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«Kochen ist in einer Extremsituation eine grosse Belastung»

Nanas Lunchbox will Familien in schwierigen Situationen Lichtblicke verschaffen. Die Gründerin hätte das selber gut brauchen können, damals.
14 Jan 2020
Bilder — Tina Ruisinger

Nanas Lunchbox richtet sich an Familien in schwierigen Zeiten und deren Umfeld. Der Service der Bernerin Nannette Keller Johner liefert seit drei Jahren auf Bestellung Mahlzeiten an Menschen, die krank oder verunfallt sind. Das Start-up entstand, nachdem eines der Kinder der Familie Johner schwer erkrankte. Nannette Keller (49) ist Arbeitspsychologin, seit Ende 2016 führt sie zusammen mit Nicole Eisenring und Beatrice Wespi Nanas Lunchbox. Ihre drei Kinder sind heute 17, 15 und 10 Jahre alt.

Nanette Keller, warum braucht es Nanas Lunchbox? 
Mit Nanas Lunchbox wollen wir eine eigentlich uralte Tradition aufgreifen: In schwierigen Situationen wird einem Essen vor die Tür gestellt, das macht wertvolle Zeit frei und schafft Raum und Zeit für Gemeinschaft. Aus meiner eigenen Erfahrung weiss ich, dass das vielbeschworene Dorf sich für viele Leute verzettelt hat. Manche leben in zu grosser Distanz von ihrem Umfeld, es fehlt an einem tragfähigen Netzwerk. Aber auch die Zeit und vielleicht auch die Kapazität, über die Situation unserer Mitmenschen nachzudenken, fehlt vielen heutzutage. In diese Lücke springt Nanas Lunchbox.

Was unterscheidet Nanas Lunchbox denn vom klassischen Pizzalieferdienst?
Das Essen ist bei uns eigentlich Mittel zum Zweck. Natürlich muss es fein, gesund und sorgfältig verpackt sein, denn bewusste Ernährung ist auch in turbulenten Zeiten wichtig, gerade wenn die Krisensituation über längere Zeit anhält. Für die Speisezubereitung sorgt unser Partner von LaCULTina, einem Schulrestaurant in Bern für junge Menschen aus Krisengebieten dieser Welt, das vielfältig, international und mit viel Liebe zum Detail kocht. Die Gerichte werden von LaCULTina täglich frisch zubereitet, die Lebensmittel werden hauptsächlich aus der Region bezogen. Ganz wichtig sind bei uns aber auch die handgeschriebenen Begleitkarten und die «Lichtblicke» (z.B. eine Spielidee für die Kinder), die ich persönlich in die Pakete lege. Das signalisiert den betroffenen Familien: Wir werden nicht allein gelassen. Schliesslich wird die Lunchbox schweizweit versandt, das heisst, ich kann auch eine befreundete Familie in einer anderen Stadt oder auf dem Land problemlos beschenken. Kurz gesagt: Nanas Lunchbox ermöglicht es Angehörigen und Freunden, ihre Anteilnahme auszudrücken und eine betroffene Familie spürbar zu unterstützen, auf eine einfache und willkommene Art.

«Unser Sohn wurde mit 8 Jahren sozusagen über Nacht mit Leukämie diagnostiziert.»

Sie sind selber Mutter eines ehemals schwer kranken Kindes. Wie war das damals?
Unser Sohn wurde mit 8 Jahren sozusagen über Nacht mit Leukämie diagnostiziert. Unsere beiden anderen Kinder waren damals 10- und 2.5-jährig, wir waren zerrissen zwischen Spitalalltag und «normalem» Schulalltag daheim. Ich habe unbezahlten Urlaub genommen und dann gekündigt, um für unseren Sohn da zu sein, mein Mann hat weiter gearbeitet.

Was hat ihnen in dieser Zeit geholfen?
Nach einem langen Tag im Spital mit den gesunden Kindern zuhause am Tisch zu sitzen und zu essen wurde sehr zentral in meinem Leben. Glücklicherweise hatten wir viel Unterstützung aus unserem Umfeld, meine Schwiegermutter hat oft für uns gekocht. Die Gemeinschaft am Tisch bei einem feinen Essen, ohne selber kochen zu müssen, hat mir sehr gutgetan und mich enorm entlastet. Es gab uns ein Stück Normalität zurück und war wie eine Insel, wie eine Pause in dieser langen und anstrengenden Zeit.

«Nach einem langen Tag im Spital mit den anderen Kindern zuhause zu essen wurde sehr zentral in meinem Leben.»

Und was waren für Sie wichtige Erkenntnisse aus dieser Erfahrung?
Im Gespräch mit anderen von Krankheit betroffenen Familien zeigte sich, dass das Einkaufen und Kochen oftmals als grosse Belastung angesehen wird. Es muss halt jeden Tag gemacht werden — sich in einer solchen Extremsituation noch täglich Menüs zu überlegen und den Einkauf zu planen, ist einfach fast nicht mehr möglich. Zudem wird etwas so Alltägliches wie ein gemeinsames Nachtessen am Familientisch plötzlich zu etwas Besonderem. Die Zeit für Gemeinschaft wird massiv reduziert – sowohl für die Familie, fürs Umfeld, Freundschaften, für die Partnerschaft, wie auch für sich selber.

So kamen Sie darauf, Nanas Lunchbox zu gründen?
Die Normalität ist nach Abschluss der Therapie nur sehr langsam wieder in unseren Alltag eingekehrt, insgesamt dauerte die Behandlung der Leukämie zwei Jahre. Nach der Genesung unseres Sohnes hatte ich wieder die Kapazität, mir zu überlegen, welche Arbeit für mich Sinn ergibt. Ich hatte das Gefühl, dass es mich in meinem vorherigen Job nicht braucht, dass andere diese Tätigkeit genausogut ausüben können. Mich selbständig zu machen, hatte ich aber nie geplant, dazu bin ich eigentlich gar nicht der Typ.

Wie verlief der Anfang ihres Projekts?
Ich hatte zwar einen Businessplan, aber keinerlei Erspartes, um in ein Unternehmen zu investieren. So bin ich bei verschiedenen Organisationen vorstellig geworden und habe um Geld gebeten und so auch verschiedene Sponsoren gefunden. Erst danach hat Nicole Eisenring für Nanas Lunchbox ein Logo gestaltet, damit hat das Ganze so richtig Gestalt angenommen, und plötzlich war der Mut da! Meine Freundin Beatrice Wespi hat mich dann ermuntert, einfach mal anzufangen und erste Erfahrungen zu sammeln.

«Die Zeit, die wir als Familie haben, ist so kostbar. Das wurde mir durch die Krankheit unseres Sohnes noch viel stärker bewusst.»

Und wie sieht ihre berufliche und private Situation jetzt aus?
Unser Sohn ist heute gesund und erlebt glücklicherweise keinerlei Einschränkungen im Alltag. Ich bin sehr froh, dass ich das Privileg habe, nicht hochprozentig fix eingebunden arbeiten zu müssen. Die Zeit, die wir als Familie haben, ist so kostbar. Das wurde mir durch die Krankheit unseres Sohnes noch viel stärker bewusst. Nun arbeite ich mit viel Herzblut für Nanas Lunchbox und bin daneben in Teilzeit für die Stiftung Kinderkrebs Schweiz tätig. Es ist immer noch so, dass mir jede Box, die ich versende, ein Riesenfreude ist.

Wenn jemand krank wird:
Was man tun kann für betroffene Familien

  • Kleine Zeichen setzen. Beispielsweise immer, wenn man an die betroffene Person denkt, eine kurze SMS schreiben oder ab und zu eine Postkarte an die Türe stecken.
  • Bei Nachrichten Formulierungen verwenden, die keine Beantwortung benötigen. Beispielsweise «Ich hoffe, heute ist ein guter Tag».
  • Sich weiterhin melden, auch wenn keine Rückmeldung kommt. Manchmal reicht die Energie der Betroffenen einfach nicht, alle Nachrichten zu beantworten, was aber nicht heisst, dass sie nicht geschätzt werden.
  • Regelmässigen Support anbieten. Zum Beispiel Kinder immer am gleichen Wochentag zum Mittagessen einladen. Das entlastet die Eltern enorm, weil sie an diesem Tag nichts mehr organisieren müssen.
  • Ganz konkrete Hilfe anbieten. Beispielsweise: Wir gehen morgen Nachmittag ins Hallenbad, will Eure Tochter mitkommen? Nicht fragen, wann es denn für die Betroffenen geht, das ist oftmals bereits zu viel verlangt.
  • Machen statt wegschauen: Einfach etwas vorbeibringen oder bestellen, Essen beispielsweise anstatt Gutscheine zu verschenken. Im Notfall wird das das Essen dann halt eingefroren.