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Das Landleben wird verklärt

Städter romantisieren das Leben auf dem Land hoffnungslos. Es ist längst nicht so idyllisch, wie viele meinen. 7 Gründe gegen das Landleben.
22 Mai 2017
Bild — Bruna Casagrande

Kommen Stadtfreunde zu uns aufs Land, schwärmen sie. Nennen unser altes, spinnennetzbehangenes Haus und den fast nicht zu zähmenden Garten ein kleines Paradies. Unternehmen gerne Velotouren hierher, um dann ihr Bidon an unserem Brunnen zu füllen. «Und, wie lange bleibt ihr hier in den Ferien?», fragen sie augenzwinkernd, bevor sie sich wieder der Zivilisation zuwenden.

Einverstanden. Das Landleben hat seinen Reiz, darum haben wir uns ja auch dafür entschieden. Verklärung ist aber fehl am Platz, liebe Städter. Und darum hier, einfach zu eurer Erinnerung, sieben Gründe, warum ihr ganz sicher lieber in der Stadt wohnt:

1. Mücken. Auf dem Land leben, ist wie ein Dauerplatz auf dem Camping in Estavayer-le-lac. Wunderbar in der Vorstellung, in der Realität aber etwas anstrengend. Beginnt es zu dämmern, zieht man besser Socken, Pullover und lange Hosen an und sprüht Hände und Hals mit Mückenspray ein. Oder aber man verzieht sich nach drinnen. Obwohl sie trotz allen Sicherheitsvorkehrungen auch dort lauern.

2. Fliegen. Sie nerven. Je näher die Kühe weiden und je mehr es von ihnen gibt, desto ärger die Fliegenplage. Und auch diese Viecher schaffen den Weg nach drinnen unverschämterweise immer wieder.

3. Mäuse. Wühlmäuse haben den Feigenbaum und unser Lauchbeet auf dem Gewissen. Hausmäuse haben sich zwischen den Wänden im Kinderzimmer eingenistet. Gerade wenn die Kleinen schlafen wollen, liefern sie sich dort drin wilde Rennen. Es bangt mir vor dem Tag, wo sie einen Weg ins Hausinnere finden.

4. ÖV. Ja, wir haben ÖV. Ja, er fährt sogar jede Stunde. Ja, bis um Mitternacht. Und ja, auch am Wochenende. Trotzdem. Spontan eis ga zie nach Bern? Ist in gut zwei Jahren vielleicht ganze zwei Mal vorgekommen. Und das Auto, das wir nie wollten, ist häufiger in Betrieb, als wir je für möglich gehalten hätten.

5. Kultur. Es gibt auch hier einen Kulturverein. Der macht etwa vier Veranstaltungen im Jahr. Dazu kommen im Sommer Dorffeste, Waldfeste und andere Chilbis. Meistens mit Blas- oder Volksmusik. Oft mit Feldgottesdienst. Das ist als ethnologische Studie eine gewisse Weile interessant. Bald aber sehnt man sich nach Reitschule, Kairo, Schlachthaus und Co. Die sind gar nicht so weit in Bern. Aber eben, siehe ÖV.

6. Spritzmittel. Aus der Region und für die Region? Natürlich. Nur dass halt kräftig nachgeholfen wird. Das ist bekannt, macht aber nachhaltiger Eindruck, wenn man die grossen Traktoren alle zehn Tage mit einer zehn Meter breiten Spritze über das Kartoffelfeld vor dem Küchenfenster fahren sieht.

7. Mähroboter. Seit sie im Sortiment der Landi sind, scheinen sie sich virusartig auszubreiten. Wie traurige Schildkröten bewegen sie sich lautlos über die ständig kurzgeschorene Rasenfläche. Stossen sie an den wegweisenden Draht, wenden sie sich nimmermüde um. Es sind Maschinen, ich weiss, trotzdem tun sie mir leid.

Von solchen Problemen, liebe Städter, bleibt ihr verschont. Darum: Besucht uns Ausgewanderte, rühmt unser kleines Paradies und kehrt dann erleichtert wieder nach Bern zurück.

* Marina Bolzli ist Kulturjournalistin bei der «Berner Zeitung». Aufgewachsen im Emmental, kehrte sie nach 12 Jahren in der Stadt aufs Land zurück mit dem ehrgeizigen Ziel, ihr Gemüse selbst anzubauen.

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