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Was sind Kreidezähne? Und was tun bei einem Zahnunfall?

Die Zahnärztin Nora Oelbermann erklärt, was Eltern tun können, um Kinderzähne gesund zu halten – und woran sie sicher keine Schuld tragen.
8 Mrz 2023
Bilder — Pixabay

Mit Nora Oelbermann von der Zahninsel haben wir schon vor fünf Jahren über alles gesprochen, was wir zum Thema Kinderzähne wissen wollten: Ist der Nuggi schlimm? (Nein.) Wie oft am Tag Zähne putzen? (Wenns ein Kampf ist: Einmal gründlich genügt.) Seither sind neue Fragen aufgetaucht. Hier sprechen wir mit ihr über das Thema «Kreidezähne» (Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation) sowie über Zahnunfälle.

Nora Oelbermann, in letzter Zeit höre ich vermehrt von Kindern, die «Kreidezähne» haben. Was ist das?
Das ist eine Schmelzbildungsstörung, die bei Milchzähnen und bleibenden Zähnen auftreten kann. Bei den Milchzähnen ist es selten richtig schlimm, aber bei den bleibenden Zähnen kann es schon zu aufwändigen Behandlungen kommen. Meist kommt es an den Frontzähnen und an den ersten grossen Backenzähnen vor. Deshalb heisst es «Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation», kurz MIH. Dabei wird der Schmelz nicht richtig gebildet, und so brechen die Zähne schon brüchig durchs Zahnfleisch durch. Der Schmelz ist ganz rau und brösmelig und hat deshalb keine Isolationswirkung. Das alles führt dazu, dass das Putzen mit der normalen Zahnbürste schmerzt – gleichzeitig müsste man wegen der rauen Oberfläche eigentlich doppelt so gründlich putzen.

Ist MIH schlimm?
Es gibt ganz leichte Formen, wo nur die Oberfläche betroffen ist; das kann die Zahnärztin versiegeln, man putzt gründlich, und alles ist gut. Aber es gibt auch Formen, bei denen der Zahn so kaputt ist, dass ich als Zahnärztin wirklich denke: Wie soll ich das nur versorgen? Das Problem ist, dass die betroffenen Kinder erst 6 Jahre alt sind und die Kooperation verständlicherweise oft eingeschränkt ist. Hinzu kommt, dass der Zahnnerv oftmals durch die äusseren Einflüsse «genervt» ist und sich entzündet hat. Das heisst: Selbst wenn man anästhesieren könnte, wirkt die Anästhesie schlechter. Es ist ein Teufelskreis.

«Bei MIH ist der Schmelz ganz rau und hat deshalb keine Isolationswirkung. Das alles führt dazu, dass das Putzen mit der normalen Zahnbürste schmerzt – gleichzeitig müsste man wegen der rauen Oberfläche eigentlich doppelt so gründlich putzen.»

Wie weit kann das gehen? Kann es sein, dass ein Zahn gezogen werden muss?
Ja – je nach dem, wie weit die Zerstörung fortgeschritten ist. Aber es gibt auch ganz, ganz viele leichte Formen, bei denen es mit einer Versiegelung und Fluoridieren getan ist.

Das macht die Zahnärztin? Oder muss man auch zuhause mit Fluorid putzen?
Fluoridieren kann man nach der Behandlung bei der Zahnärztin auch zuhause. Das ist sehr wichtig, um den Zahn widerstandsfähig zu machen.

In gewissen Kreisen wird vor Fluorid gewarnt, weil sie es mit dem giftigen Fluor verwechseln. Könnten die Kreidezähne auch eine Folge von Fluoridmangel sein, weil Leute aufgrund solcher Panikmache davor zurückschrecken, fluoridiertes Salz oder Zahnpasta zu kaufen?
Das ist nicht nachgewiesen, nein. Aber das ist tatsächlich eine Verwechslung, die ich ab und zu aufklären muss. Fluor ist ein Giftgas. Fluorid hingegen ist ein wichtiges Spurenelement, das in Knochen und Zähnen enthalten ist und diese Strukturen fest macht. Es ist wirklich wichtig für die Entwicklung gesunder Zähne.

«Auch als Eltern sollte man ab und zu mal mit einer Stirnlampe in den Mund des Kindes schauen.»

Wie bemerkt man MIH überhaupt?
Regelmässig zur Zahnärztin gehen. Und auch als Eltern ab und zu mal mit einer Stirnlampe in den Mund des Kindes schauen: Wie sehen die Zähne aus? Sind sie bräunlich verfärbt, oder sehen sie normal aus? Aber dann bitte keine Panik kriegen: Selbst, wenn man braune Flecken entdeckt, muss das noch nichts Schlimmes verheissen. Es nicht alles grad so verheerend, dass wir uns Sorgen machen müssen.

Was ist denn die Ursache dieser «Kreidezähne»?
Die Ursache ist nicht bekannt. Da ist die Forschung dran. Was man weiss: Bei MIH ist mehr weiche Substanz im Zahn, mehr Collagen. Aber die Ursache ist unklar. Es gibt verschiedenste Theorien – von den Weichmachern im Plastik über Antibiotikum über Bronchialerkrankungen in der frühesten Säuglingsphase. Aber den Grund hat man noch nicht entdeckt.

Ist MIH ein neues Phänomen?
Manche Forschende sagen, ja. Andere sagen: Vielleicht haben wir das früher einfach als Karies diagnostiziert und nicht den Unterschied zwischen Karies und MIH verstanden.

Ohne den Grund zu kennen, ist es wohl auch unmöglich, dem vorzubeugen?
Ja, genau. Das ist mir sehr wichtig zu betonen: Die Eltern können nichts dafür. Es tut mir echt in der Seele weh, wenn ich sehe, was sich die Eltern teils für Vorwürfe machen. Man weiss, dass genau diese Zahnanteile um die Geburt herum gebildet werden. Viele Mütter machen sich deshalb Sorgen, sie hätten sich in der Schwangerschaft falsch verhalten. Aber so lange wir nicht wissen, was die Ursache dieses Problems ist, können wir auch keine Handlungsempfehlungen geben. Also: Bitte keine Selbstvorwürfe, liebe Mütter! Die Eltern sind nicht schuld!

«Es tut mir echt in der Seele weh, wenn ich sehe, was sich die Eltern teils für Vorwürfe machen.»

Wer bezahlt die Behandlung von MIH?
Leider ist da unser IV- und Krankenkassensystem ungenügend. Es müssen alle vier Molaren, also die grossen Backenzähne, und die Schneidezähne «hochgradig» betroffen sein, damit die Grundversicherung die Kosten übernimmt. Das ist unheimlich unfair. Bei  Zahnversicherungen aus der Zusatzversicherung sind die Leistungen zudem extrem unterschiedlich.

Wie behandeln Sie ein Kind mit so stark betroffenen Zähnen? Braucht es da eine Vollnarkose?
Kinder, die grundsätzlich behandlungswillig sind, kann man mit Schmerzmedikamenten im Vorfeld schon vorbereiten. Dann wird die Entzündung gelindert, und die Spritze wirkt besser. Aber es gibt auch Kinder, die schon richtig traumatisiert sind, weil da schon fünf Zahnärztinnen und -ärzte versucht haben, etwas zu machen. Allenfalls lässt sich dann mit Lachgas arbeiten; aber das Kind muss dafür trainiert haben, nur durch die Nase zu atmen. Und wenn das nicht funktioniert, brauchts ein grosses Aufgebot mit einem Narkoseteam. Das sind Anästhesistinnen und Anästhesisten, die auch die ganze Vorabklärung übernehmen.

Haben Sie das schon einmal durchgeführt?
Bislang nicht, aber wir führen das jetzt ein, weil jene Praxen, die Vollnarkosen anbieten, riesenlange Wartelisten haben.

Wer bezahlt das?
Bei Kindern kann man probieren, ob die Kasse etwas übernimmt. Da müsste aber die Kinderärztin oder der Kinderarzt mitreden. Bei Erwachsenen muss schon eine vom Psychiater oder der Psychiaterin attestierte Angststörung vorliegen, damit die Grundversicherung etwas zahlt.

«Nach einem Zahnunfall müssen die Zähne wieder an die richtige Stelle; ein allfälliges Zahnfragment muss rasch wieder angebracht werden.»

Themenwechsel: Zahnunfälle. Wann muss ich zur Zahnärztin, wenn mein Kind aufs Gesicht gefallen ist?
Das Allerwichtigste ist immer, auszuschliessen, dass das Kind ein Schädel-Hirn-Trauma hat. Wenn man das als Eltern zu 99 Prozent ausschliessen kann, aber ein Zahn abgebrochen ist oder locker scheint, dann möglichst umgehend zum Zahnarztnotfall. Die Zähne müssen wieder an die richtige Stelle; ein allfälliges Zahnfragment muss rasch wieder angebracht werden, damit der Zahn erhalten werden kann. Die Universität Zürich bietet hilfreiche Flyer an zum Thema Zahnunfälle, so eines kann man sich auch mal ausdrucken und in die Notfallapotheke legen.

Wie sollte man so ein Zahnfragment aufbewahren? In Milch hört man immer wieder – stimmt das?
Es gibt spezielle Zahnrettungsboxen, die meisten Sportvereine und auch die Schulen haben die unterdessen. Dort ist ein Nährmedium drin, um den Zahn einzulegen. Zuhause geht auch UHT-Milch.

Dann aber so rasch als möglich zum Zahnarzt, zur Zahnärztin.
Genau. Bei ganz vielen Bereichen in der Zahnmedizin bleiben wir ganz entspannt, aber wenns um einen abgebrochenen bleibenden Zahn geht, dann erhöht sich unser Blutdruck ein wenig. Das ist ein Notfall, da gehts um Stunden.

Und bei Milchzähnen?
Auch wenn ein Milchzahn von einem Unfall betroffen ist, rate ich dazu, eine Zahnärztin, einen Zahnarzt aufzusuchen. Selten ist es ein richtiger Notfall, denn gerade im Lauflernalter passiert ein kleiner Zahnunfall recht oft. Milchzähne gehen nach einem Sturz leichter mal verloren oder ein kleines Stückchen bricht ab.

Wo finde ich denn eine Notfallzahnärztin?
Rufen Sie am besten bei Ihrer Zahnärztin, Ihrem Zahnarzt an. Wenn Sie dort niemanden erreichen: Jede Region hat eine Notfallnummer, in Bern und Umgebung ist das Telefon 031 529 60 60.

Weitere Zahnfragen hat Nora Oelbermann hier beantwortet – unter anderem die Frage, wie man ein Kind auf einen Zahnarztbesuch vorbereiten kann. Und hier gibts Tipps, wie Zähneputzen auch ohne Gewalt klappt. Zum Thema Zahnzusatzversicherung haben wir einen Finanzfachmann befragt – er erklärt in diesem Interview, worauf bei einer Zahnversicherung zu achten ist, damit sie wirklich was bringt.

Nora Oelbermann

Die 39-Jährige hat 2015 die Zahnarztpraxis Zahninsel gegründet und ist private Schulzahnärztin der Stadt Bern. Sie leitet in der Zahninsel ein Team von 14 Mitarbeiterinnen inklusive 3 angestellten Zahnärztinnen. In der ZahnInsel sind alle willkommen: vom Baby bis zum Pensionär. Von ihrer Praxis aus hat man einen wunderbaren Blick auf die Alpen, wo sie auch gern ihre Freizeit verbringt.

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