen Sie in der Familie eine Atmosphäre, in der alle ihre Erlebnisse erzählen können – auch wenn sie vielleicht mit Scham oder Angst behaftet sind.

Was tun, wenn mein Kind erzählt, es werde immer ausgeschlossen und andere Kinder wollten nie mit ihm spielen?
Das Kind will Erlebnisse teilen, Wut abladen oder Ohnmacht artikulieren. Nehmen Sie sich Zeit und hören Sie aufmerksam zu, manchmal genügt das schon. Auch wenn die Schilderungen Sie traurig oder wütend machen – bleiben Sie ruhig und gefasst. So geben Sie ihrem Kind Sicherheit. Notieren Sie sich Einzelheiten, aber achten Sie sich darauf, dass das Gespräch nicht zu einem Verhör wird. Verharmlosen Sie nicht und vermeiden Sie voreilige Ratschläge. Sollte das Kind eine Strategie benötigen, können Sie helfen, diese gemeinsam zu entwickeln. Beobachten Sie, ob sich solche Vorfälle immer wieder ereignen, ob es immer wieder ums gleiche Thema geht. Ist es immer die gleiche Konstellation von Personen? Oder taucht das Problem in wechselnden Konstellationen auf? Intervenieren Sie nicht über den Kopf des Kindes hinweg.

Als Elternteil möchte ich das Problem natürlich sofort lösen und meinem Kind helfen.
Das ist verständlich. Oft fühlen sich Eltern von ihren eigenen Erinnerungen und Erfahrungen zurückversetzt. Wer selber gemobbt wurde, wird vielleicht besonders stark reagieren, und es braucht ein gutes Bewusstsein, um die eigenen Ängste und Erfahrungen nicht automatisch zu übertragen. Wenn man als Elternteil merkt, dass eigene Erinnerungen hochkommen, kann man sich damit beruhigen, dass es nur selten nötig ist, sofort zu reagieren. Schlafen Sie darüber und tauschen Sie sich mit der Partnerin, dem Partner oder Freunden aus. Das kann etwas Druck wegnehmen und die Sichtweise erweitern. Viele Situationen lösen sich von selber wieder auf. Wenn nicht, gibt es verschiedene Wege, etwas zu verändern.

«Intervenieren Sie nicht über den Kopf des Kindes hinweg.»

Welche denn? Mit den anderen Eltern sprechen? Zur Lehrperson gehen?
Das ist stark alters- und kontextabhängig. Kennen wir die anderen Eltern schon, oder sind das Fremde für uns? Scheint die Lehrperson eine Affinität zum Thema zu haben? Nimmt die Lehrperson mein Kind treffend wahr? Faktoren wie diese beeinflussen die weiteren Schritte.

Wo kann ich mich denn beraten lassen, wenn ich nicht weiss, was der richtige Weg ist?
Sie können mit der Klassenlehrperson ein Gespräch auf Erwachsenenebene führen, das nicht direkt zu Folgen für Kind oder Klasse führen soll. Dabei können Sie sich darüber unterhalten: Was nehme ich wahr, was beobachtet die Lehrperson? Welche Schritte könnten passend und hilfreich sein? Die Schulsozialarbeit ist nahe an der Schule aber nicht täglich in der Klasse. Sie kennt die Problematik, kann die Situation aus etwas Distanz einordnen helfen und Hilfsangebote machen. Wichtige ausserschulische Ressourcen sind die Erziehungsberatungsstelle sowie Fachstellen für Gesundheitsförderung.

Was, wenn mein Kind noch jünger ist und ich einen Vorfall mit den anderen Eltern besprechen möchte?
In der Fachliteratur wird davon abgeraten, direkt mit den Eltern in Kontakt zu treten. Denn es besteht die Gefahr, dass sich die kontaktierten Eltern aus Überraschung und Betroffenheit reflexartig verteidigen. Dann ergibt so ein Gespräch wenig Sinn. Wenn Sie die Eltern trotzdem kontaktieren möchten: Kennen Sie die anderen Eltern bereits etwas? Ist das leidende Kind mit dem Schritt einverstanden oder darüber informiert? Wichtig ist: Kontaktieren Sie die Eltern nicht in einer emotional aufgewühlten Stimmung. Wählen Sie einen guten Zeitpunkt für ein ungestörtes Gespräch auf Erwachsenenebene. «Unser Kind hat xy erzählt. Ist das bei ihrem Kind auch ein Thema? Was können wir tun, damit sich die Sache gut entwickelt?» Dann kann man abmachen, welche Schritte für beide Seiten stimmig sind und dass man in einigen Wochen wieder telefoniert um den Stand der Dinge zu besprechen. Schuldzuweisungen sind unnötig, denn Eltern sind nicht schuld, wenn so etwas passiert. Aber sie haben die Verantwortung darüber, wie sie damit umgehen. Wenn Eltern mit ihrem Kind über das verletzende Verhalten sprechen, merkt es, was den Eltern wichtig ist und auf was sich die Eltern verlassen möchten. Dabei ist es oft nicht einmal nötig, den Namen des leidenden Kindes zu benennen. Aber Sie sehen: Das erfordert Eltern, die eine Meldung mit der nötigen Sensibilität behandeln. Das ist leider nicht immer gegeben. Daher fragt sich, ob es andere Erwachsene gibt, die aufgrund ihres Berufs oder ihrer Funktion nahe an der Situation sind und helfen könnten.

Was können Eltern, die selber gemobbt haben, ihren Kindern mit auf den Weg geben?
Erzählen Sie ihrem Kind von ihrer Vergangenheit und was Sie bereuen. Fragen Sie ihr Kind, was es über ihr negatives Verhalten denkt und wie es sich stattdessen verhalten würde. Welche schwierigen Situationen hat das Kind in seiner Klasse bereits beobachtet? Was könnte es anders oder besser tun als Sie damals? Sie wirken damit authentisch, ehrlich und zeigen Ihrem Kind, dass Ihnen das Wohlergehen aller wichtig ist.

«Auch ein Kind, das mobbt, hat Wertschätzung verdient – nicht sein Verhalten, aber das Kind als Mensch.»

Das ist jetzt eine heikle Frage, ich will kein «Victim Blaming» betreiben. Aber kann es sein, dass auch das betroffene Kind teilweise Anteil hat an Mobbingsituationen? Wenn mein Kind in wechselnden Konstellationen immer wieder ausgeschlossen wird, beispielsweise?
Für Mobbing trägt immer die Täterschaft die Verantwortung. Ein Kind, das von einer Gruppe über einen längeren Zeitraum schlecht behandelt wird, kann sich nicht aus eigener Kraft aus der misslichen Situation befreien. Jedes Kind kann unabhängig seiner Rolle an seinem Sozialverhalten arbeiten. Hilfreich dazu ist eine ressourcenorientierte Haltung: Mit wem hast du es gut? Welches Verhalten trägt dazu bei, dass wir uns gut verstehen und dass es allen wohl ist? Dieser ressourcenorientierte Ansatz ist jederzeit möglich – auch für Kinder in der Täter:innen-Rolle. Denn ein Kind, das merkt, dass es wertgeschätzt wird und Aufmerksamkeit erhält, ohne Macht auszuüben, muss nicht mobben. Auch ein Kind, das mobbt, hat Wertschätzung verdient – nicht sein Verhalten, aber das Kind als Mensch. Es muss lernen, mit seiner Kraft und seinen Strategien konstruktiv umzugehen.

Was kann Mobbing für Folgen haben?
Eine Person, die systematisch den direkten oder subtilen aggressiven Handlungen anderer ausgesetzt ist, fühlt sich oft hilflos, ohnmächtig, isoliert, erniedrigt. Das kann die Entwicklung eines guten Selbstwertgefühls erschweren und bei Betroffenen tiefe seelische Spuren hinterlassen. Wichtig ist, nicht von «Opfer» zu sprechen, denn der Begriff wird Umgangssprachlich inzwischen beleidigend benutzt, und mit dem Begriff ist zumeist eine Handlungsunfähigkeit verbunden. Ich bevorzuge die Bezeichnung «Betroffene» oder «Gemobbte». Wichtig ist, dem Kind die Gewissheit zu vermitteln, dass es nicht alleine ist. Vermitteln Sie die Zuversicht, dass es sich um eine Phase handelt, die vorüber gehen kann.

Was kann die Schule als «Zwangsgemeinschaft» unternehmen, wenn es zu Mobbing kommt?
Im Gegensatz zu den Eltern hat die Klassenlehrperson in der Schule die Möglichkeit, die Thematik mit der ganzen Gleichaltrigengruppe aufzunehmen. An vielen Schulen haben die Lehrpersonen die Möglichkeit, sich von der Schulsozialarbeit unterstützen zu lassen. Um zu verhindern, dass das betroffene Kind unfreiwillig exponiert wird, ist es wichtig, dass Eltern, Kind und Lehrperson mögliche Schritte vorgängig gut absprechen. Es gibt nicht die eine allgemeingültige Strategie oder die garantiert Erfolg versprechende Lösung. Die Situationen sind immer unterschiedlich – je nach Beteiligten, Setting, Konstellation, Thematik, Ort und Zeit des Vorkommens sowie involvierten Erwachsenen. Die Problematik ist anspruchsvoll. Es gilt: hinschauen, ernst nehmen, reflektiert und gezielt intervenieren.

Sie haben ein Buch über Cyberbullying geschrieben. Momentan sind unsere Kinder noch klein, aber früher oder später werden wir wohl mit dem Wunsch nach einem eigenen Smartphone und Ängsten wie z. B. vor Cyberbullying konfrontiert werden. Wie können wir dem begegnen?
Nehmen Sie sich der Thematik nicht erst dann an, wenn das Kind von sich aus mit dem Wunsch nach einem Smartphone kommt. Medienerziehung fängt schon in den Kleinkinderjahren an, wenn ich meinem kleinen Kind einen Bildschirm in die Hand drücke, um es ruhigzustellen, oder indem ich selber ständig in mein Handy starre. Oft versuchen wir, bei unseren Kindern Ideale durchzusetzen, die wir selber nicht vorleben. Ich empfehle, Schritt für Schritt vorzugehen und vorgängig gut zu prüfen, welche Geräte und welche Funktionen in welchem Alter wirklich Sinn ergeben. Ist das Kind reif dafür oder überfordert? Muss es wirklich ein Smartphone mit mobilem Internet sein oder reicht im ersten Schritt ein sogenanntes «Dumbphone»? Für den Einstieg hilft es, ein Familien-Tablet zu nutzen oder das elterliche Smartphone gemeinsam zu entdecken.

Aber wenn alle anderen ein Smartphone haben, wird wohl der Wunsch aufkommen, auch dazuzugehören.
Die Angst der Kinder, online etwas zu verpassen, ist verständlich. Eltern sollten frühzeitig und gemeinsam vorausdenken. Das könnte z. B. in der 3., 4. Klasse im Anschluss an einen Elternabend erfolgen. Welche Haltungen und Pläne haben andere Eltern? Können wir uns auf einen ähnlichen Zeitplan einigen? Welche Abmachungen und Regeln sind uns wichtig? Wie helfen wir bei Onlinestreitereien? So kann man eine völlig zufällige Entwicklung eindämmen, den Gruppendruck unter den Kindern und den Frust in den Familien mildern. Für ein solches Gespräch ist nicht die Lehrperson verantwortlich, aber vielleicht kann sie ein solches anregen.

Bücher und Tipps zum Thema Mobbing

Felix Rauh empfiehlt folgende Ressourcen:

Initiative gegen Mobbing: Die Pro Juventute testet aktuell ein Pilotprojekt, bei welchem sich Mobbingbetroffene online melden und Hilfe anfordern können: Initiative gegen Mobbing.

Der «Biber Blog» von Fabian Grolimund, Stephanie Rietzler und Nora Völker. In den Episoden 3 und 4 wird Mobbing und dessen Auflösung kindergerecht thematisiert. biber-blog.com

Plakate: Sehr empfehlenswert sind die iIllustrationen von Elise Gravel, die Diversität, Selbstvertrauen, Mobbing etc. thematisieren (www.elisegravel.com) – und die auch diesen Artikel illustrieren. Es gibt auch Ausmalvorlagen und Plakate, die teils gratis bezogen werden können.

Elternbuch: «Freiheit in Grenzen» von Klaus Schneewind für Eltern von 3- bis 11-jährigen Kinder – interaktiver Elterncoach mit Fallbeispielen.

Kinderbücher gibt es ganz viele tolle – und sie sind ein hervorragendes Mittel, um Mobbing zu thematisieren und vorzubeugen. Dazu planen wir bald einen eigenen Beitrag mit  Tipps.

Cyberbullying: Empfehlenswerte Websites und Bücher sind: www.zischtig.ch, www.schau-hin.info, www.handysektor.de, www.klicksafe.de.

Programme für die Schule: Für den schulischen Kontext gibt es verschiedene empfehlenswerte und bewährte Präventions- und Interventionsprogramme: Das Konflikttraining «Chili» vom Schweizerischen Roten Kreuz, den «No Blame Approach» von Maines und Robinson, den «Support Group Approach» von Sue Young, die «Method of shared concern» von Anatol Pikas und Ken Rigby, das in Finnland entwickelte «KiVa»-Programm oder die Moderation von Konfliktgesprächen nach Gührs und Nowak.

Felix Rauh

Der 47-jährige Sozialarbeiter beschäftigt sich mit systemischer Beratung, Schulsozialarbeit und Medienpädagogik. Er ist Autor des Buches «Fit und fair im Netz – Strategien zur Prävention von Sexting und Cyberbullying» und Vater zweier Kinder im Jugendalter.

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