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Weniger ist Meer

Wie lebt man zu viert auf 25 Quadratmetern? Oliver Zäch und seine Familie haben ihre 5-Zimmer-Wohnung gegen ein altes Segelboot getauscht.
20 Dez 2019

Zu viert leben wir seit einem halben Jahr mit unseren beiden Kindern (5- und 10-jährig) auf unserer «Hardrock» und segeln durchs Mittelmeer. Die «Hardrock» ist ein altes Segelboot aus dem Jahr 1991, gut 15 Meter lang und mit vier Kabinen ausgestattet.

Gemeinsam mehr Zeit zu verbringen und ein Abenteuer zu erleben – so ungefähr lautete unser Plan. Klingt erst mal romantisch. Aber dazu später mehr.

Aus der 5-Zimmer-Wohnung mit Balkon und Terrasse in eine Garage: So sehen in etwa die neuen Platzverhältnisse aus. In Zahlen: von 125 auf 25 Quadratmeter. Unser Besitz passt in sechs Taschen. Eine davon für Bücher, Bastel- und Schulmaterial. Eine für Ausrüstung. Jeder und jede eine Tasche à 30 Kilogramm für Persönliches.

«Beim Räumen der Kinderzimmer haben wir festgestellt, dass 90 Prozent der Spielsachen entweder dekorativen Charakter hatten oder einfach nicht mehr benutzt wurden.»

Das passierte natürlich nicht von heute auf Morgen. Und wir haben beim Minimieren viel gelernt. Beim Räumen der Kinderzimmer haben wir festgestellt, dass 90 Prozent der Spielsachen entweder dekorativen Charakter hatten oder einfach nicht mehr benutzt wurden. Im Gespräch mit den Kindern haben wir rausgefunden, was wirklich wichtig ist und womit sie spielen möchten: Unsere Kinder haben sich für Lego, Puppen, Spiele (UNO, Schach, «Bibergang», Puzzles, Memory, etc.), Mal- und Bastelsachen, eine Spielkonsole und ein Tablet entschieden. Das Räumen der Wohnung hatte etwas unglaublich Befreiendes. Weniger ist eindeutig mehr! Je mehr Platz, desto mehr Dinge lagert man  ein. Das Auffüllen von Schränken, Kommoden und Abstellräumen führt zwangsläufig zum Gefühl, dass man mehr Platz braucht. Ein Teufelskreis.

Durchschnittlich beanspruchen Schweizerinnen und Schweizer heute 46 Quadratmeter Wohnfläche pro Person (BFS). 1970 waren es 11 Quadratmeter weniger. Wir probieren es mit mit 6.5 Quadratmetern pro Person. In Anbetracht der immer teurer werden Wohnfläche und steigender Energiekosten ein interessanter Ansatz.

Unsere grösste Herausforderung ist nicht das Segeln, sondern das Zusammenleben auf engem Raum. Kaum Rückzugsmöglichkeiten, ständig 24/7 zusammen zu sein. Keine Kita, kein Fitnessstudio und kein Arbeitsplatz, wo man sich etwas abgrenzen kann.

«Es braucht bedingungslose Liebe, um die Eigenheiten jedes Familienmitglieds zu akzeptieren und mehr als einmal beide Augen zuzudrücken.»

Wie man das ohne Scheidung und oder Überbordwerfen der Kinder aushält? Mit Gelassenheit, Absprachen, Humor, dem gemeinsamen Willen es anzupacken, viel Liebe und unendlich viel Flexibilität. Eines wurde rasch klar: Wir können den Launen, seien sie technischer oder zwischenmenschlicher Natur, nicht davonschwimmen. Also hilft nur Gelassenheit, sich bei Herausforderungen nicht zu ärgern, sondern zu wundern. Absprachen, in denen man sich beispielsweise gegenseitig kleine Freiräume schafft, sodass mal eine ein Buch lesen kann, während der andere das Homeschooling übernimmt. Humor, um dem verstopften Fäkalientank mit einem Zwinkern zu begegnen. Den Willen, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen und sich nicht durch Hochs und Tiefs (buchstäblich und im übertragenen Sinn) von seinem Plan abbringen zu lassen. Bedingungslose Liebe, um die Eigenheiten jedes Familienmitglieds zu akzeptieren und mehr als einmal beide Augen zuzudrücken. Und letztlich Flexibilität, denn egal, was und wie etwas geplant wird, es kommt sowieso anders. Und das ist irgendwie gut so!

Vermissen wir etwas? Oh ja. Wir vermissen Freunde, Kollegen und Familie. Wir vermissen unsere Fahrräder, Skis und Snowboards. Manchmal vermissen wir unser Bett, eine warme Dusche oder die Waschmaschine. Aber: Wir haben gelernt, dass wir nicht viel brauchen – seien es Dinge oder Platz – um zufrieden zu sein. Weniger ist manchmal wirklich Meer.

Die Zächs sind eine multinationale, mehrsprachige Familie (Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch) mit Wurzeln an der Pazifikküste Mexikos und den Alpen der Zentralschweiz. Lyz, Oli und ihre Kinder Lou (5) und Atl (10) haben im Frühling 2019 ihre Wohnung in der Schweiz geräumt, um den Traum vom Leben auf dem Segelboot zu verwirklichen. Einen Zeitplan gibt es dafür nicht: Solange alle Spass haben, es finanziell geht und das Boot mitmacht, segeln sie weiter. Oli und Lyz haben in den vergangenen Jahren ihr ganzes Geld in Immobilien gesteckt und können die Reise vom Ertrag der Mietzinse durch die Vermietungen finanzieren.
Auf ihrem Blog veröffentlichen sie regelmässig Videos. www.familiaporelmundo.com

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