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Schlafkolumne: Wie verkürzen wir das Abendritual?

Was, wenn die Abende zum täglichen Kampf werden und die Eltern keine Zeit mehr für sich haben? Schlafberaterin Sibylle Lüpold weiss Rat.
4 Feb 2021
Bilder — Unsplash

Schlaf-Frage: Wie erobern wir Eltern unsere Abende zurück?

Ich habe weniger eine Schlaf- als wohl eher eine Erziehungsfrage. Unsere Abende mit unseren Kindern werden immer anstrengender – und länger. Leider ist in letzter Zeit fast alles ein Kampf: aufräumen, Pyjama anziehen, Zähne putzen – bis wir dann endlich zum Bücher schauen und vorlesen kommen. Dabei schläft das kleinere Kind (4) ein (so 20:30h). Das Grössere (6) kriegt dann noch einmal «Spezialzeit» mit jemandem von uns Eltern allein. Bis es auch schläft ist es 21 Uhr, manchmal noch später (schläft allein ein, aber meistens nicht ohne noch 3x zu rufen, weil irgendwas ist …). Das ganze Prozedere scheint uns einfach unglaublich aufwändig. (Unsere Eltern hätten für sowas nie Zeit gehabt!)
Wie können wir das ganze Tamtam verkürzen, ohne dass jemand zu kurz kommt?
Und wie können wir unsere Kinder dazu bringen, kooperativer zu sein in diesem Ablauf, ohne mindestens einmal pro Abend zu drohen? (Wir wollen eigentlich nicht drohen …)
Wir beginnen meistens so 19:00/19:30h mit dem Abendritual. Zu spät vielleicht? Sollen wir mal Familienrat machen, eine Art Reset, und es mit ihnen besprechen?

Antwort von Sibylle Lüpold: «Den Teufelskreis durchbrechen»

Ich muss vorweg ehrlich sagen, dass ich mit dem Wort «Erziehung» nichts anfangen kann und weder fachlich noch persönlich in der Lage bin, «Erziehungstipps» zu vermitteln. Ich weiss nicht, wie Erziehung geht. Wenn ich – zumindest seit ich selbst Mutter bin – von etwas eine Ahnung habe, dann von Beziehung. Ich bin übrigens der Überzeugung, dass heutige Elterngenerationen ihre Kinder nicht mehr erziehen, sondern bestenfalls eben beziehen. Und weil sie nicht genau wissen, wie das geht (selbst haben sie es nämlich oft nicht gelernt), haben sie bei dieser Aufgabe immer wieder das Gefühl, jegliche Orientierung zu verlieren.

Frühere Generationen haben ihre Kinder erzogen. Was das individuelle Kind fühlte und brauchte, spielte da keine grosse Rolle: Die Gesellschaft hatte ein klar definiertes Bild des «braven» Kindes und Aufgabe der Eltern war es, ihr Kind in diese vorgefertigte Form zu pressen. Dies geschah über ein Minimum an Zuwendung (nur ja nicht verwöhnen!), ständiges Ermahnen, Verbieten und notfalls Bestrafen. Bestrafungen erfolgten in Form von Liebesentzug, Trennung oder körperlicher Züchtigung. Kinder lernten damals bereits in den ersten Wochen, dass Schreien nicht viel bringt und dass sie dann am meisten Zuwendung bekamen, wenn sie sich möglichst unsichtbar machten. Gefühle und Bedürfnisse wurden von Anfang unterdrückt – was sich später im Leben in Form zahlreicher Störungen äusserte und immer noch .

«Ich finde die Frage deshalb so wichtig, weil sie schön zeigt, dass es eben auch beim Schlafen nicht um Erziehung geht.»

Die Generationen, die jetzt damit beschäftigt sind, kleine Kinder «grosszuziehen», wurden in ihrer eigenen Kindheit vermutlich nicht mehr geschlagen (obschon auch diese Taktik heute noch versteckt üblich ist), aber sie bekamen oft auch nicht die Nähe und Geborgenheit, die sie wirklich gebraucht hätten. Füttern nach Bedarf, Tragen und gemeinsames Schlafen haben sie erst in den vergangenen Jahren vermehrt durchgesetzt. Und erstmals nicht mehr mit dem Ziel, Kinder «gefügig» zu machen, sondern ihre Bedürfnisse zu erfüllen, damit sie sich zu glücklichen und ausgeglichenen Menschen entwickeln. Modernen Eltern reicht es nicht mehr, dass ihre Kinder «gross werden» – sie wünschen sich, dass sich ihre Kinder auf individuelle Weise entfalten können.

Das hat meiner Meinung nach nichts mehr mit Erziehung zu tun, sondern ist eine Form von Beziehung. Und darum geht es doch: Wir Eltern wollen mit unseren Kindern in Beziehung treten, wir wollen entspannt und glücklich gemeinsam unterwegs sein und wünschen uns, dass unsere Kinder uns später nicht einfach nur Pflichtbesuche abstatten, sondern, dass sie auch dann noch aus Freude mit uns Zeit verbringen, wenn sie nicht länger von uns abhängig sind.

«Beziehung ist wesentlich komplexer und schwieriger als Erziehung.»

Das klingt doch alles wunderbar – nur hat es einen Haken: Beziehung ist nämlich wesentlich komplexer und schwieriger als Erziehung. Wie man ein Kind erzieht, lässt sich vermutlich in einem Buch vermitteln. Wie Eltern mit ihrem Kind eine Beziehung aufbauen – dafür bräuchte es vermutlich pro Familie ein eigenes Buch. Bei der Beziehung ergibt nämlich 1 + 1 nicht immer 2. Je nach Persönlichkeit, Alter und Lebensumstände ist die Beziehung zwischen einer Mutter/einem Vater und ihrem/seinem Kind immer anders. Woran also können sich Eltern orientieren? Immer dann, wenn sie das Gefühl haben, es läuft gerade gut, verändert sich irgendein Aspekt ihrer Beziehung und sie haben den Eindruck, sie müssten wieder von Vorne anfangen. Beziehung ist im Gegensatz zu Erziehung ständig in Bewegung. Aber das macht es ja auch so spannend und lebendig.

Das war jetzt alles noch keine Antwort auf die Frage. Aber ich musste so weit ausholen, damit verständlich wird, wie ich das Ganze betrachte. Ich finde die Frage deshalb so wichtig, weil sie schön zeigt, dass es eben auch beim Schlafen nicht um Erziehung geht (wie so viele Eltern irrtümlicherweise denken). Gerade beim Schlafen geht es enorm stark um Beziehung. Warum? Weil die Müdigkeit und Dunkelheit beim Kind das Bedürfnis nach Bindung verstärken. (Ein)Schlafen ist eine sehr emotionale Sache und da Kinder noch kaum Fähigkeiten entwickelt haben, ihre Emotionen zu regulieren, werden Familienabend oftmals zu höchst emotionalen Momenten. In vielen Familien spielen sich über Monate bis Jahre hinweg allabendliche Dramen ab, denen alle Familienmitglieder (scheinbar) hilflos ausgeliefert sind.

«In vielen Familien spielen sich über Monate bis Jahre hinweg allabendliche Dramen ab, denen alle Familienmitglieder (scheinbar) hilflos ausgeliefert sind.»

Ich vergleiche das gerne mit einer Achterbahn, in der die Familie Kurve um Kurve rast und nicht mehr aussteigen kann. Jemand muss den Stopp-Knopf drücken! Die Kinder können das nicht – dazu fehlt ihnen die Fähigkeit, vernünftig und lösungsorientiert zu denken. Also müssen die Eltern das tun. Und am besten drücken sie nicht nur den Stopp-Knopf, sondern steigen gar nicht erst in die Achterbahn ein. Das bedeutet aber, dass sie das Abend-Szenario, das sich schier endlos wiederholt, analysieren und erkennen, wie sie es anders gestalten können. Spätestens dann, wenn es sich wie bei der Fragestellerin nach «Kampf» anfühlt, macht es Sinn, konkrete Veränderungen anzugehen. Denn ganz ehrlich: Das Leben ist einfach zu kurz (und insbesondere die wertvollen Jahre mit unseren Kindern), um es täglich als «Kampf» zu empfinden.

Also, es geht bei der Fragestellerin primär darum, den «Teufelskreis» zu durchbrechen, wie sie treffend schreibt. Und da alle Beteiligten emotional involviert sind, muss es über die Emotionen laufen. Es geht darum, bewusst eine andere Richtung einzuschlagen, bevor man im «Strudel» gefangen ist. Früher mit dem Abendritual anzufangen bringt meiner Meinung nach nichts, aber mit einer anderen emotionalen Haltung heranzugehen ist empfehlenswert. Dafür müssen die Eltern erkennen, ab welchem Zeitpunkt und bei welchem «Ereignis» sie in die Achterbahn einsteigen. Wo wird die Situation angespannt, wann werden sie als Eltern nervös, ungeduldig, genervt, wann werden die Kids fordernd, «mühsam», anstrengend? Was ist der Auslöser? Und was können sie tun, damit es gar nicht so weit kommt?

«Ich vergleiche das gerne mit einer Achterbahn, in der die Familie Kurve um Kurve rast und nicht mehr aussteigen kann. Jemand muss den Stopp-Knopf drücken! Die Kinder können das nicht.»

Es geht darum, den ganzen Ablauf am Abend so zu verändern, dass das «alte» Programm gelöscht und durch ein Neues ersetzt wird. Die Eltern können sich überlegen, wie sie (die Eltern!) möglichst entspannt sein können. Was brauchen sie, damit es ihnen gut geht? Das kann etwas komplett Neues sein (was sogar Sinn ergibt!), z. B. die Lieblingsmusik auflegen und dazu tanzen. Spass haben, das entspannt, und diese Entspannung überträgt sich auf die ganze Familie.

Möglicher Ablauf:

  • Ziel: Negativspirale verlassen = Routine komplett verändern.
  • 2–3 Abende lang etwas tun, was den Eltern Spass macht, sich nicht auf die Kinder ausrichten, sondern auf die eigenen Bedürfnisse (etwas, das mit den Kids machbar ist).
  • Den Fokus erst mal primär auf die Entspannung und das «Löschen» der negativen Emotionen richten. Noch kein konkretes Ziel haben («Wir tun das und das, damit die Kids um X Uhr im Bett sind»).
  • Aushandeln des neuen Abendablaufs (zusammen mit den Kids). Dies geschieht nun aus einer entspannten Position heraus und nicht «im Stress». Hier ist es wichtig, dass zuerst mal jeder ausdrücken kann, wie er sich bisher gefühlt hat. Dann wird eine Vision davon kreiert, wie sich in Zukunft jeder gerne fühlen möchte. Die Eltern könnten z.B. sagen: «Ich habe mich bisher oft so hilflos gefühlt, weil ich nicht wusste, was ich tun soll, damit Ihr beiden gut einschlafen könnt. Ich habe dann manchmal schon vor dem Abend Angst davor gehabt, dass es wieder ganz schlimm wird. Ich fühle mich oft traurig, weil ich doch gerne auch mal mit Papa/Mama etwas Zeit verbringen möchte … etc». Gespräche, die authentisch sind und über Gefühle und nicht über «Es muss so sein!» und Drohungen laufen, sind viel erfolgreicher. Dabei ist es jedoch wichtig, beim Kind keine Schuldgefühle zu auszulösen. Die Vision könnte lauten: «Ich möchte gerne, dass wir es abends zu viert noch richtig schön haben und die Zeit geniessen können. Ich möchte mit Euch beiden Spass haben und mich auf die Abende freuen. Ich möchte aber gerne auch noch Zeit mit Papa/Mama verbringen, weil es uns beiden dann besser geht, wir glücklicher sind und mehr Energie für Euch haben.» (In Worten erklären, die die Kinder verstehen können.)
  • Die Abmachungen werden gemeinsam getroffen und schriftlich/bildlich festgehalten (grosses Plakat, das z. B. im Flur aufgehängt wird). Erstmal werden alle Bedürfnisse der Familienmitglieder erkannt (jeder zeichnet oder schreibt seine auf ein Papier) und dann wird ausgehandelt, welche Bedürfnisse wann erfüllt sein können und wo jeder Abstriche machen muss (faire Kompromisse finden, bei denen alle etwas bekommen und alle etwas «geben» müssen). Alle dürfen/sollen daran mitwirken und erklären sich einverstanden.
    Teil der Abmachung kann auch sein, dass die Kids vor dem Zu-Bett-Gehen noch mal richtig herumtoben dürfen. Dann ist die Energie raus und sie können entspannter einschlafen. Eltern versuchen oft unnötigerweise, das Abendritual ganz ruhig zu gestalten, weil sie denken, dass es so sein müsse. Meine Erfahrung (gerade mit Jungs) ist, dass abends oft noch ganz viel Energie raus muss. Also, warum nicht nach dem Abendessen erst mal eine «Kampfrunde» mit Papa einbauen und auspowern? Danach Zähneputzen, Büchlein schauen und entspannt ins Bett. Es gibt nicht «das» Ritual, das immer und jeder Familie klappt. Jede Familie ist anders und muss herausfinden, was sie braucht, um sich wohlzufühlen.
  • Regelmässig zusammensitzen und besprechen, ob die Abmachungen so klappen oder ob es Anpassungen braucht (z. Bsp. 2x im Monat) ist wichtig.
  • Klare innere Haltung: Es ist wichtig, dass die Eltern für klar erkennen, was sie verändern können/wollen und das sie diese Sicherheit dann auch als innere Haltung ausstrahlen (Kinder brauchen gerade in der Einschlafsituation sichere Eltern).
  • Geduld: Wenn die Abmachungen von den Kids am ersten Abend noch nicht wie abgemacht eingehalten werden: Geduldig und liebevoll sein, aber bestimmt daran erinnern und dran bleiben.
  • Nicht überfordern: Die Abmachungen müssen sich am Entwicklungsstand des Kindes orientieren und können gerade bei einem kleinen Kind nicht sein, dass es alleine einschlafen muss, wenn es dabei grosse Angst hat.

Was die «Geschichte» der Fragestellerin schön zeigt, ist, dass es nicht unbedingt einfacher wird, wenn die Kinder älter werden (vor allem dann nicht, wenn sich bereits ein Teufelskreis entwickelt hat). Dafür kann man mit älteren Kindern gut reden, verhandeln und Abmachungen treffen. Diese müssen regelmässig neu besprochen werden, weil sich Situationen und Bedürfnisse verändern. Das macht es anstrengend, aber auch spannend und lebendig. Dadurch wachsen Familien auch zusammen! Es ist in einer Paarbeziehung ja nicht anders – da muss auch ständig wieder daran gearbeitet werden.

Habt ihr auch eine Schlaf-Frage? Dann schickt sie uns auf hallo@kleinstadt.ch. Wir können nicht alle beantworten, werden aber nach und nach häufige Fragen aufnehmen und Sibylle Lüpold um eine Antwort bitten.

Sibylle Lüpold

Die Schlafexpertin berät seit zehn Jahren Familien zum Thema Schlaf. In dieser Rubrik spricht sie in loser Folge typische Probleme und Irrtümer rund ums Thema Kinderschlaf an und  liefert Lösungsansätze, die sich in der Praxis bewährt haben. Die bisher erschienenen Folgen findet ihr hier oder zum Teil am Ende dieses Artikels. 

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