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Die Alternative
zum Bäbi

Wie ein CD-Merchandising-Artikel zum Begleiter der Plattenonkel-Tochter wurde – und welcher Blitz herrlich in die Kinderdisco passt.
21 Sep 2018
Bild — Yvo Casagrande

Wenn ich hier schreiben würde, was unsere Tochter derzeit am liebsten hört, dann würde ich hier nun den «Badwanne Pirate» nennen – eine liebevolle Kinder-CD, die nie zu grell geraten ist und auch deshalb empfohlen sei. Aber weil diese Musik einfach so durchläuft, ähnlich wie der ominpräsente Vorwahl-Hit des Jahres, das Kind beschäftigt und mir Zeit gibt, anderes zu erledigen, schreibe ich lieber über eine Aufblasfigur, die wir jüngst unaufgeblasen in den Untiefen einer Kinderzimmerramschkiste wieder gefunden haben.

Das ist auch ein Aufruf, Musik physisch zu besitzen, weil dank den Umschlaggestaltungen immer sehr viele Assoziationen hängen bleiben.

Jene Figur ist nämlich eine grüne Hand mit acht Augen (je nach Zählweise), sie trägt Turnschuhe und sieht supergrell aus. Sie war eine Zeitlang eine treue Begleiterin der damals noch weit jüngeren Tochter, musste gekämmt und gehegt werden. Natürlich hatte vor allem ich Freude an diesem tollen Spleen von einem Gimmick, denn die Figur ist die Coverheldin des Albums «Gliss Riffer» (ja, das ist auch ein Aufruf, Musik physisch zu besitzen, weil dank den Umschlaggestaltungen ja immer sehr viele Assoziationen hängen bleiben). Das Album stammt vom amerikanischen Soundzauberer Dan Deacon, der seine Musik hyperaktiv arrangiert, als gelte es, einen ausufernden Kindergeburtstag zu vertonen. Zur Lancierung seiner bislang letzten Platte gab es eben auch die aufblasbare Gliss-Riffer-Figur dazu, die in unserem Haushalt auf den Namen «Glissi» hört (Hier kann man «Gliss Riffer» kaufen)

Glissi lässt sich trotz der überlangen Zunge prima mitschleppen (beispielsweise an den Schüeli), taugt als Alternative zu Bäbis, und die Musik, die ist eben auch super, auch wenn sie alles andere als beruhigend wirkt. Empfohlen sei hier vor allem der erste Song «Feel the Lightning», der in Kinderdiscos prima passt – dank lustig verfremdeten Stimmen, dank all den Sounds, die diesen fantastischen Popsong über das gimmickhafte hinaus retten. Es wird dann auch trauriger auf dieser Platte (auch wenn man dies – vor allem als Kind – nicht hört), nervenstrapazierender (ja, das auch), aber schlussendlich ist «Gliss Riffer» eine herrliche Angelegenheit, die ich für immer mit den Kleinkindjahren zusammenbringen werde.

Glissis Luft zum Leben scheint derweil allmählich auszugehen. Vielleicht hat die Aufblasfigur irgendwo Leck geschlagen, vielleicht wurde sie auch zu heftig gepflegt. Unvergessen wird sie aber für immer bleiben. Wer braucht da schon Einhörner?

*Benedikt Sartorius lebt als freischaffender Kulturjournalist in Bern, unterhält auf seiner Website einen Musikblog und verschickt wöchentlich den (gerade für musikinteressierte Eltern in Zeitnot sehr empfehlenswerten) Popletter «Listen Up!». Auf Kleinstadt.ch stellt er in seiner «Plattenonkel»-Reihe einmal pro Monat neue Abenteuer in Sound vor. Hier alle bisherigen Tipps.

Musikblog — www.benediktsartorius.ch/blog
Popletter — Listen Up!

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