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«Samichlous, i ha ne Frag»: Lieblingsvärsli

Ein Advents-Ritual zum Gernhaben – Gastautorin Milena Salzmann stellt ihre liebsten weihnächtlichen Verse vor.
29 Nov 2018
Bilder — Sarah Pfäffli

«Mami, hesch scho es Värsli für mi zum Üebe gfunde?» Wie jedes Jahr habe ich mich wieder auf die Suche nach Samichlaus- und Wiehnachstvärsli gemacht. Für uns ist die Weihnachtszeit nicht nur Bastel-, Güetzi- und Sing-Zyt, sondern auch Värslizyt.

Eines unserer Advents-Rituale ist es, vor dem Ins-Bett gehen zusammen die ausgewählten Zeilen durchzugehen. Die Kinder sind beim Üben konzentriert, mit Freude dabei und mächtig stolz, wenn sie ihre Värsli beherrschen. Manchmal erfinden wir gemeinsam noch Gesten dazu, damit sie sich die Reihenfolge besser merken können.

«Die Urgrossmutter rezitiert ein vor fast 80 Jahren gelerntes Gedicht, was unsere Töchter schwer beeindruckt.»

An Publikum mangelt es in der Weihnachtszeit nicht. Natürlich entscheidet das Kind jeweils selbst, ob es sein Värsli aufsagen will oder nicht. Der Samichlaus, Gotte und Götti oder die Grosseltern freuen sich über die vorgetragenen Zeilen. Die Urgrossmutter ihrerseits rezitiert dann ein vor fast 80 Jahren gelerntes Gedicht, was unsere Töchter schwer beeindruckt. Neben den vielen Päckli, dem üppigen Essen und den laut gesungenen Weihnachtsliedern sind die vorgetragenen Värsli für mich jeweils ein stimmungsvoller und feierlicher Höhepunkt des Weihnachtsfests. Die Kinder stehen mit glänzenden Augen vor dem erleuchteten Tannenbaum – und ich bin gerührt und total übertrieben stolz auf sie. Applaus ist garantiert, vergessene Wörter und Zeilen sind egal. Die Kleinen stehen für einen kurzen Moment im Zentrum, und der Fokus ist vom Konsum weggerichtet.

Värsli wie Lieder sind ein geeignetes Mittel, um den Kindern früh die Freude an der Sprache zu vermitteln. Ich erinnere mich gut daran, wie unsere Töchter anfingen, Reimformen in Alltagswörtern zu erkennen und diese lustvoll ausprobierten. Was haben wir schon über echte und vermeintliche Reime unserer Kinder gelacht!

«Värsli wie Lieder sind ein geeignetes Mittel, um den Kindern früh die Freude an der Sprache zu vermitteln.»

Nun zur schwierigsten Frage: Wo finde ich geeignete und vor allem schöne Värsli? Meine bevorzugten Värsli finde ich in alten Värslibüchern (danke Schwiegermami), erhalte ich von engagierten Kindergärtnerinnen oder suche ich im Internet. Ich nehme mir allerdings gewisse Freiheiten in der Gestaltung der gefundenen Texte, da meine Kinder verstehen sollen, was sie aufsagen. So streiche oder ersetze ich Wörter, die sie (oder ich! – was heisst «Biecht»?) nicht verstehen. Manchmal verändere ich ganze Zeilen oder wähle von einem längeren Värsli nur eine Strophe zum Üben aus. Und: Wer gar kein Värsli findet, das ihm gefällt, warum nicht selber eins erfinden? Ältere Kinder können beim Dichten mithelfen, dann macht es doppelt Spass!

Welche Värsli kennt ihr? Hier sind meine Favoriten:

Samichlaus-Värsli
Samichlaus, i bi so froh,
dass du hüt zu mir bisch cho.
Du weisch, i tue gärn Nüssli ässe.
Hesch mis Seckli nid vergässe?
(elternplanet.ch)

Samichlous, i ha di gärn,
Hüür no lieber weder färn!
Wohnsch du eigentlich o z Bärn?
Oder ächt uf emne Stärn?
(Schweizerseiten.ch)

Vo wytem ghört mes glöggele
wär chunnt ächt da cho z töggele
s isch z liebe graue Eseli
es suecht im Schnee nach Greseli
stellt d’Ohre uf u rüeft i-aa i-aa
Juhui! Dr Samichlous isch da!
(swisschlaus.ch)

Es schmöckt um ds Samichlousehuus
nach lutter guete Sache.
Es Röichli stygt zum Chemi uus:
Der Samichlous tuet bache!
(Barbara von Arx-Haller)

Bisch du eleini?
Gäll, Samichlous, jahry, jahruus
wohnsch du eleini i dym Huus?

Isch das für di nid mängisch schwär?
Wettsch nid, dass öpper by der wär?

Mit wäm chasch du am Abe prichte,
u wäm verzellsch du dyner Gschichte?

U bisch de chrank, wär luegt zu dir
u macht der Tee und wäscht der ds Gschir?

We d’truurig bisch, wär tröschtet di?
Mit wäm trinksch du dys Glesli Wy?

Nei, Samichlous, i gloube halt,
du redisch mit de Tier im Wald!

Versteisch du d’Reh u d’Füchs u d’Hase?
Gäll, Chlous, i bi ne Gwundernase!
(Barbara von Arx-Haller)

Summerchlous
Samichlaus, i ha ne Frag:
«Säg, was machsch du jede Tag?
Flügsch im Summer o dervo
uf ne Insle irgendwo?
Ligsch mit Badhosen am Strand,
hesch es Ysgreem i der Hand?
Geisch go fische mit dym Bart?
Machsch im Car e Stadtrundfahrt?
Oder blybsch du geng dehei
i dym Wald, so ganz elei?
Höcklisch gmüetlech vor dym Huus
säg’s, i lache dii nid uus!»
(Lorenz Pauli)

Z Bethlehem
Am Himmel schynt es Stärnli,
im Stall es chlys Latärnli,
es Lüftli geit um ds Schürli,
der Josef macht es Füürli,
d Maria rüschtet Windeli
für ihres Jesuschindeli!
(Ernst Balzli)

Am Fänschter

I drücke jeden Abe
we d’Sunne untergeit
ar chalte Fänschterschybe
mys Gwundernäsi breit.

I luegen allne Lüte
mit grossen Augen nah,
wo dussen uf em Strässli
am Hus verdüre gah.

U trybt es wysses Flöckli
am Fänschterglas verby,
de düecht es mi scho lengschte
sött’s Heiligabe sy…
(Ernst Balzli)

Es lotterigs Schürli
Es lotterigs Schürli, es armseligs Dach,
Wyt usse am Städtli, e schyteri Sach.
Keis Lämpli macht heiter, s isch fyschteri Nacht;
Der Josef het lysli e Türe ufgmacht.
D Maria seit z friede: „Mier blybe jetz do,
Es bitzeli Schärme, für mi tuets es scho.“
Uf s Mal fahts a lüchte, im Stübli wird’s warm.
D Maria het glücklich, es Chindli im Arm.
(Beat Jäggi)

Ds Tanndli
I ha im Wald im töife Schnee
u Gstrüpp versteckt, es Tanndli gseh.

Äs isch zwar no es bitzli chly,
doch schöner gwachse chönnts nid sy.

Glych höch binand füf Eschtli geng,
u kes isch z’churz u kes isch z’leng.

U d Nädeli alli so wie gstrehlt,
i gloube, dass kes einzigs fehlt.

Das Tanndli het der Liebgott da
Ganz gwüss für d’Wiehnacht wachse la!

I wett i wär es Stärnli
I wett i wär es Stärnli,
es Stärnli guldig chly,
denn chönnt i doch am Himmel
und noch bym Christchind sy.

I wett i wär es Stärnli
Und chönnt uf d Ärde goh.
I tät vo jedem Fänschter
Es Wyli blybe stoh.

I wett i wär es Stärnli
Am Christboum obedra.
Wie s Cherzli möchti glänze
Und so my Wiehnacht ha.
(Beat Jäggi)

* Milena Salzmann ist vor kurzem mit ihren drei Töchtern (1,5, 4 und 6) und ihrem Mann aufs Land gezogen. Milch und Eier werden jetzt zu Fuss auf dem Bauernhof geholt, und «Muh» ist das neue Lieblingswort der Jüngsten. So oft wie möglich kommt Milena nach Bern, um die vermisste Stadtluft zu schnuppern und das bunte kulturelle Angebot zu geniessen. Sie hatte uns vor genau einem Jahr nach schönen Värsli gefragt. Und wie wir so sind, haben wir die Frage gleich umgedreht … Merci Milena!

PS: Unsere Lieblingsversli ausserhalb der Weihnachtszeit.

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4. Dezember 2018
Eva Hefti
Merci für die Erklärung! Haha, der "richtige Jahrgang"!
4. Dezember 2018
Annette, aus der Stadt zwar, aber mit dem richtigen Jahrgang um solche Wörter noch zu kennen
"Biecht" ist das neblige Feucht, das in der kühleren Jahreszeit in der Natur rum- und auf den Dingen liegt. So wie Morgentau im Sommer, aber Biecht will dann kaum mehr weg. Korrekt ist diese Erklärung meteorologisch kaum, dient aber vilich dem Värsliverständnis.