Kontakt
Über uns Newsletter

«Geht es immer mal wieder ohne das Glas Rotwein?»

Kinder endlich im Bett, jetzt ein Bier ... Wir haben den Suchtexperten Iwan Reinhard gefragt, wann Alkohol problematisch wird.
8 Mrz 2021
Bilder — Ulrike Meutzner

Dieser Artikel erschien zuerst im Dezember 2020.

Iwan Reinhard*, Eltern von (kleinen) Kindern sind oft vielen Alltags-Belastungen ausgesetzt. Ein Glas Rotwein oder die Zigarette ist schnell zur Hand und verspricht Entspannung. Wann wird der Konsum gefährlich?
Eine Abhängigkeit kann von einem risikoarmen und von einem problematischen Konsum unterschieden werden. Bei einer Abhängigkeit ist ein sehr starkes Verlangen da, oftmals geht dies mit einer sozialen und gesellschaftlichen Isolation einher, mit Vernachlässigung der eigenen Person sowie der Kinder. Abhängige Menschen haben körperliche Entzugssymptome, wenn die Substanz fehlt, und brauchen meistens immer wie mehr davon. Aber auch Rauschtrinken am Wochenende und temporäre Vernachlässigung können auf Dauer ungesund sein. Grundsätzlich ist jede und jeder selber für sich und seine Kinder verantwortlich, und es muss immer situativ beurteilt werden, was drinliegt.

Wann hört der Genuss auf, wann beginnt die Sucht und damit der ungesunde Umgang?
Das ist sehr individuell und muss jeder Mensch für sich selber spüren: Habe ich den Konsum noch unter Kontrolle? Kann ich jederzeit wieder reduzieren oder eine abstinente Phase geniessen? Geht es immer mal wieder ohne das Glas Rotwein oder die Zigaretten? Was oftmals vergessen geht: Weil Kinder alles kopieren und nachahmen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie später in Stresssituationen ähnlich handeln. Bei Eltern geht es letztendlich auch immer um eine Vorbildrolle. Hier muss man für sich selber entscheiden, was man vorleben will – ohne perfekt sein zu müssen. Authentizität und zu sich und seinen Bedürfnissen zu stehen ist dabei sicher der bessere Weg, als unehrlich zu sein und den Kindern etwas vorzuspielen.

«Weil Kinder alles kopieren und nachahmen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie später in Stresssituationen ähnlich handeln.»

Mehr als 100’000 Kinder in der Schweiz leben mit einem suchtkranken Elternteil. Welches Suchtmittel steht dabei an erster Stelle?
Die Zahl von 100’000 betroffenen Kindern bezieht sich auf die Alkoholproblematik. Hinzu kommt wohl eine grosse Dunkelziffer, weil es nicht einfach ist, klare Erhebungen zu machen. Man nimmt an, dass die realen Zahlen höher sind. Bei harten Drogen nehmen die Zahlen betroffener Kinder tendenziell ab. Da kennt man die Betroffenen meistens, und da sind oft bereits Behörden involviert. Dass ein Kind in einem solchen Umfeld aufwächst, so wie im Film «Platzspitzbaby» beispielsweise, kommt heute kaum mehr vor.

Was löst es in Kindern aus, wenn ein Elternteil regelmässig Suchtmittel konsumiert?
Die ersten Lebensjahre sind bekanntlich die prägendsten. Für Kinder aus einem familiären Umfeld mit Suchtproblematik ist ihr Alltag bis zu einem gewissen Alter die Normalität. Dass irgendetwas anders läuft als bei anderen Familien, wird den Kindern oft erst bewusst, wenn sie eingeschult werden: Wenn sie merken, dass es woanders Zmorge oder Zmittag gibt. Oder wenn sie sehen, dass sich andere Eltern Zeit nehmen für die Sorgen, Ängste und Anliegen ihrer Kinder.

«Dass irgendetwas anders läuft als bei anderen Familien, wird den Kindern oft erst bewusst, wenn sie eingeschult werden.»

Welche psychischen und körperlichen Folgeschäden tragen Kinder aus einem suchtkranken Umfeld mit?
Kinder aus Familien mit einer Suchtthematik müssen oft sehr früh selbstständig werden, weil zu wenig Ressourcen da sind und die Sucht immer «an erster Stelle kommt». Sie haben häufig eine instabile Beziehung zu den Eltern, nicht selten ist häusliche Gewalt ein Thema. Betroffene Kinder sind zutiefst verunsichert und entwickeln oft auch Ängste, die sie nicht erklären können. Sie suchen die Schuld bei sich, werden still, wütend, dünnhäutig oder reagieren nochmal anders. Je nach Charakter. Diese Kinder haben schlechtere Startbedingungen, und ein Grossteil kämpft ein Leben lang damit – auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

Sind Kinder aus Familien mit einer Suchtthematik später stärker gefährdet für diese Problematik?
Es ist nicht einfach, diese Fakten zu erfassen. Das Risiko, dass Kinder aus Familien mit einer Suchtthematik mehr gefährdet sind, wird sechsmal höher geschätzt. Oder anders gesagt: Ein Drittel der betroffenen Kinder kämpft später selber mit Suchtproblemen, ein Drittel entwickelt psychische Probleme und ein Drittel ist so resilient und stabil, dass ein gesundes Erwachsenenleben möglich ist. Was man auch weiss: Wenn betroffene Kinder einen gesunden, stabilen Menschen als nahe Bezugsperson haben, der ihnen Halt, Geborgenheit und Sicherheit geben kann, trägt dies trotz allem sehr viel zur gesunden Entwicklung bei.

«Wenn betroffene Kinder einen stabilen Menschen als nahe Bezugsperson haben, trägt dies sehr viel zur gesunden Entwicklung bei.»

Ein schwieriges Thema: Schwangerschaft, Stillen und Alkohol, Tabak. Man hört verschiedene Theorien zur Schädlichkeit. Was gilt denn?
Wer sicher gehen und kein Risiko für Folgeschäden beim Kind eingehen will, sollte komplett auf Alkohol, Tabak und sonstige Suchtmittel verzichten. Es gibt zwar viele Studien, Theorien und Erfahrungswerte zum Konsum und dessen Folgen. Aber leider gibt es keinen Schwellenwert – wie beispielsweise «ein Glas pro Woche ist ok» –, den man beruhigt kommunizieren könnte. Faktoren wie die Konstitution und der Stoffwechsel der Mutter, die Schwangerschaftswoche und die allgemeine Veranlagung spielen ebenfalls eine Rolle.

Von welchen Folgeschäden sprechen wir konkret?
Man kann es nicht wegdiskutieren: Das Fetale Alkoholsyndrom (FAS), welches eine verminderte geistige Entwicklung, ADHS, ein geringerer IQ mit sich bringen kann, betrifft in der Schweiz 425 Kinder pro Jahr. Die Fetale Alkohol-Spektrumsstörung umreisst ähnliche Folgeschäden, die vereinzelt und nicht ganz so stark ausgeprägt auftreten wie beim FAS. Pro Jahr betrifft dies in der Schweiz durchschnittlich 1700 Kinder. Wahrscheinlich werden diese Themen in den nächsten Jahren stärker in den Fokus rücken, da diese Erkrankungen vermeidbar wären und es nach wie vor an Sensibilisierung mangelt.

«Die schlechteste Wahl ist Wegschauen.»

Wie sollte man reagieren, wenn der Verdacht besteht, dass in einer bekannten Familie eine Suchtproblematik vorhanden sein könnte? Und ganz konkret: Wohin können sich betroffene Familien/Jugendliche wenden, wenn sie Hilfe benötigen?
Die schlechteste Wahl ist Wegschauen. Je nachdem, wie gut man die Familie kennt, kann man das Thema direkt ansprechen – auch wenn dies Mut und Feingefühl erfordert. Es hilft, aus einer Besorgnis heraus zu formulieren und Vorwürfe zu vermeiden. In den meisten Kantonen kann man sich auch schon beraten lassen, bevor man etwas unternimmt – auch anonym. Sucht Schweiz bietet selber ein Beratungstelefon an, altersgerechte Webseiten für betroffene Kinder und eine Übersicht über die kantonalen Beratungsangebote.

Mehr Familienstress wegen Corona

Mit dem Corona-Virus hat sich der Alltag für Familien tendenziell erschwert – klare Fakten sind jedoch noch nicht verfügbar. Verschiedene Universitäten haben während der Schulschliessungen im Frühling mit Befragungen und Studien begonnen, die sie momentan auswerten. Während des Lockdowns hat das aebi-hus eine online-Konferenz für Fachpersonen aus dem Sozial-, Familien- und Gesundheitswesen durchgeführt, um sich über die Erfahrungen mit der besonderen Lage auszutauschen. Dabei zeigte sich, dass während dieser Zeit kaum Neuanmeldungen zu verzeichnen waren. Familienberatungen und ähnliches wurden weitergeführt, meistens telefonisch oder per Mail, wenn möglich sogar persönlich. Zu beobachten war eine erhöhte Mediennutzung bei den Jugendlichen selbst während des Lockdowns.
Die Fachleute waren besorgt, dass es nach dem Lockdown eine Art Nachholeffekt geben würde, was zum Teil später tatsächlich beobachtet werden konnte. Die Kinder selber waren aufgrund der Schulschliessungen nicht gut erreichbar. Somit waren Verschlechterungen ihrer Situation kaum festzustellen.
Zu befürchten ist, dass sich die Belastung wegen zunehmendem Stress (z.B. drohende Arbeitslosigkeit) verschärft und dadurch auch der Substanzkonsum oder häusliche Gewalt zunehmen. Ob dies tatsächlich eintrifft oder sich so entwickeln wird, kann man noch nicht mit Sicherheit sagen. Das aebi-hus hat Finanzmittel beantragt, um die Ergebnisse aus den laufenden Studien für Fachpersonen zusammenzutragen und Handlungsmöglichkeiten für den Fall erneuter Verschärfungen aufzuarbeiten.

* Iwan Reinhard

Der 46-Jährige ist Projektleiter des aebi-hus, der Schweizerischen Stiftung für Suchthilfe. Der Politologe und Ökonom ist Vater dreier Kinder. www.aebi-hus.ch

Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.