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«Rap, das sind Versli für Erwachsene»

Die Leseanimatorin und passionierte Geschichtenerzählerin Susi Fux sagt, warum Versli, Liedli und Büechli so gut sind für Kinder.
11 Okt 2017
Illustration — CinCin

Susi Fux*, warum ist es wichtig, Kindern Bücher vorzulesen und Lieder zu singen?
Es ist essenziell für das Erlernen der Sprache und damit auch für das spätere Lesen- und Schreibenlernen.

Liedli singen und Versli aufsagen als Frühförderung?
Das klingt jetzt etwas technisch, aber ja, im Grunde fördert man die Kinder so bereits. Und das Beste ist: Es braucht nichts Besonderes dafür, kein spezielles Programm, es reicht, sich Zeit zu nehmen. Und Büechlischauen bedeutet darüber hinaus viel mehr als Sprachförderung, sondern auch Zusammensein, Geborgenheit, Nähe, ein gemeinsames Erlebnis.

Reicht es schon, täglich ein Buch anzuschauen, zum Beispiel zum Einschlafen?
Je mehr, desto besser. Und nicht nur dann, wenn die Kinder runterfahren sollen, sondern auch tagsüber, wenn sie aktiv dabei sind. Man muss dafür gar nicht immer vorlesen, sondern kann sogenannt dialogisch lesen und die Kinder immer wieder fragen, was sie sehen. Bei den Wimmelbüchern macht man das automatisch. Dann muss das Kind sprechen, und die Sprache wird optimal angeregt.

«Die Sprachentwicklung beginnt ab Geburt und dauert bis etwa 5- oder 7-jährig. Alles, was bis dahin nicht passiert ist, fehlt ein Leben lang.»

Warum ist das so?
Die Forschung dazu ist eher jung, man begann sich erst intensiver dafür zu interessieren, als viele Kinder bei der Pisa-Studie schlecht abschnitten. Aus der Hirnforschung weiss man, dass der Mensch bestimmte Zeitfenster hat, um gewisse Dinge zu lernen. Die Sprachentwicklung beginnt ab Geburt und dauert bis etwa 5- oder 7-jährig, da ist man sich nicht ganz einig. Danach ist das abgeschlossen. Alles, was bis dahin nicht passiert ist, fehlt ein Leben lang. Deshalb ist es so wichtig, dass Kinder früh genug mit Sprache in Kontakt kommen. Und zwar in der direkten Kommunikation, nicht durch Befehle oder Medien oder wenn die Eltern miteinander reden. Das funktioniert nur vom Ich zum Du.

Dann sollte man schon mit Babys richtig sprechen und nicht nur «Düdüdü» machen?
Beides. «Düdüdü» ist schon auch gut, das Kind nimmt das ebenfalls auf, das ist auch Spass an der Sprache. Vor allem merkt das Kind: Oh, meine Töne erzeugen eine Reaktion von den Erwachsenen! Aber vor allem ist es hilfreich, zum Beispiel beim Wickeln dem Kind zu erklären, was man macht: Jetzt hebe ich deine Beine an, jetzt ziehe ich dir die Hose an. So hört das Kind die gleichen Dinge immer wieder.

Es braucht viele Wiederholungen?
Genau. Ein Kind muss ein Wort etwa 50 Mal gehört haben, um es zu speichern. Für die Erwachsenen ist das halt manchmal schwer auszuhalten (lacht). Es gibt sogar Kinder, die in der Bibliothek das gleiche Büchlein ausleihen wollen, das sie daheim schon haben. Irgendwann gehts dann schon vorbei. Aber das Kind lernt nur über Wiederholung. Werden die Worte mit Bewegung verbunden, verankert sich das Gehörte viel stärker im Hirn. Es braucht gar nicht viel Bewegung – da reicht schon ein Fingervers. Sprache und Motorik hängen zusammen. Kinder, die sprachliche Mühe haben, sind oft auch motorisch herausgefordert.

«Sprache und Motorik hängen zusammen. Kinder, die sprachliche Mühe haben, sind oft auch motorisch herausgefordert.»

Als ich Mutter wurde, kannte ich fast keine Kinderlieder und Versli mehr, ich hatte das meiste vergessen. Was sind gute Quellen? Haben Sie Buchtipps?
Das uralte Maggi-Liederbuch, «Chömed Chinde, mir wänd singe», enthält viele Klassiker. Für Versli finde ich «E chlyni Chueh mit Wanderschue» von Lorenz Pauli lustig. Wir lasen unseren eigenen Kindern immer «Es war einmal ein Hase mit einer roten Nase» von Helme Heine vor. Wir können es immer noch alle auswendig. Man muss nicht hunderttausend kennen. Die Kinder haben dann zwei, drei Lieblingsversli, das reicht dann auch.

Der Berner Verlag Vatter & Vatter hat gerade  die Klassiker «Liedli» und «Värsli» von Dorothee Zürcher-Maas aus den 70ern neu aufgelegt. Sind Büechli, Versli und Liedli auch Trends unterworfen?
Ja, gerade erscheinen zum Beispiel wieder viel mehr Versli-Bücher. Unsere Eltern haben noch viel mit uns Versli aufgesagt und Lieder gesungen. Aber danach kam eine Zeit, in der das nicht mehr in war. Da merkte man aber bald: Das fehlt den Kindern! Schon nur von der sprachlichen Entwicklung her.

Spielt es eine Rolle, ob die Versli Mundart oder Hochdeutsch sind?
Das ist egal. Hauptsache, es reimt sich. Das lieben Kinder, ja die Menschen überhaupt einfach. Warum sonst ist Rap so erfolgreich? Das ist ja nichts anderes als Versli für Erwachsene. Die rhythmische Verbindung von Musik und Sprache ist etwas Urmenschliches. Eine Theorie zur Entstehung der Sprache geht davon aus, dass zuerst eine Art Gesang war. Das finde ich eine schöne Vorstellung, die mir auch sehr einleuchtet. Man sieht das ja schon bei den Babys: Wenn sie zufrieden sind, produzieren sie Töne, die fast nach Gesang klingen.

Was macht ein gutes Kinderbuch aus? Oder anders gefragt: Wie wählen Sie selber Kinderbücher zum Vorlesen aus?
Es muss einfach etwas anklingen in mir, wenn ich es anschaue. Es muss mich irgendwie inspirieren. Das hat viel mit der eigenen Lesebiografie zu tun. Eltern vermitteln ihren Kindern oft jene Bücher, die sie selbst aus der Kindheit kennen. Es ist ratsam, Kindern eine möglichst breite Palette an Büchern anzubieten, damit sie ihren eigenen Stil finden können.

«Bücher helfen den Kindern, die Welt kennenzulernen. Sie sind ein Fenster zur Welt.»

Ich kenne Kinder, die sich kaum für Bücher interessieren, sie sind dafür motorisch extrem aktiv. Wie kann man denn ein Kind für Büchlein begeistern?
Am besten vermutlich über Sachbücher. Wenn es Bagger gut findet, mag es bestimmt ein Baustellenbüchlein. Irgendwo ist sicherlich ein Interesse vorhanden, an das man anknüpfen kann. Aber ehrlich gesagt kenne ich kein Kind, das gar nicht gern Büechli schaut mit den Eltern. Bücher helfen den Kindern, die Welt kennenzulernen. Sie sind ein Fenster zur Welt.

Heute schauen viele Kids doch lieber Filmli auf dem iPad oder spielen iPhone-Games. Was halten Sie von digitalen Medien?
Es gibt ganz tolle Kinder-Apps. Man kann neue und «alte» Medien auch super kombinieren. Ich arbeite teilweise auch mit solchen Programmen und gebe Kurse unter dem Titel «In die Medienwelt hineinwachsen», für Kinder ab 3 Jahren, immer im Tandem mit Erwachsenen. Dabei kombinieren wir Bücher, Apps und Bastelsachen. Ein Tablet ist nicht nur ein rotes Tuch, man kann sehr kreativ sein damit!

«Es gibt ganz tolle Kinder-Apps. Man kann neue und ‹alte› Medien auch super kombinieren.»

Viele Eltern benutzen iPhones und Tablets eher zum Ruhigstellen. Ich auch: Unser Sohn darf auf dem iPhone spielen, wenn er beim Coiffeur sitzt.
Ich verstehe das, als Notlösung. Da muss jede Familie ihre eigenen Regeln haben. Aber die Geräte sind ja mehr als Konsummaschinen. Dabei ist allerdings das Vorleben ein wichtiges Thema. Einige Zeit lang sah ich viele Frauen, die beim Kinderwagen-Schieben auf dem Handy rumtippten.

Schuldig!
Das sehen die Kinder und wollen es natürlich auch! Kinder sind Nachahmer. Sie beherrschen die Geräte ja auch sofort.

Welche Apps würden Sie denn empfehlen?
Sehr eine gute App ist «Emma isst», das auf einem Buch von Jutta Bauer aufbaut. Daran hat die Autorin auch mitgearbeitet, und das merkt man – die App ist einfach schön! Den umgekehrten Weg nahm «Schlaf gut», da war zuerst die App, dann das Buch. Da löscht man einfach auf dem Bauernhof bei allen Tieren das Licht – und am Ende beim Kind selbst.

Für Sie sind also die neuen Medien keine Bedrohung?
Nein. Viele Verlage haben diese Entwicklung etwas verpasst – im Sinne von: Wenn ich die Augen schliesse, passiert mir auch nichts. Aber die Neuen Medien verschwinden nicht. Es ist wie beim Aufkommen des Fernsehers oder sogar des Buchdrucks. Am Anfang muss die Gesellschaft lernen, wie sie damit umgehen will.

Ist denn nichts dran an der immer wieder gehörten Klage, dass sich die Kinder nicht mehr gut konzentrieren können?
Das sagen viele. Aber ich spiele seit über 30 Jahren Figurentheater – und die Kinder können sich immer noch genau gleich konzentrieren. Natürlich gibt es immer welche, die zum ersten Mal dabei sind und deshalb aufgeregt sind. Aber das war früher genauso. Es ist aber natürlich auch möglich, dass diese unruhigen Kinder gar nicht erst an solche Veranstaltungen kommen. Und selbst wenn: Dann muss man selber einfach ruhig bleiben. Und auch den Eltern sagen: Es ist in Ordnung. Kinder dürfen, ja, sie sollen sich bewegen und mitleben.

* Susi Fux ist ursprünglich ausgebildete Kindergärtnerin und war eine der ersten Leseanimatorinnen der Schweiz. Sie ist Mutter zweier erwachsener Kinder und stolze Besitzerin von mehr als 1000 Kinderbüchern. Sie spielt Figurentheater, führt Veranstaltungen für das Leseförderungsprojekt Buchstart durch, gibt Kurse – und träumt davon, in Bern ein Kinderbuchhaus zu eröffnen. Wer daran mitarbeiten möchte, darf sich bei ihr melden!

In den nächsten Tagen auf kleinstadt.ch: Unsere liebsten Versli. Und die besten Lieder- und Versli-Bücher.

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