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Auch innere Kinder brauchen Eltern

Es lässt uns scheinbar grundlos ausrasten. Es zeigt uns, wo unsere Trigger liegen: unser inneres Kind. Wie wir ihm helfen.
9 Mai 2020
Bild — Tan Tanika (Pixabay)

Das Kind macht etwas kaputt. Das Kind gibt sich keine Mühe bei den Hausaufgaben. Das Kind ist frech und erwidert etwas Blödes auf unsere Bitte, etwas zu erledigen.

Und sofort sind wir an der Decke. Dabei sind das doch nur Kleinigkeiten! Warum nur rasten wir manchmal wegen vermeintlicher Details aus? Lassen uns von scheinbaren Nichtigkeiten dermassen provozieren?

Einer der wichtigsten Gründe ist: Weil mit solchen Dingen unseres inneres Kind getriggert wird. Das heisst: Wir werden an ein Gefühl aus der eigenen Kindheit erinnert. Einer Zeit, als wir noch zu wenig Ressourcen hatten, um mit Verletzungen umzugehen.

Wir alle haben unsere Trigger

Jede und jeder von uns hat solche Trigger. Meine eigenen sind ganz unterschiedlich, langsam kenne ich sie: Wenn jemand etwas lieblos macht, murkst oder pfuscht, kann ich kaum zuschauen. Wenn ich mich eingeschränkt fühle, werde ich verletzend und gemein. Jede und jeder hat andere empfindliche Punkte, und ein gutes Coaching* kann dabei helfen, sie zu erkennen. Fragt euch mal selber, wann ihr das letzte Mal völlig überreagiert habt. Vermutlich waren auch noch andere Faktoren im Spiel – aber könnte es sein, dass das fehlende Mango-Joghurt im Kühlschrank, der überschwemmte Küchenboden, die freche Antwort uns an etwas erinnern? Dass wir als Kind nie das feine Joghurt bekamen und immer hörten, «es wird gässe, was ufe Tisch chunnt!»? Dass die eigene Mutter immer sehr auf Reinlichkeit bedacht war und diesbezüglich sehr streng? Dass wir uns nie richtig ernst genommen fühlten vom Vater?

Werden unsere Bedürfnisse als Kinder (mutwillig oder nicht) chronisch übergangen, prägt sich dies tief in unsere Seele ein. Und wenn uns später unsere Kinder dermassen provozieren, dass wir die Kontrolle über unsere Reaktion verlieren, ist nicht das Kind schuld, sondern da ruft unseres eigenes, inneres, verletztes Kind um Hilfe. (Übrigens ist es kein Zufall, dass dies vor allem die eigenen Kinder vermögen. Sie erinnern uns auch an die eigene Kindheit. Und selten ist ein Chef, eine Freundin uns genug nahe, um solche Gefühle auszulösen.)

Klein anfangen mit Heilen

Das Schöne ist: Heute sind wir erwachsen, keine Kinder mehr! Und wir können uns selber heilen. Nicht nur an diesem Muttertag wollen wir uns deshalb alle selber eine gute Mutter, ein guter Vater sein. Und unser inneres Kind bemuttern. Denn jedes innere Kind hat in mehr oder weniger grossem Ausmass Bedürfnisse und Traumata**, die sich in Stressituationen auch heute noch bemerkbar machen, was für alle Beteiligten unangenehm ist.

Nur durch das Bewusstsein, wo unsere Trigger liegen, verschwinden diese noch nicht. Es hilft, doch das Heilen erfordert mehr von uns. Es gibt dazu ganze (und sehr hilfreiche) Bücher***. Aber lasst uns mal klein anfangen. Ganz klein.

Fragen wir uns zuerst einmal: Was haben wir als Kinder gern getan? Welche Erinnerung löst wohlige Gefühle bei uns aus? Ist jemand vielleicht gern Rollschuh gefahren oder hat gerne Lego-Burgen gebaut? War das sonntägliche Bad ein Highlight oder das Kuchenfoto aus dem Betty-Bossi-Backbuch?

Dann tun wir heute unserem inneren Kind etwas Gutes. Bestellen uns Rollschuhe, bauen stundenlang eine grossartige Lego-Burg, nehmen ein Bad, backen einen Kuchen mit extra viel Marzipan-Verzierung. Und sagen uns selber:

Das ist für dich, mein liebes inneres Kind! Ich sehe dich!

Und denken nun jeden Tag an den kleinen Jungen oder das kleine Mädchen in uns. Was hätte es gebraucht, um glücklich(er) zu sein, unbelasteter, freier? Was hat uns gefehlt als Kind? Wir sollten ihm regelmässig etwas Gutes tun, auch wenn wir uns vielleicht dabei lächerlich fühlen, wenn wir Sticker in ein Buch kleben oder mit dem Playmobil-Bauernhof unserer Kinder spielen. Vielleicht können wir ihm sogar einmal einen Brief schreiben.

Endlich gesehen werden

Es sind anscheinend läppische Handlungen. Aber unser inneres Kind wird sich bei uns bedanken, weil es endlich gesehen wird. Es ist spät, aber es kann auch jetzt noch heilen. Und jedes Mal, wenn wir wieder ausrasten, können wir ihm sagen:

Ich sehe deine Not! Ich kümmere mich später um dich.

Das klappt vielleicht nur jedes zehnte Mal. Aber es ist ein erster Schritt. Und je besser wir für unser inneres Kind sorgen, desto besser können wir uns auch unseren anderen Kindern, unseren Partnern, Angehörigen und Freunden annehmen.

* Dank geht an Milena Thurnheer, sie lieferte die Inspiration zu diesem Text: Körperarbeit & Coaching

** Wer tiefgreifende Traumata aus der eigenen Kindheit zu bewältigen hat, kann im Gespräch mit einer Fachperson grosse Hilfe erfahren. Eine Liste eidgenössisch anerkannter PsychotherapeutInnen (mit Suchfunktion nach Ort etc.) findet sich hier.

*** z.B. von Stefanie Stahl: «Das Kind in dir muss Heimat finden: Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme», (gibts auch als Hörbuch). 

PS: Die Yogalehrerin und freie Kleinstadt-Autorin Elisa Malinverni bietet unter dem Titel Way of the Mother Seminare an, in denen Frauen lernen, sich selbst eine gute Mutter zu sein.

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