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«Kinder sind im Theater gnadenlos ehrlich»

Für die Schauspielerin Livia Franz ist es «einfach magisch», wenn sie vor Kindern spielt. Die zweifache Mutter hat ein neues Stück am Start.
8 Nov 2019
Bilder — Theater Matte

Noch heute schwärmen die Leute, die es gesehen haben, vom «Muuwurf mit em Gagi ufem Chopf». Danach folgte mit «Das kleine Ich bin ich» ein zweites sehr erfolgreiches Kinderstück im Berner Theater Matte. Einer der Köpfe hinter den beiden Produktionen ist Livia Franz, Mutter zweier Kinder, gelernte Kleinkindererzieherin – und jetzt wieder mit einem neuen Stück parat: «So ein Dingsda, da!» beruht nicht auf einer literarischen Vorlage, sondern wurde von Livia Franz und Markus Maria Enggist von Grund auf entwickelt.  Es ist für Kinder ab 3 Jahren gedacht und ab 9. November 2019 im Theater Matte zu sehen.

Livia Franz, es muss toll sein, eine Kindertheater-Macherin als Mama zu haben. Spielen Sie mit Ihren zwei Söhnen auch viel Theater?
Ich empfinde manchmal den ganzen Alltag als ein Theater. Man weiss nicht, was kommt, und muss in jeder Situation flexibel sein und improvisieren können. Dabei hilft mir häufig der Humor, um mit eher anspruchsvollen Situationen umzugehen. Schön finde ich, dass beide meiner Kinder wissen, was ich arbeite, und dadurch auch meine Leidenschaft miterleben dürfen.

Sind Kinder ein schwieriges Publikum?
Ein anspruchsvolles, ja. Weil sie gnadenlos ehrlich sind. Sie lachen und applaudieren nie aus Höflichkeit, sondern wirklich nur, wenn sie etwas gut und lustig finden. Für Kinder zu spielen, ist auf jeden Fall genauso ernst zu nehmen wie für ein Erwachsenenpublikum.

«Kinder lachen und applaudieren nie aus Höflichkeit, sondern wirklich nur, wenn sie etwas gut und lustig finden.»

Sie sprechen aus Erfahrung.
Ja, ich spiele zusätzlich zu Kindertheater auch in Erwachsenenstücken. Als ich das erste Mal in einem Kindersstück mitspielen durfte, hat es mich gepackt. Es war magisch!

Was denn?
Es klingt kitschig, aber die leuchtenden Kinderaugen sind wirklich durch nichts zu toppen. Ich kann dabei sein, wenn viele von ihnen zum allerersten Mal ein Theaterstück sehen. Das ist einfach ein grossartiger Moment!

«Es klingt kitschig, aber die leuchtenden Kinderaugen sind wirklich durch nichts zu toppen.»

Ich würde gern meinen 5-jährigen Sohn mit dem Theatervirus infizieren. Aber wir waren bislang zweimal im Theater und er hatte beide Male schreckliche Angst. Wie ist das bei «So ein Dingsda, da!», ist das auch so gfürchig?
Nein, gar nicht! Das Stück handelt von zwei Tieren, einer Maus und einer Ameise, die beide am gleichen Ort bleiben möchten. Aber nicht zusammen, sondern alleine. Es entwickelt sich der klassische Konflikt, wenn zwei dasselbe möchten. Doch gemeinsame Wünsche verbinden die beiden allmählich. Ab dem Moment, wo ihnen die Dingsdas vor die Füsse purzeln, beginnt ein gemeinsames Abenteuer. Das wird lustig!

Ein Feelgood-Stück?
Ja, würde ich schon sagen. Es ist witzig, auch poetisch, und die Figuren sind clownesk. Das heisst jetzt nicht, dass alles rosapuder ist, jede Figur hat auch Ecken und Kanten, dadurch ergeben sich Reibungen. Aber ein Happyend brauchts schon, die Kinder sollen mit gutem Gefühl aus dem Theater gehen.

Ab welchem Alter realisieren Kinder, dass das auf der Bühne keine Realität ist, sondern «nur» gespielt?
Ich finde es schwierig, das auf ein Alter zu reduzieren. Es hat für mich mit Fantasie und dem Eintauchen in die Geschichte zu tun. Es gibt schliesslich auch Kinder, die sehr lange an den Osterhasen oder an den Samichlous glauben.

Mit dem «Muuwurf mit em Gagi ufem Chopf» und dem «Das kleine Ich bin ich» haben Sie zwei Erfolge gefeiert. Was macht ein gutes Kindertheaterstück aus?
Was ein gutes Kindertheaterstück ist, ist natürlich subjektiv. Für mich ist ein wichtiger Faktor: Es wird ein Thema aus der Lebenswelt der Kinder aufgegriffen, mit dem sie sich identifizieren können. Die Kinder können lachen, staunen, teilhaben und eintauchen in eine abenteuerliche Welt.

Woher wissen Sie, was die Kinder lustig finden?
Wenn wir es selber lustig finden. Es gibt keinen speziellen Kinderhumor. Aber es ist auch gar nicht unser Ziel, nur Lacher zu provozieren.

Was muss man mitbringen, um ein Stück für Kinder zu produzieren?
Man muss sich gut in sie hineinversetzen können: Funktioniert der Bogen? Begreifen sie die Handlung? Ich habe da einen kleinen Vorteil, als Mutter und gelernte Kleinkindererzieherin weiss ich, was Kinder in welchem Alter gern tun, was ihre Themen sind, wo sie ungefähr stehen mit 3, 4 Jahren. Ich habe aber auch das grosse Glück, mit Markus Maria Enggist auf gleicher Ebene arbeiten zu können, wir verstehen uns quasi blind. Dadurch können wir gemeinsam sehr kreativ tätig sein.

«Mein kleiner Lohn entspricht der Norm in der Kleinkunstszene. Dafür habe ich einen unheimlich abwechslungsreichen und erfüllenden Job.»

Themenwechsel, indiskrete Frage: Die Kleinkunstszene gilt nicht eben als sehr lukrativ. Können Sie leben von dem, was Sie tun?
Ich kann nicht jammern. Es gibt Schauspielerinnen und Theatermacher, die eine Familie ernähren müssen mit ihrem Lohn. Ich habe das Privileg, dass wir zwei Einkommen zur Verfügung haben. Mein kleiner Lohn entspricht der Norm in der Kleinkunstszene. Dafür habe ich einen unheimlich abwechslungsreichen und erfüllenden Job. Er tut mir sehr gut und ist einfach ein toller Beruf für die Seele.

Sie haben Kleinkindererzieherin gelernt. Warum sind Sie umgestiegen?
Weil mich die Schauspielerei so gereizt hat. Ich habe zuvor lange in Kitas gearbeitet, dabei mitgeholfen, eine Kita aufzubauen, aber meiner Meinung nach läuft in dieser Branche vieles am Limit, da leidet auch die Qualität.

«Ich habe  lange in Kitas gearbeitet, dabei mitgeholfen, eine Kita aufzubauen, aber meiner Meinung nach läuft in dieser Branche vieles am Limit.»

Werden Ihre Kinder nicht in einer Kita betreut?
Der ältere ist schon in der Schule. Der jüngere ging früher in die Kita, als ich auch noch im Büro des Theaters arbeitete und insgesamt ein 60-Prozent-Pensum hatte. Aber bei uns läuft nichts 0815. Er war dort nicht happy, und ich verbrachte zu viel Zeit ausserhalb des Hauses. Deshalb habe ich mich letztlich auf die Arbeit auf der Bühne konzentriert, während der Probe-und Vorstellungsphase wird nun unser Sohn von beiden Grosseltern – und am Wochenende natürlich von meinem Mann – betreut, das ist ein Privileg – und hat viel Ruhe in die Familie gebracht.

Sie sind gerade von der Länggasse an den Stadtrand gezogen, von einer 3-Zimmer-Wohnung in ein Haus. Das hat sicher auch einiges verändert?
Ja, wir sind jetzt ganz bünzlig und kommen fast nicht mehr weg von daheim – es ist ein wenig, als wären wir aufs Land gezogen. Wir haben einen Garten, ziehen unser eigenes Gemüse, es ist paradiesisch!

«Wir sind jetzt ganz bünzlig und kommen fast nicht mehr weg von daheim.»

Letzte Frage – Sie sind Mutter zweier Jungs und haben den «Muuwurf mit em Gagi uf em Chopf» inszeniert. Sagen Sie uns: Wie übersteht man die Fäkalphase?
(Lacht) Hmm, ich würde sagen: aushalten und ausleben lassen. Zum Beispiel mit Büchern thematisieren. Oder eine Gestaltungsaktivität mit Häufchen machen, zum Beispiel mit Ton verschiedene Gagis formen. Es ist halt schon etwas Besonderes, wenn da etwas vom Körper weggeht ins WC. Man muss loslassen. Darum ist das wohl auch so lange ein Thema bei manchen Kindern.

«So ein Dingsda, da»

Kinderstück ab 3 Jahren im Theater Matte. Premiere am Samstag, 9. November 2019 (14 Uhr), weitere Spieldaten: jeweils samstags, 16./24./30. November, Sonntag, 1. Dezember, samstags, 14./21. Dezember. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 11 Uhr und um 14 Uhr. Dauer ca. 45 Minuten. Freie Platzwahl.
www.theatermatte.ch

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