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Wie wir das jetzt noch überstehen

Egal wie stark uns die Pandemie betrifft: Wir sind alle coronamüde. Diese Dinge helfen uns in der Talsohle (?) dieser Krise.
10 Jan 2021
Bilder — Eva Hefti

Die Pandemie trifft uns alle. Und währenddem einige erstaunlich gut damit klarkommen, werden andere von Trauer, Stress, Ängsten und Hilflosigkeit richtiggehend überwältigt. Wir hätten natürlich eine seitenlange Liste, was uns seitens der Politik helfen würde. Aber daran arbeiten wir an anderen Fronten. Hier für euch ganz alltagsnahe und praktikable Dinge, die uns im Moment das Leben in der Krise ein wenig erleichtern – vielleicht ja auch euch?

Unser Wohlbefinden steigern

  • Anerkennen, dass wir uns seit einem Jahr in einer weltweiten Pandemie befinden. Und es völlig gerechtfertigt ist, sich verzweifelt, ängstlich oder traurig zu fühlen – auch, wenn es anderen noch schlechter geht. Solche Gefühle zuzulassen und sich ihrer bewusst zu werden, hat nichts damit zu tun, dass wir uns jetzt völlig fallenlassen und nur noch schwarz sehen. Aber bevor wir uns dann doch wieder zum x-ten Mal aufrappeln, dürfen wir uns auch einfach mal mies fühlen. Und wen die schwierigen Gefühle nicht mehr loslassen, darf und sollte sich unbedingt Hilfe holen. Hier haben wir aktuelle Hilfsangebote für Eltern und Kinder zusammengestellt.
  • Sich selbst ein guter Freund sein: Etwas konkreter hilft dann die «Self compassion» (das «Selbst-Mitgefühl»). Klingt nach einem kitschigen Hippie-Dippie-Eso-Konzept. Aber die wissenschaftliche Evidenz zeigt es wieder und wieder: Wenn wir mit uns selber freundlich sind, Mitgefühl mit uns selber zeigen, mal die berühmte «Hand aufs Herz» legen und uns vielleicht sogar (laut) eingestehen: «Das ist jetzt eine schwierige Zeit, es ist gerade hart für mich» – dann wirkt das wie eine Superkraft. Mehr dazu von Kristin Neff im Buch «Selbstmitgefühl – Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden».
  • Täglich den Stresszyklus vollenden. Wir leben immer noch im Körper aus der Steinzeit, und für diesen bedeutet Stress immer noch: Lebensgefahr; vor einem Säbelzahntiger zu fliehen. Wenn wir aber heutzutage Stress erleben, können wir selten die Reaktion zeigen, die in uns biologisch angelegt wäre, wir können ja schlecht aus dem Zoommeeting oder dem Streit mit den Kindern davonrennen. Um den Stresszyklus trotzdem zu vollenden und nicht chronischen Stress anzuhäufen, gibt es aber Wege: täglicher Sport wäre einer (dazu zählt auch das Fangis mit den Kindern). Progressive Muskelentspannung ein anderer. Oder auch eine ganz intensive, lange Umarmung (sehr empfehlenswert zum Thema: Das Buch «Stress» von Emily und Amelia Nagoski).
  • Raus aus dem Haus. Es ist und bleibt in unseren Augen das allerbeste Mittel gegen Alltagsstress, schlechte Laune und den pandemiebedingten Durchhänger: Zeit in der Natur verbringen. Dies zu priorisieren, dabei hilft uns die Challenge von «1000 hours outside». Und ja, auch bei uns ist es  j.e.d.e.s.m.a.l. mühsam, die Kinder zum Rausgehen zu bewegen: zu viele Schichten Kleidung, zu schlechtes Wetter, zuhause ist es doch gemütlich etc. Doch jedesmal, wenn wir von draussen zurückkommen, hat es sich gelohnt. Im Alltag mit Job, Schule und früher Dunkelheit ist das nicht immer machbar, aber vielleicht reicht es noch für eine kleinen Spaziergang nach dem Nachtessen? Oder mit fixen Zeiten und einer fixen Gruppe von Menschen, die man draussen trifft, eine informelle Outdoor-Spielgruppe?
  • Fokus auf die kleinen Erfolge. Klingt für depressive Menschen wie Hohn. Für kleinere Tiefs ist es aber extrem wirksam: radikal aufs Positive fokussieren. D.h. bei einem «schwierigen Kind» beispielsweise ganz stark die «guten» Momente, in denen es kooperiert, wahrnehmen. Vielleicht sogar kleine Notizen dazu machen. Oder mit den Kindern immer abends darüber reden, was heute schön war. Dabei hilft das Dankbarkeits-Tagebuch (jeden Abend vorm Einschlafen 3 gute Dinge aufschreiben). Steigert das Wohlbefinden nachweislich.
  • Die Zeit-Glücksfall-Liste. Kennt ihr das – aus irgend einem Grund wird euch etwas (kinderfreie) Zeit geschenkt: Das Kind schläft länger als üblich; das Zoom-Meeting wird abgesagt. 10 Minuten, eine halbe Stunde, eine Stunde. Doch ihr völlig überfordert mit dem «Geschenk» und verbringt die Zeit schliesslich mit sinnlosem Scrollen auf Social Media, mit Aufräumen oder hektisch mit ein paar To Dos? Besser wärs, wir würden uns auf solche unvorhersehbaren Glücksfälle vorbereiten. Mit einer Zeit-Glücksfall-Liste: Schreibt euch in einem ruhigen Moment auf, was ihr mit geschenkter Zeit am besten anstellen könntet. Z.B. endlich wieder mal die Mutter anrufen, jemandem eine Karte schreiben, schlafen, ein paar Atemübungen machen (am glücklichsten macht uns etwas Soziales, siehe oben). Wenn ihr das nächste Mal einen «Zeit-Glücksfall» erlebt, werdet ihr nicht mehr überfordert sein, sondern könnt einfach die Liste zücken.
  • Uns an den (kleinen) positiven Auswirkungen der Corona-Massnahmen erfreuen: Für uns sind das, dass unsere Kinder diesen Winter kaum erkältet waren, dass wir mehr Familienzeit haben und wir unsere Prioritäten noch einmal neu erkannt haben.

Uns und den Kindern das Leben erleichtern

  • Freies Spiel (dazu bald mehr hier auf der Seite) regt die Autonomie und Kreativität des Kindes an und fördert die Lust am Ausprobieren und Entdecken. Zudem schenkt freies Spiel den Bezugspersonen eine (kurze) Pause. Den Einstieg ins freie Spiel erleichtern sogenannte play prompts oder auch Spieleinladungen. Dabei legt die Betreuungsperson dem Kind möglichst anschaulich einige Materialien, Instrumente/Werkzeuge oder Spielsachen bereit, mit denen es dann alleine spielen kann. Das kann beispielsweise ein grosses Badetuch mit ein, zwei Schüsseln Seifenschaum (Rezept und Idee gibts hier), vielleicht weiteren leeren Schüsseln, Löffeln und gerne auch wasserkompatiblen Figuren, Tieren, Puppen oder Autos und einer alten Zahnbürste sein. Dabei ist wichtig, das Kind ohne Instruktionen oder Tipps machen und ausprobieren zu lassen – und die Pause zu geniessen.
  • Thementage. Der Begriff «Blursday» umschreibt es schön – manchmal weiss man gar nicht mehr so genau, welcher Tag eigentlich ist. Um etwas Abwechslung in unsere Wochenenden zu bringen, haben wir deshalb kürzlich mit Thementagen begonnen. Ob Römerzeit (mit Asterix, Ausflug zur Berner Engehalbinsel oder einer anderen Römerstätte und Nachtessen im Liegen) Wikingertag (Runenrätsel, Hafergrütze zum Zmorge, Spielen an einem Gewässer) oder Beachparty (Heizung raufstellen, Badekleid anziehen und farbige Schirmlidrinks geniessen), schon nur das Ideensammeln mit den Kids ist eine Gaudi (hier wurde z.B. ein Helikopter-Thementag gewünscht). Erkenntnis: Es braucht meistens gar nicht viel, um die Begeisterung der Kinder zu wecken!
  • Der Filmabend. Schon seit dem ersten Lockdown schauen wir einmal wöchentlich zusammen einen Kinderfilm. Von «Asterix, der Gallier» bis «Shaun das Schaf». Dazu essen wir Fastfood wie Hamburger, Hotdogs oder Pizza. Je nach Budget bestellen wir Eltern für uns auch was bei Tulsi. Tut uns allen gut (wenn nicht manchmal noch nebenbei dringende Büroarbeit zu erledigen wäre, wärs sogar noch besser).
  • Der Haken. Bohrt in eurer Wohnung ein Loch in die Decke an einer geeigneten Stelle und befestigt einen grossen Haken sicher in der Decke. Er wird euer bester Freund werden (und der euer Kinder). Ihr könnt ein Kletterseil daran befestigen, ein Tragetuch als Schaukel wiederverwenden, einen Boxsack installieren oder ein solches Tuch bestellen – bei diesen Dingen lässt sich auch gut unter Freunden oder Nachbarn tauschen. Wer Platz hat, kann ein ganzes «Gumpizimmer» einrichten – mit Matten, Kissen, Blöcken … Die Kinder werden sich stundenlang damit beschäftigen.
  • Der Nachbarschafts-Chat. Wir haben in unserer Nachbarschaft einen Tausch- und Leih-Chat eingerichtet (es geht wirklich nur um Nachbarschaftshilfe, irgendwelche Links oder Memes posten ist verboten …). Hier findet ein äusserst hilfreicher Austausch von Dingen statt – und darüber hinaus entsteht ein Gefühl von Gemeinschaft. Und das ist das Wertvollste daran.

Das Zwischenmenschliche pflegen

  • Spaziergänge mit FreundInnen. Unsere Freunde abends zum Spazieren zu treffen – darauf sind wir vor dem Lockdown nicht gekommen. Nun haben wir diese Form des Austauschs schätzen gelernt, ausgerüstet mit einem feinen Getränk durch die fast menschenleere Stadt zu gehen und zu plaudern. Immerhin diese Freiheit haben wir noch – nutzen wir sie also!
  • Mit fremden Menschen sprechen. Viele von uns scheuen Interaktionen mit Fremden und starren lieber in unser Handy, als auch nur ein wenig zu plaudern. Das ist ein Fehler, sagt die Sozialpsychologie. Denn egal, obs der Paketbote, eine andere Hundebesitzerin oder die Nachbarin ist: Der kurze Smalltalk mit Fremden erhöht unser Wohlbefinden nachweislich.  «Der Mensch ist ein soziales Tier. Wer die Folgen sozialer Interaktionen missversteht, ist möglicherweise, zumindest in manchen Kontexten, nicht sozial genug für sein eigenes Wohlbefinden.» (Aus der Studie: «Mistakenly Seeking Solitude»).
  • Lösungen brainstormen: Wir haben kürzlich ein Elternproblem mit einer Methode aus dem hervorragenden Buch «How to talk so kids will listen (and listen so kids can talk)» – Deutsch: «Wie Sie sprechen sollten, damit Ihr Kind Sie versteht» gelöst: Das Kind wollte plötzlich nicht mehr in die Waldtagesschule. Warum, konnte es nicht erklären, es blockte nur. Statt abzubrechen und eine andere Lösung zu suchen – oder es mit Zwang durchzustieren –, machten wir mit dem 6-jährigen Kind ein Brainstorming. Kind und Eltern durften Ideen vorbringen, werten war zunächst nicht erlaubt. Am Ende fanden wir aus der langen Liste eine hervorragende Lösung, die seine Idee gewesen war (wir holen es einfach etwas früher ab. Es konnte schliesslich erklären, dass es ihm zu lang war). Kinder bei der Lösungssuche einzubeziehen, indem man ein Brainstorming ohne Wertung versucht, kann für alle ein Gewinn sein.
  • Dinge teilen. Und dabei meinen wir nicht auf Instagram oder Facebook. Sondern: Erlebnisse teilen – und sei es die Netflix-Serie. Menschen, die nervenaufreibende Erfahrungen gemeinsam mit anderen durchstehen, erleben diese gemäss Studien als weniger negativ, als wenn sie allein sind in einer Situation. Und umgekehrt werden schöne Erlebnisse positiver bewertet, die wir zusammen mit anderen erfahren. (Social Media verkehrt den Effekt dann allerdings ins Gegenteil, weil wir dann nur noch auf die Likes abzielen.)
  • (Neue) Rituale schaffen. Die wöchentliche Familiensitzung, der oben erwähnte Filmabend oder eine neue Wut-Strategie wie Zeitung zerreissen: Jetzt ist ein guter Moment, um neue Rituale einzuführen. Studien zeigen, dass Rituale (auch spontan erfundene, z.B. ein negatives Erlebnis aufzuzeichnen, Salz daraufzustreuen und das ganze zu verbrennen) Menschen bei der Bewältigung schwieriger Situationen und vor allem auch bei Trauer signifikant hilft.

Welche Strategien helfen euch in der aktuellen Situation? Habt ihr weitere hilfreiche Ideen?

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12. Februar 2021
Sarah
Liebe Selina, das sind so schöne Ideen, vielen Dank für die Ergänzungen! Die Frage ist auch etwas niederschwelliger als das Dankbarkeitstagebuch, dürfte aber wohl das gleiche bewirken. Super Input!
12. Februar 2021
Selina
Danke für diesen schönen Artikel mit den vielen guten und anregenden Ideen! Uns macht die Situation auch zu schaffen. Etwas, was wir in den letzten Wochen zu schätzen gelernt haben: einmal in der Woche kochen wir fix für unsere befreundete Nachbarsfamilie und umgekehrt erhalten wir einmal in der Woche ein Znacht vor die Türe geliefert. Auch wenn wir nicht wie vor Corona zusammen essen, gibt es doch ein schönes Gemeinschaftsgefühl und einmal in der Woche geniessen wir ein super feines Menu Surprise. Das mit dem Dankbarkeitstagebuch machen wir in etwas anderer Form: anstelle uns von den schwierigen Situationen des Tages zu erzählen fragen wir uns gegenseitig: wann warst du heute glücklich?