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Papa ist ein Hanswurst oder eine Randfigur

Väter kommen in den meisten Kinderbüchern nicht gut weg. In der Serie «Eselsohren» stellen wir heute sechs Ausnahmen vor – mit Verlosung!
29 Aug 2017
Illustration — CinCin

Prominente Vaterfiguren in der Kinderliteratur gibt es scheinbar reihenweise: Pippi Langstrumpfs Piratendaddy, Wickies Vater Halvar, Ronjas Räubervater Mattis, Donald Duck, Balu der Bär, Homer Simpson, Papa Moll, Herr Taschenbier, Ersatzvater des «Sams» … Bei genauerem Hinsehen allerdings fällt auf, dass die väterlichen Helden fast ausschliesslich in zwei Kategorien fallen: lustiger Lulatsch oder Randfigur.

Grundsätzlich ist gegen etwas tolpatschige Papas nichts einzuwenden; Geschichten von gewitzten Kindern funktionieren ja gerade wegen der Unbeholfenheit und Borniertheit der Erwachsenen so grossartig. Doch viel häufiger sind Väter schlicht abwesend. Brancos («Die rote Zora») wie auch Babars Väter beispielsweise sind derart irrelevant, dass beide beim Tod der Mutter automatisch zu Waisen werden. Bei Pippis Papa ist das zwar nicht der Fall, doch auch sein herausragendstes Merkmal – abgesehen vom Seeräuberbauch – ist seine Abwesenheit. Auch in vielen modernen Kinderbüchern ist der Vater faktisch nicht existent. Mutti deckt den Tisch, während man vom vielbeschäftigten Papi gerade noch den Mantelzipfel zur Tür hinaus verschwinden sieht. Wenn überhaupt.

In vielen modernen Kinderbüchern ist der Vater faktisch nicht existent. Mutti deckt den Tisch, während man vom vielbeschäftigten Papi gerade noch den Mantelzipfel zur Tür hinaus verschwinden sieht.

Eine neue, auf politische Korrektheit getrimmte Kinderbuchgattung gibt Gegensteuer. Dazu gehört eine Schwemme von Papabüchern («Papa Brumm», «Ich hab dich lieb, Papa»), vereinzelte Mamabücher («Meine Mama ist ein Superheld»), aber auch Bücher mit explizitem Fokus auf Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern, binationalen Eltern, geschiedenen Eltern, Eltern mit umgekehrter Rollenverteilung. Das ist natürlich richtig so, und auch wenn die gute Absicht in ihrer Aufdringlichkeit zuweilen etwas nervt, findet man in dieser Sparte durchaus schöne Bücher.

Doch wo sind die normalen Väter? Nicht die betont emanzipierten Exemplare in den Papabüchern; auch nicht die lustigen Hanswurste oder die Gutenachtkusspapis, die auf der letzten Buchseite noch rasch das abendliche Urbi et Orbi sprechen – sondern die sich ganz selbstverständlich kümmernden Alltagsväter?

Auch wenn man nach den männlichen Butterbrotstreichern etwas länger forschen muss: Es gibt sie. Hier ein paar Favoriten.

  • Michael Ende: «Das Traumfresserchen»
    In diesem Kinderbuchklassiker ist es Papa König, der sich auf die Suche macht nach einem Mittel gegen Prinzessin Schlafittchens Schlaflosigkeit. Auch eine Mutter gibt es, doch es ist der Vater, der sich des Problems seiner Tochter annimmt und schliesslich die ausschlaggebende Begegnung macht. Ein toller Vater und ein tolles Buch gegen Alpträume.
    «Das Traumfresserchen»
  • Melanie von Bismarck und Axel Scheffler: «Als die Hasen noch fliegen konnten»
    Ein Vater erfindet lustige Geschichten für seine Tochter. Der Panther tanzt den Tiger-Tango, Gespenster lassen Socken verschwinden, und nicht nur Hasen, sondern auch Nashörner fliegen durch die Lüfte.
    «Als die Hasen noch fliegen konnten
  • Michael Rosen, Helen Oxenbury: «Wir gehen auf Bärenjagd»
    Auch dies ein Kinderbuchklassiker: Die grossartige Bärenjagd mit Papa geht wischel-waschel durchs hohe Gras, quietsch-quatsch durch den Sumpf und holper-stolper durch den Wald. Leider ist auch die deutsche Übersetzung derart holper-stolperig, dass einem auf jeder zweiten Doppelseite ein unwohliger Schauer über den Rücken läuft, wenn wieder der Vers vom Bären kommt, «dem Grossen», bei dem man «keine Angst in den Hosen» haben muss.
    «Wir gehen auf Bärenjagd»
  • Benji Davies: «Nick und der Wal»
    Was für ein zauberhaftes Buch! Dass Nick nur mit seinem Papa, dem Fischer zusammenlebt, steht gar nicht im Zentrum der Geschichte, sondern schwingt eher beiläufig mit. Endlich ein Papa, der nicht nur Abenteuer mitmacht, Fussball spielt und Gutenachtküsse verteilt, sondern Brote schmiert, Suppe kocht, tröstet und hilft, wenn es nötig ist. Auch wenn es darum geht, einen Walfisch aus der Badewanne zu bugsieren.
    «Nick und der Wal»
  • Martin Waddell, Barbara Firth: Reihe Kleiner Bär, grosser Bär
    Eine erfrischende Bilderbuchreihe mit einem ganz anderen Konzept: Hier stehen keine expliziten Mama- oder Papafiguren im Mittelpunkt, sondern einfach die Interaktion zwischen Kind und Erwachsenem. Beide Figuren sind geschlechtsneutral, so dass sich Väter wie Mütter, Töchter wie Söhne mit den beiden Bären identifizieren können, die zusammen aufräumen, Holz sammeln, spielen und einschlafen.
    Kleiner Bär, grosser Bär
  • Eric Carle: «Herr Seepferdchen»
    In diesem wunderschönen Buch (dessen Autor und Illustrator mit der Raupe Nimmersatt bekannt geworden ist), begleitet man Herrn Seepferdchen, der sich um die gemeinsamen Eier kümmert und darauf wartet, dass seine Babys schlüpfen. Unterdessen unterhält er sich mit allerlei Unterwassergetier wie der Seeschnepfe und dem Steinfisch. Allerliebst!
    «Herr Seepferdchen»

Offenbar gibt es mehr tolle Vaterfiguren, als man meinen könnte, wenn man gut genug hinschaut. Jedenfalls findet man auf der «Papa-Liste» von Christian Meyn-Schwarze eine Vielfalt von Kinderbüchern, in denen Väter mehr sind als Randfiguren.

Bild — CinCin

Verlosung

Wer ein Exemplar von «Nick und der Wal» gewinnen möchte, schreibt bis 31. August 2017, 23:59 Uhr ein E-Mail an verlosungen@kleinstadt.ch. Die Gewinnerin/der Gewinner wird ausgelost, benachrichtigt und muss das Buch persönlich im Chinderbuechlade an der Gerechtigkeitsgasse 26 in Bern abholen.

* Catherine Bauer ist Bildungsforscherin und seit kurzem Mutter eines kleinen Buben. Für Kleinstadt hat sie bereits ihre besten Gotti- und Götti-Tipps zusammengetragen – hier nachzulesen. In der Rubrik «Eselsohren» stellen wir jeden Monat unsere Lieblingsbilderbücher vor. Sie wird unterstützt vom Chinderbuechlade Bern. Hier alle bisher erschienenen Tipps.

Chinderbuechlade, Gerechtigkeitsgasse 26, Bern – www.chinderbuechlade.ch

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