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Arbeiten – und weiterstillen

So klappt der Wiedereinstieg nach dem Mutterschaftsurlaub: Erprobte Tipps für den Übergang und das Abpumpen.
Kooperation
25 Apr 2019
Bilder — Ulrike Meutzner

Die WHO empfiehlt, sechs Monate ausschliesslich zu stillen. In der Schweiz fallen diese sechs Monate häufig zusammen mit dem beruflichen Wiedereinstieg der Frau – und so sehen sich stillende Mütter oft mit einem doppelten Bruch konfrontiert: «Soll ich nicht gleich ganz aufhören mit dem Stillen, wenn ich wieder arbeite?» «Das wird doch sowieso super mühsam, und sechs Monate reichen ja im Grunde.» – Stillen wird zudem fälschlicherweise noch immer für so vieles verantwortlich gemacht: dass das Kind schlecht schläft; dass es sich von niemandem sonst betreuen lässt; dass es nicht vom Fläschchen trinkt. Da ist es nicht verwunderlich, wird das Stillen auch als erstes «geopfert», wenn die Hürde der Rückkehr ins Berufsleben ansteht.

Zudem werden Frauen hierzulande immer noch häufig schief angeschaut, wenn sie grössere Kinder stillen. Die gesellschaftlichen Normwerte fürs «richtige» Stillen sind in der Schweiz äusserst eng definiert: Die ersten paar Monate unbedingt, sonst steht die Mutter schnell unter dem Verdacht, nicht genug hingebungsvoll zu sein und es «nur nicht richtig versucht» zu haben (und wie sich diese Verurteilung anfühlt, könnt ihr hier nachlesen). Aber nach 6 Monaten ist dann aber auch genug. «Stillst du immer noch?» – diese simple Frage, in der so viel mitschwingt, hört wohl jede Stillende x-fach, wenn sie länger als «üblich» stillt. Dabei ist die Liste der Vorteile des langfristigen Stillens fast endlos lang, und die WHO empfiehlt eben auch, Kinder auch nach Einführung der Beikost bis zum Alter von zwei Jahren und länger zu stillen.

Wie geht das Stillen zusammen mit dem Arbeiten? Wir haben eine ganze Reihe praktischer Tipps zusammengestellt – in Zusammenarbeit mit Christin Tlach, Hebamme MSc, Stillberaterin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin von A&O Laden und Beratung in Bern. A&O bietet übrigens einmal im Monat unkomplizierte Info-Anlässe zum Wiedereinstieg ein – mehr dazu ganz unten.

Organisieren

  • Vorbereitung ist alles. Der Wiedereinstieg sollte mit der Arbeitgeberin, dem Arbeitgeber schon frühzeitig besprochen werden, am besten schon in der Schwangerschaft. Vereinbarungen geben Sicherheit und Ruhe, selbst wenn sich die Situation dann plötzlich ändern sollte, wenn das Kind erst einmal da ist. Wann kehre ich zurück?, in welchem Pensum?, an welchen Tagen? Auch regelmässig den Kontakt zu halten und damit zu zeigen, dass man sich Gedanken macht über den Wiedereinstieg, signalisiert der Vorgesetzten Loyalität und Zuverlässigkeit. Gerade Vorgesetzte, die keine Erfahrung mit arbeitenden Müttern haben, sind womöglich froh um eine gute Information.
  • Schritt für Schritt statt alles aufs Mal. Erfahrungsgemäss bewährt sich ein schrittweiser Einstieg. Mit einer Übergangszeit von etwa drei Wochen wird der Bruch weniger hart für alle Beteiligten (Mutter, Baby, hütende Angehörige). Warum nicht mit 20, 40 Prozent anfangen und dann im Zwei-Wochen-Takt aufstocken? Oder erst einmal nur halbe Tage? Auch für die Arbeitgeberin oder den Arbeitgeber ist dies vorteilhaft, da das Risiko von stress- und krankheitsbedingten Abwesenheiten sinkt und die Mitarbeiterin vermutlich motivierter wieder anfängt. Jede Woche kann einen grossen Unterschied machen – in der Entwicklung des Kindes, aber auch in der Organisation des Übergangs.
  • Pausen statt Blöcke. Auch wenn die Arbeitstage später mal Montag bis Donnerstag sein werden: Beim Einstieg lohnt es sich, keine zu grossen Blöcke zu planen. Montag Arbeit, Dienstag Pause, Mittwoch wieder Arbeit – für die erste Zeit sind solche auf den ersten Blick nicht sehr praktischen Arbeitsrhythmen für Mutter und Kind weniger anstrengend, weil es mehr Pufferzonen gibt. Ist ja nicht für immer, sondern nur für ein paar Wochen!
  • Die Betreuung frühzeitig organisieren. Kita-Eingewöhnung und Arbeitsbeginn wenn möglich nicht gerade gleichzeitig planen – bestenfalls ist das Kind beim Arbeitsbeginn schon eingewöhnt. Betreut der Vater, die Grosseltern oder Tageseltern, so lohnt es sich ebenfalls, das schon früh zu üben. Das muss ja nicht immer gleich ein ganzer Tag sein, sondern auch einmal ein Morgen. Pluspunkt: Die Mutter hat noch ein wenig Zeit für sich, bevor die Arbeit wieder startet.
  • Steht für eure Rechte ein! Stillende Mütter haben Rechte. Und es ist niemandem gedient, wenn sie diese aus falschem Anpassungswillen nicht einfordern. Die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber muss der Mutter «die zum Stillen erforderliche Zeit freigeben». Eine Verordnung regelt, wie viel Stillzeit im ersten Lebensjahr des Kindes als bezahlte Arbeitszeit angerechnet werden muss: Bei einer täglichen Arbeitszeit von bis zu 4 Stunden sind es mindestens 30 Minuten, bei mehr als 4 Stunden mindestens 60 Minuten, bei mehr als 7 Stunden mindestens 90 Minuten. Wer sich nicht traut, für sein Recht einzustehen, hilft niemandem. Falls ihr noch einen pragmatischen Grund braucht: Stillen ist für Kind und Mutter gesund und reduziert Krankheitsrisiken. Das hilft dann letztlich auch dem Betrieb, weil es weniger Absenzen gibt.
  • Stillbesuche sind ein Segen. Sofern die Arbeitsstelle nicht allzu weit weg von Zuhause ist: Wieso nicht am Anfang jeweils mittags einen Stillbesuch planen? Der Vater kommt mit dem Kind kurz über Mittag zu einem «Meeting». Oder die Mutter geht in die Kita. Hilft auch beim Trennungsschmerz. Und wie bei allem gilt: Alles nur eine Phase!
  • Vertrauen haben. Oh Gott, das Kind trinkt nicht aus dem Schoppen? Horror! Not. Kita-Betreuungspersonen kennen alle Tricks. Vielleicht trinkt das Kind ja aus dem Becher? Oder es kann schon eine Mahlzeit mit einem Brei ersetzt werden? Bloss nicht zu sehr stressen. Die Übergangszeit ist kurz, es kommt schon gut.

Abpumpen

  • Stillberatung fürs Pumpen. Abpumpen ist keine Hexerei. Trotzdem lohnt es sich, eine Stillberatung eigens fürs Abpumpen zu vereinbaren. Wie setze ich richtig an? Welche Voraussetzungen müssen stimmen, damit die Milch fliesst? Ein Profi kann gerade am Anfang dabei behilflich sein, Fehler und Stress zu vermeiden. In der Schweiz werden drei Stillberatungen von der Krankenkasse übernommen.
  • Üben. Ein paar Mal üben – irgendwann, wenn das Kind mal schläft; die Milch wird ja laufend nachproduziert. So hat man vielleicht dann auch einen kleinen Milchvorrat auf der Seite oder auf jeden Fall das Handling beim Abpumpen besser im Griff.
  • Das Abpumpen planen. Klärt schon frühzeitig ab, ob am Arbeitsplatz ein geeignetes Zimmer zum Abpumpen zur Verfügung steht (nicht, dass es euch so geht wie der «Workin’ Mom» Kate in der gleichnamigen Netflix-Serie …) Die Milchbildung funktioniert nun mal nur dann, wenn man sich sicher und geborgen fühlt. It’s Nature, Baby! Zur Ausstattung eines Stillzimmers gibt es eine praktische Checkliste der Stillförderung. Die Personalabteilung eurer Firma kennt diese hoffentlich. Ansonsten: Christin Tlach bietet an, die Situation vor Ort mit der stillenden Mutter anzuschauen und allenfalls mit dem Betrieb Verbesserungen anzustreben. Einfach melden.
  • Gut zu sich schauen. Die Pause nur fürs Abpumpen genutzt? Essen und Trinken nicht vergessen! Auch wenn die Arbeit wartet – nicht einfach durcharbeiten und stressen, sondern zur Abwechslung auch mal wieder an sich selber denken. Sonst fliesst nämlich auch die Milch nicht.
  • Seltener stillen ist auch eine Lösung. Trinkt das Kind tagsüber Schoppen, weil aus Gründen das Abpumpen nicht hinhaut (wann nur?!), dann heisst das ja nicht, dass das Stillen ganz aufgegeben werden muss. Warum nicht einfach noch morgens und abends stillen? Die Milchproduktion pendelt sich ein, das kann gut auch noch einige Monate so weitergehen, ohne dass es gleich das Ende bedeuten muss.
  • Und zuletzt: Keine Panik. Die Menge, die beim Pumpen rauskommt, sagt nichts darüber aus, wie viel das Kind beim Stillen trinkt.

Besorgen

  • Eine gute Pumpe. Das Geld in eine elektrische Pumpe ist gut investiert. Wer viel abpumpt, kann eine doppelte ins Auge fassen. Heute zahlen die Zusatzversicherungen einiger Krankenkassen einen Beitrag daran. Christin Tlach empfiehlt die Produkte der Schweizer Herstellerin Medela.
  • Blickdichte Milchbehälter. Ah&Oh hat farbige schadstofffreie Behälter zum Aufbewahren der Muttermilch. Zum Einfrieren gibts praktische Säckli, die platzsparend flach gelagert und gut beschriftet werden können.
  • Für den Weg: Ein Isolierbehälter für den Arbeitsweg, in dem die abgekühlte Milch transportiert werden kann.
  • Einen sauberen Behälter für die Zeit zwischen 2x abpumpen: Ein grosser Plastikbehälter oder ein Tuch, in der die abgespülte Pumpe zwischenzeitlich sauber aufbewahrt werden kann.
  • Sterilisator: Es gibt Sterilisatoren, die dann später auch für Schoppen und Nuggis praktisch sind. Oder aber Medela-Säcke für die Mikrowelle zum Dampfsterilisieren, sofern eine Mikrowelle vorhanden ist, sind sehr praktisch und 20x wiederverwendbar. Zudem hinterlässt diese Art der Sterilisierung keine Kalkschleier.
  • Die Tasche mit Pumpe, Feuchttüchern, Nuuscheli, Behältern jeweils vor den Arbeitstagen vorbereiten, damit man sich am Morgen nicht noch schnell alles zusammensuchen muss.
  • Reservekleider und Stillkompressen (gute Waschbare gibts z.B. von Curve) am Arbeitsplatz an Vorrat haben.

Hier gibts weitere Tipps und Hilfe

  • Info-Anlässe: A&O bietet praktische Kurzberatungen zum Thema Stillen und Arbeiten an: Immer am ersten Mittwoch im Monat im A&O Laden von 10-12 Uhr. Dabei gibts einen ersten Überblick, einfache Tipps und Tricks, und die Fachfrauen zeigen ihr Sortiment an Milchpumpen. Das erste Mal am nächsten Mittwoch, 1. Mai 2019, dann am 5. Juni 2019, 3. Juli 2019, etc.
  • Die Website der Stillförderung Schweiz enthält viele nützliche Checklisten und Links. Besonders hilfreich: Die Checkliste «Zurück zur Arbeit» sowie die häufigen Fragen zum Thema.
  • Juristische Hilfe: Neu bietet die Stillförderung auch juristische Beratung zu Fragen im Zusammenhang mit Stillen und Arbeit an. Bei Interesse bitte per Mail Kontakt aufnehmen.
  • Stillberatungen bei A&O bietet Christin Tlach, Hebamme MSc in Midwifery an: Telefon 079 710 55 63 oder Mail (drei Stillberatungen werden von der Krankenkasse bezahlt).
  • Weiterlesen: «Das Handbuch für die Stillende Mutter» der La Leche League enthält ab Seite 278 hilfreiche Informationen zum Thema Erwerbstätigkeit und andere Trennungssituationen sowie ab Seite 304 Informationen zum Thema Milch Gewinnen, Aufbewahren und Verabreichen. Das Buch hilft zudem bei Fragen zum Thema Stillen älterer Kinder und zur Bedeutung von längerem Stillen.
  • Und noch ein Buch zum Thema: Kathleen Huggins, Gale Pryor: «Stillen, Job und Family» via La Leche League.
  • Die Facebook-Gruppe «Stillen Schweiz» kann für den Erfahrungsaustausch äusserst wertvoll sein.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit A&O Laden und Beratung. Was hat euch beim Übergang zur Arbeit geholfen? Über weitere Tipps und Erfahrungen freuen wir uns – hinterlasst uns einen Kommentar!

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28. April 2019
Eia
Christin Tlach von A &O ist wirklich die wunderbarste Stillberaterin, die ich kenne! Besonders, weil ihre Hilfe nicht nur aus theoretischem Wissen, sondern aus ganz praktischen, auf die persönliche Situation abgestimmten Massnahmen besteht. Und weil sie weiterweiss, wo andere (Frauenärztin, andere Stillberaterinnen) ratlos sind und oft einfach nur noch Abstillen empfehlen. Ich persönlich hatte 3x mit Christin Tlach zu tun - und meine "Probleme" danach innert kürzester Zeit im Griff: - In den ersten Wochen mehrere Milchstaus mit 40 Grad Fieber inkl. einer Frauenärztin, die deshalb zum Abstillen riet: Problem dank neuem BH aus dem A&O und Massageöl behoben. - Zweifel und Fragen zum Abpumpen im Büro: Ich verliess Christin Tlach mit einem konkreten, auf mich abgestimmten Plan (wann wo abpumpen), der bestens funktionierte. - Plötzlich infolge Stresssituation komplett ausbleibende Milch: Dank spezieller Teemischung floss die Milch nur Stunden später wieder fast wie zuvor.
26. April 2019
Die La Leche League bietet kostenlose Stillberatungen & Stilltreffen an. www.lalecheleague.ch