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«Körperrespekt
ist auch Gewaltprävention»

Melanie Dellenbach setzt sich mit der Organisation Yes2Bodies für mehr Körperrespekt ein. Mit ihrer Tochter spricht sie nie über Diäten.
18 Feb 2020
Bilder — Melanie Dellenbach

Melanie Dellenbach, Sie sagen, dass dicke Menschen alltäglichen Mikro-Aggression ausgesetzt seien. Was muss man sich darunter vorstellen?
Der Begriff der Mikro-Aggression wird oft in Zusammenhang mit Rassismus verwendet. Für mich sind es Blicke mit anschliessendem Getuschel, Augenverdrehen oder Stöhnen, wenn ich mich neben jemanden im Bus setze, eine unhöflichere Behandlung, oder dass ich nicht ernst genommen werde. Die Schweizer und Schweizerinnen sind eher ein anständiges Volk, Mikroagressionen kommen hier also viel häufiger vor als direkte Beleidigungen. Ich hatte aber letztes Jahr im Zug auch ein Erlebnis, in welchem ich wegen meines Körpers offenen Beleidigungen von einem Mitreisenden ausgesetzt war und die anderen Leute im Abteil einfach gelacht haben. Im persönlichen Kontakt erlebe ich es oft, dass ich aus dem Blickwinkel, nicht der Norm zu entsprechen, betrachtet werde: «Du bist gut angezogen für eine Dicke» oder «Du hast ein schönes Gesicht». Fast immer haben die Leute aufgrund meines Körpers eine fixe Idee, wer ich bin. Mit solchen Sachen werde ich regelmässig konfrontiert. Glücklicherweise kann ich mich recht gut abgrenzen, wenn ich einen guten Tag habe– das geht aber sicher nicht allen dicken Menschen so.

Was verstehen Sie denn unter Körperrespekt?
Es ist der Respekt vor dem Nächsten, vor seiner Einzigartigkeit und auch vor dem eigenen Körper. Es geht um die Würde jedes und jeder Einzelnen, die man nicht in Frage stellen kann – diese Würde ist übrigens auch in der Bundesverfassung verankert.

Können Sie uns erzählen, warum Sie dieses Thema beschäftigt?
Vor einigen Jahren führte ich einen Mode-Blog für Plus Size-Fashion und habe mich viel mit den Themen Körperrespekt und Körperdiversität auseinandergesetzt. Nachdem ich 2013 Mutter wurde, habe ich den Blog und mein grosses Hobby, den Tanz, aus Zeitgründen aufgegeben. Ich habe aber immer verfolgt, wie die Gesellschaft mit dicken Menschen umgeht und gemerkt, dass in der Schweiz keine positiven Entwicklungen an dieser Front erkennbar sind, im Gegenteil: Manchmal packte mich die Angst, ob ich in 10 Jahren überhaupt noch krankenversichert sein werde…

«Manchmal packte mich die Angst, ob ich in 10 Jahren überhaupt noch krankenversichert sein werde.»

Und wie kamen Sie dann dazu, Yes2Bodies zu gründen?
2018 wurde ich von Cat Pausé für einen Podcast angefragt zum Thema dicke Menschen in der Schweiz. Da sonst niemand in diesem Bereich aktiv war, habe ich für dieses Interview zugesagt. In der Folge habe ich während einem Jahr intensiv zum Thema recherchiert und mir wurde bewusst, dass die Gewichtsstigmatisierung in Gesellschaft und Politik immer mehr zunimmt. Im Mai 2019 habe ich mich bei BØWIE beworben (ein Schweizer Gender Project Incubator, der Projekte rund um Gender und LGBTIQ+-Themen unterstützt) und gleich den «Innovative Award» gewonnen. So ist Yes2Bodies entstanden. Seither habe ich den ersten Workshop organisiert, eine Community gegründet und bin jetzt daran, weitere Projektideen zu entwickeln.

Mit welchen Mitteln wollen Sie der Gewichtsstigmatisierung entgegentreten?
Ich unterrichte Workshops zu verschiedenen Themen rund um das Thema Gewichtsdiskriminierung und z.B. Diätkultur. Im November durfte ich an der FHNW mit zukünftigen Lehrpersonen über dieses Thema reden. Ich äussere mich dazu, wie es ist, als dicke Person in der Schweiz zu leben und prangere Gewichtsstigmatisierung aktiv an. Anfang Januar hat beispielsweise die Fitnesstudio-Kette Activ Fitness mit einem dicken, kopflosen Körper in Form einer Weihnachtskugel geworben, dagegen bin ich auf die Barrikaden gegangen! Ich habe Testimonials gesammelt und der Geschäftsleitung dieser Organisation einen Beschwerdebrief geschrieben, das Newsportal persönlich.com hat die Story dann aufgegriffen. Im Anschluss habe ich bei der Schweizerischen Lauterkeitskommission eine Beschwerde eingereicht. Diese wird bei der nächsten Kommissionssitzung behandelt.

«Anfang Januar hat eine Fitnesstudio-Kette mit einem dicken, kopflosen Körper in Form einer Weihnachtskugel geworben, dagegen bin ich auf die Barrikaden gegangen!»

Mein Ziel ist, gemeinsam mit meiner Community und weiteren Kreisen herauszufinden, was wir gegen die aktuelle Situation tun können und wie wir zukünftig dicke Menschen, aber auch Menschen, die mit ihrem Körper unzufrieden sind, stärken können. Die Gesellschaft muss dafür sensibilisiert werden, dass beispielsweise unter Jugendlichen das Dicksein der häufigste Grund für Hänseleien und Mobbing ist.

Stichwort Jugendliche – was können wir im Umgang mit unseren Kindern tun, um den Körperrespekt zu fördern?
Da habe ich ganz viele Ideen (lacht). Beispielsweise am Tisch: Wir sprechen wir in unserer Familie und mit Freunden über den Körper und das Thema Essen? Sagen wir unserem Kind: «Iss keine Schokolade, das macht dick», dann ist «dick» synonym mit «schlecht». Kommen wir also weg von «gut» und «schlecht» im Zusammenhang mit Lebensmitteln – Essen soll uns Kraft geben und Bewegung soll uns Spass machen. Es wäre doch so einfach, Gesundheitsförderung zu betreiben, ohne das Stigma von dicken Menschen zu erhöhen!

«Sagen wir unserem Kind: «Iss keine Schokolade, das macht dick», dann ist «dick» synonym mit «schlecht».»

Sowieso ist unsere Sprache ein wichtiger Bereich, wo wir etwas ändern können. Wir können uns doch einfach daran gewöhnen, in der Familie nicht negativ über unsere eigenen und andere Körper zu sprechen und keine pauschalen Aussagen über andere Menschen und deren Aussehen (inklusive Kleidung und Frisur) zu machen.

Im Weiteren können wir beispielsweise steuern, welche Bücher wir unseren Kindern vorlesen. Schaut Euch mal Eure Kinderbücher an: Ist der Dicke immer der Aussenseiter, böse und dumm? Dann tauscht diese Bücher aus mit anderen, oder sprecht mit Kindern über diese Vorurteile. Auch für uns persönlich können wir uns entscheiden, unseren Medienkonsum zu ändern, z.B. unseren Instagram-Feed mal anzuschauen auf dieses Kriterium und auch dort eine höhere Vielfalt anzustreben – und Zeitschriften mit Diäten boykottieren wir sowieso am besten.

Und für uns persönlich?
Auf der ganz persönlichen Ebene geht es dann auch darum, uns kritisch mit unserem eigenen Körperbild auseinandersetzen und Frieden mit unserem Körper zu schliessen, aber auch zu reflektieren, wie wir reagieren, wenn unser Kind nicht der Norm entspricht. Gerade in der Pubertät verändert sich der Körper insbesondere der Mädchen stark, diese Gewichtszunahme ist nötig, damit die Pubertät überhaupt normal abläuft. In einem Alter, in welchem die Kinder eh sehr verletzlich sind, werden sie dann aber oft stigmatisiert – mit teilweise verheerenden Folgen, wie dieses Interview mit der Chefärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie der Psychatrischen Universitätsklinik Zürich eindrücklich zeigt.

Warum ist dieses Thema in Ihren Augen für Kinder besonders relevant?
Die isländische Gesundheitsexpertin und Körperrechtsaktivistin Sigrún Daníelsdóttir hat es kürzlich an einem Kongress schön formuliert: «Das Recht, sich im eigenen Körper sicher, respektiert und zu Hause zu fühlen, sollte als eines der grundlegendsten Kinderrechte angesehen werden.». Diskriminierung durch Hänseleien aufgrund des Gewichts im Kindesalter wird verinnerlicht und kann später im Leben weitreichende Folgen haben. Ich selber habe beispielsweise als Kind geglaubt, dass ich wegen meines Gewichts niemals werde heiraten können. Weitere, wissenschaftlich erhobene Folgen sind, dass dicke Menschen auf dem Arbeitsmarkt glauben, dass sie es nicht verdient haben, gleichwertig behandelt zu werden oder dass dicke Frauen unter 30 Jahren häufiger sexuell risikoreiche Praktiken eingehen (z.B. auf Kondome verzichten). Body Positivity ist daher auch eng mit der Frage nach «consent», also Einverständnis verknüpft. Das heisst, ein besseres Körperbild stärkt Jugendliche auch beim Sex dabei, ihre Grenzen aufzuzeigen und besser nein sagen zu können. Körperrespekt ist also auch eng mit Gewaltprävention verknüpft.

«Ich habe als Kind geglaubt, dass ich wegen meines Gewichts niemals werde heiraten können.»

Wie kann man Kindern ein gesundes Körpergefühl vermitteln?
In dem wir unseren Körper als Instrument anschauen, der tolle Sachen macht und indem wir unsere Kinder ermutigen, sich selber zu spüren und ihre Emotionen spüren. Das Bilderbuch «Your Body is Brilliant» eignet sich beispielsweise gut dafür. Ausserdem müssen wir Eltern uns bewusst sein, dass unsere Bemerkungen für unsere Kinder am verletzendsten sind, nicht diejenigen ihrer Kollegen und Freundinnen. Aber ich weiss auch: Viele Eltern handeln auch aus Sorge und weil sie möchten, dass ihr Kind ein möglichst einfaches Leben hat. Eltern dicker Kinder gelten denn auch oft als schlechte Eltern, die nicht zu ihren Kindern schauen. Trotzdem möchte ich allen betroffenen Eltern sagen: Ein gutes Körpergefühl ist wichtig für Eure Kinder und am einfachsten lernen sie es, indem Ihr selber mit Eurem Körper Frieden schliesst.

«Ein gutes Körpergefühl ist wichtig für Eure Kinder und am einfachsten lernen sie es, indem Ihr selber mit Eurem Körper Frieden schliesst.»

Sie haben kürzlich von der Berner Impact Hub Community 5’000 Franken erhalten für weitere Aktionen. Was planen Sie mit dem Geld?
Ich möchte im März 2021 einen grösseren Event durchführen, den ersten Schweizer Body Respect Day, nämlich. Einen solchen gibt es bisher nur in Island. Aber ich habe auch kurzfristigere Ziele: Am 8. März 2020 organisiere ich im Rahmen des Feministischen Aktionswochenendes in Bern einen Workshop zum Thema «Was hat «Bodypositivity» mit Feminismus zu tun?». Am 13. März folgt ein weiterer Community Event in Bern. Hier kann sich für meinen Newsletter anmelden, wer auf dem Laufenden bleiben will.

Melanie Dellenbach

Melanie Dellenbach ist ausgebildete Pflegefachfrau HF, Mutter einer sechsjährigen Tochter und Körperrespektsaktivitstin. Sie bezeichnet sich selber als dick und verwendet diesen Begriff als neutrales Adjektiv.

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18. Februar 2020
elisa
Wie bei allem anderen auch, finde ich das, was wir vorleben, fast am entscheidendsten. Ich beobachte bei meinen Kindern, dass ich reden kann, bis ich blau im Gesicht bin. Aber was ich vormache, tun sie mir nach. Sie sehen bspw., dass ich von allem - auch Süsses und Fettiges - esse und mir nichts verbiete (auch wenn ich gerne gesund und ausgewogen koche). Anders als meine Mutter, die sich zum Abendessen immer nur Salat und Hüttenkäse erlaubte. Was mich übrigens sehr geprägt hat. Ich achte sehr darauf, wie ich über meinen Körper oder über andere spreche und welche Adjektive ich verwende. Aber ich bin überzeugt, dass Kinder auch viel Unterschwelliges und Feinstoffliches spüren. Deshalb glaube ich, dass Taten noch fast mehr ins Gewicht fallen als Worte.